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20 Jahre Gameboy: Klötzchen-Alpträume in Graustufen (Spiegel Online, 21.4.2009)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
2 minuten gelesen

20 Jahre Gameboy

Klötzchen-Alpträume in Graustufen

Spielwelten in grüngrau und ein Plastikgehäuse in Elefantenfarbe: Nintendos Gameboy war billig, aber gut genug für einen Weltrekord. Vor 20 Jahren eroberte die Handheld-Konsole erst Japan und dann die ganze Welt – keine Spielkonsole wurde häufiger gekauft als der Plastikzwerg.

Spiegel Online, 21.4.2009

Simpel war die Grafik des Gameboy, aber zumindest nicht schwarzweiß: Die taschenbuchgroße Handheld-Spielkonsole, die Nintendo vor 20 Jahren in Japan in die Läden brachte, stellte die Spielwelten in vier Grautönen auf grünem Hintergrund dar.

Die Konkurrenz-Geräte konnten das damals viel besser: Spielkonsolen-Legende Atari zeigte im selben Jahr auf der US-Hightech-Show CES die eigene Handheld-Konsole namens Lynx. Statt vier Graustaufen zeigte das Atari-Gerät 4096 Farben, statt 6,5 Zentimeter Bildschirm-Diagonale wie der Gameboy hatte das Atari-Spielzeug knapp neun.

Ein Nintendo-Manager verteidigte sein mager ausgestattete Spielzeug in der “New York Times” gegen die Atari-Konkurrenz damals so: “Das ist, als würde man mit dem Ferrari zum Gemüsehändler fahren.” Atari-Chef Sam Tramiel (Sohn des Commordore-Gründers Jack Tramiel) spottete: “Wer würde nicht lieber Ferrari als Toyota fahren? Vor allem kostet unser Gerät nicht so viel wie ein Ferrari.”

20 Jahre später steht es 118 zu 2 für Nintendo. Gerade mal zwei Millionen seiner technisch weit fortgeschritteneren Handheld-Konsolen verkaufte Atari, Nintendo hat laut eigener Statistik von 2008 insgesamt mehr als 118 Millionen Exemplare des Gameboys und der ersten Nachfolgemodels Color verkauft. Damit ist der Plastikzwerg die bislang bestverkaufte Handheld-Spielkonsole überhaupt.

Nintendos Gut-Genug-Prinzip

Simples Design, vergleichsweise niedriger Preis – diese Kombination machte den Gameboy zum Erfolg. Und natürlich Tetris, das jedem verkauften Handheld beigelegte Spiel. Beim Ur-Tetris fallen eckige, ganz unterschiedlich geformte Steine von oben in einen Behälter und müssen so gedreht werden, dass sie möglichst wenig Platz ungenutzt lassen. Wenn eine Reihe komplett ohne Lücke gefüllt ist, verschwinden die Bauklötze und machen Platz für die von oben nachfallenden Spielsteine. Ist der Behälter bis oben hin gefüllt, hat man verloren.

Nintendos Gameboy-Strategie kann man so zusammenfassen: Billig, einfach, kreativ und für die meisten Spieler gut genug. Nicht die theoretischen Möglichkeiten der Hardware sollten die Spieler fesseln, sondern die Vielfalt und Güte der tatsächlich verfügbaren Spiele. Mit der Hardware nach der Gut-Genug-Methode hatte Nintendo beim Gameboy einen unglaublichen Erfolg, genauso wie Jahre später mit der Wii und dem beigelegten Spiel Wii Sports.

Für Spielwarenhändler unbekannter Digitalkram

In Japan kaufen im ersten Monat nach Einführung des Gameboys 200.000 Menschen das Spielgerät. In den Vereinigten Staaten war die erste Lieferung von einer Million Gameboys laut dem Fachjournalisten Steven L. Kent einige Wochen nach Verkaufsbeginn im August 1989 ausverkauft. Diesen Erfolg kann man sicher nicht auf geschicktes Marketing und teure Werbung zurückführen – schließlich wussten viele Spielzeughändler mit dem Digitalkram 1989 wenig anzufangen. Ein Toys’R’Us-Manager erzählte der “New York Times” 1989 noch von einem interessanten “russischen Spionagespiel” namens “Tetrus“.

Nintendos Gameboy war ein wirklich fesselndes Spielzeug, keine Werbe-Luftnummer. Der Erfolg des Unternehmens in Deutschland lässt sich mit einem kleinen Vergleich veranschaulichen: 1989 gründete Nintendo eine deutsche Tochterfirma, 1990 machte diese 500 Millionen Euro Umsatz und hatte einen Marktanteil von 15 Prozent am deutschen Spielwarenmarkt – vor Lego.

Um die 160 Mark kostete ein Gameboy, 50 bis 70 Mark ein Spiel. Zwei Millionen Stück hatte Nintendo im ersten Jahr verkauft. Anfang 1992 hatte Nintendo 35 deutsche Mitarbeiter allein dafür abgestellt, am Telefon Fragen von Spielern zu beantworten – tausend Briefe und 12.000 Anrufe kamen damals pro Woche bei dem Unternehmen an. Die meisten Leute wollten wissen, wie sie in vertrackten Spielen weiterkommen.

In einem “Der Teufel persönlich” betitelten Artikel nannte “Die Zeit” den Gameboy 1991 dann sogar eine “Elektronik-Droge”. Das Gerät habe “einen fast unerklärlichen Erfolg”, hieß es damals. Und über den Spielklassiker Tetris: “Viele Süchtige berichten, dass seine seltsamen fallenden Klötzchen sie bis in den Traum hinein verfolgen.”

Das waren noch Zeiten.


Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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