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Wie weiter mit Twitter

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen
Wie weiter mit Twitter

Twitter versagt, weil der Dienst nur 304 Millionen Menschen als Kernnutzer bindet. So interpretiert alle Welt die aktuelle Quartalsbilanz der Firma. Kann sein, dass maximale Reichweite für die Firma insgesamt sinnvoll ist. Für die Medienplattform Twitter, wie sie heute existiert und genutzt wird, wird das nicht funktionieren. Ich sehe derzeit drei dominierende Arten der Nutzung. Hier ein paar Gedanken zur Fortentwicklung dieser – mit und ohne Reichweiten-Dogma:

1. Zugang zu Nachrichten & Wissen

Das umfasst unterschiedliche Dinge:

  • Breaking news („X ist gerade passiert! Hier der Link zu Spon.“)
  • Diskussion dominierender Themenstränge an einem Tag („X hat zu Y das gesagt! Sehe ich auch so! Oder nicht.“)
  • Empfehlen und Entdecken interessanter, nicht unbedingt tagesaktueller Videos, Texte, Vorträge, Grafiken, Zahlen etc. („Der wahre Grund für X ist Z! Interessante Analyse hier, Link zu Blog“)

Wie ließe sich das weiterentwickeln?

  • Paid Content integrieren (wie Blendle es tut): Wenn ich über Twitter einen Beitrag in einem Medium entdecke, zu dem ich keine Kundenbeziehung habe, wäre es eine gute Idee, über Twitter zahlen zu können. Mit einem Klick. Könnte profitabel und einfach sein, ist eher nichts für die größtmögliche Nutzerschaft. Passt nicht zum Reichweiten-Dogma.
  • Sich entwickelnde Nachrichtenstränge und Themengebiete ordnen, visualisieren, verknüpfen und darin das Relevanteste kuratieren. So ähnlich wie ein Live-Event, nur thematisch ausgerichtet und langfristig. Ein Aufruf der Sammlung sagt mir ständig: Was sind die relevantesten Videos und Texte zu Thema X heute, diesen Monat, insgesamt? Kuratiert von Twitter, Software und Experten. Könnte auch etwas für die größtmögliche Zielgruppe und Werbevermarktung sein. Passt zum Reichweiten-Dogma.
  • Brauchbares Management von Bookmarks, Quellen und Empfehlungen, samt Leseansicht und Archiv. Das ist etwas für eine kleine, aber womöglich zahlungswillige Zielgruppe. Wenn ich eine Empfehlung auf Twitter nicht sofort in einem anderen Dienst sammele, archiviere und verschlagworte, ist sie im Zweifelsfall weg (bzw. geht in all den favorisierten Tweets unter).  Passt nicht zum Reichweiten-Dogma.

2. Soziales Netzwerk

Themen-Communitys: Bei Twitter bilden sich Gemeinschaften um bestimmte Themen. Einige Menschen, die ich immer wieder zu Bibliotheken, Open Data, Telekommunikationsrecht oder Copyrights lese, habe ich schon mal auf Tagungen getroffen. Die meisten habe ich nie persönlich gesehen, schätze ihre Empfehlungen und Einschätzungen auf Twitter aber, weil ich sie als Experten wahrnehme.

Das findet sich auf Twitter als Medienplattform kaum wieder, von den Listen einmal abgesehen. Es gibt keine Möglichkeit für strukturierte, themenbezogene Diskussionen oder Übersichten in solchen Zusammenhängen. Von einer Verbesserung würde direkt nur ein kleiner Teil der Nutzer profitieren.  Passt nicht zum Reichweiten-Dogma.

Davon abgesehen das Offensichtliche:

  • Direkte Kommunikation (1-1 oder viele mit vielen): Direktnachrichten – entweder richtig oder gar nicht. Gar nicht wäre allerdings eine verschenkte Chance, weil Twitter oft der erste Berührungspunkt in Themengemeinschaften ist. Passt vielleicht zum Reichweiten-Dogma.
  • Kommunikation in Teams: Empfehlungen und Abstimmung in Teams. Was muss jeder in meinem Team jetzt wissen? Was ist lesenswert? Für solche Kommunikation könnte Twitter ein gutes Werkzeug sein, Firmen würden zahlen, ist aber nichts für die größtmögliche Nutzerschaft. Trotzdem: Absurd, dass Social-Media-Teams nicht Twitter zur Organisation ihrer Arbeit nutzen können. Passt nicht zum Reichweiten-Dogma.

3. News und Unterhaltung für die größtmögliche Zielgruppe

Mehr Video, mehr Bild, mehr Musik, wenige große (Medien)Marken, weniger Text, weniger Auswahl, weniger Interaktionsoptionen für die größtmögliche Nutzerschaft. Hier sehe ich den fundamentalen Unterschied zwischen der ursprünglichen (kleinen) Zielgruppe von Twitter und der größtmöglichen Nutzerschaft. Für die kleinere Zielgruppe sind Links zu externen Quellen, Texte, Diskussion und Auswahl wichtiger als für die größtmögliche Zielgruppe. Allerdings braucht es (womöglich) den Input der kleinen Gruppe als Basis für den Output für die größtmögliche Zielgruppe. Passt zum Reichweiten-Dogma.

In einem Unternehmen und in einer Medienplattform lassen sich diese Nutzungsarten und Zielgruppen sicher geschickt zu etwas Einzigartigem vereinen. Aber sicher nicht in einer Anwendung und einer Schnittstelle für alle Nutzungsarten.

Ceterum Censeo: Es gibt eine Blase bei Geschäftsmodellen nach dem Reichweiten-Dogma. Und das Reichweiten-Dogma ist dämlich (überspitzt formuliert).

Foto: Public Domina, Birds of other lands, 1917, digitalisiert von Archive.org

Blog

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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