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Attacke auf Apple: Microsoft legt seinen Flop-iPod neu auf (Spiegel Online, 3.10.2007)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Attacke auf Apple

Microsoft legt seinen Flop-iPod neu auf

Drei neue Zune-Player, eine Million Songs ohne Kopierschutz: Microsoft gibt ein paar Grundsätze auf, um Apples Beinahe-Monopol auf dem Musikmarkt zu brechen. Microsofts Gegenangebot zum iPod: weniger Kundengängelung, kostenlose, neue Software für alle.

Spiegel Online, 3.10.2007

Die Lippen zusammengepresst, die Augen starr – Microsoft-Vizepräsident J. Allard sieht nicht sehr glücklich aus auf diesem offiziellen Pressefoto. Sein Boss Bill Gates neben ihm lächelt entspannt, beide halten die neuesten Modelle der Microsoft-iPods hoch. Der Unterschied: Gates hält hier nur sein Gesicht hin, Allard seinen Kopf. Er hat die undankbare Aufgabe, die ungeliebten Geräte zum Erfolg zu machen.

Seit mehr als einem Jahr versucht Microsoft das. Technisch sind die Geräte gar nicht schlecht, die neuen bieten sogar ein paar Details, die Apples iPod nicht hat. Trotzdem scheint das Gerät noch schlechter gegen die iPods anzukommen, als selbst Microsoft es erwartet hat.

1,2 Millionen Zunes wurden bisher gekauft – damit hat Microsoft in den Vereinigten Staaten einen Marktanteil von drei Prozent. Das ist laut den Markforschern der NPD Group Platz vier. Nummer eins hat Apple mit 70 Prozent.

Das scheint schlimmer als erwartet: Eigentlich sollte in diesem Herbst der Zune nach Europa kommen. Doch das hat Microsoft-Boss Steve Ballmer abgeblasen. Keine Auslandspläne, bis wirtschaftliche Ziele erreicht sind, sagte er im Juni der Wirtschaftswoche.

Drei neue Modelle

Jetzt versucht Microsoft es noch einmal, ausschließlich in den Vereinigten Staaten. Dort erscheinen Mitte November drei neue Zune-Modelle:

  • Zune 4. Ein völlig neues, mit dem leichten, kleinen und akku-schonendem Flash-Speicher ausgestattetes Modell. Die Version mit 4 Gigabyte Speicherplatz kostet so viel wie der vergleichbare iPod Nano: 149,99 Dollar
  • Zune 8. Bis auf den Speicherplatz (8 statt 4 Gigabyte) vergleichbar mit dem Zune 4. Auch dieses Modell kostet so viel wie das Apple-Äquivalent: 199,99 Dollar.
  • Zune 80. Dieses Modell hat eine kleine Festplatte als Speicher (80 Gigabyte). und kostet so viel wie der ähnlich ausgestattete iPod Classic: 249 Dollar.

Bei der Hardware-Ausstattung sind die neuen Microsoft-Geräte der Apple-Konkurrenz weder gravierend unter- noch überlegen. Sie haben ein paar Details, die Apple nicht bietet: Zum Beispiel ein eingebautes Radio in jedem Modell. Ganz neu ist der Zugang zu drahtlosen Netzwerken über eine W-Lan-Verbindung – so etwas beherrscht nur Apples neuestes iPod-Modell Touch.

Zune-Besitzer können ihr Gerät von einem Computer im Drahtlos-Netz oder einem anderen Zune-Player mit Musik befüllen – ohne den Player anstöpseln zu müssen. Allerdings kann man bei Microsoft über das W-Lan nicht Musik kaufen wie mit Apples iPod Touch.

Neue Funktionen auch für Alt-Geräte

Mit einer netten Geste will Microsoft sich von Apple abgrenzen. Der Mac-Konzern war vorige Woche bei vielen Fans in Ungnade gefallen, als eine offizielle Aktualisierung der iPhone Software alle Zusatzprogramme Apple-unabhängiger Drittanbieter funktionsunfähig machte. Microsoft verspricht nun ein Zune-Update, dass Funktionen erweitert, statt zu beschränken. Nach der Aktualisierung sollen auch die alten Zune-Modelle jetzt neu vorgestellte Funktionen bekommen. Zum Beispiel:

  • Neue Videoformate wie H.264 and MPEG-4 – bisher mussten Zune-Besitzer Dateien in diesen Standardformaten erst eigens für ihre Microsoft Geräte umwandeln.
  • Video-Aufnahmen können direkt aus Microsofts digitalem Videorekorder für PCs "Media Center PC" auf die Zunes übertragen werden
  • Zune-Besitzer können untereinander drahtlos Musikdateien mit weit weniger Beschränkungen als bisher tauschen. Jetzt teilbar: komplette Alben statt einzelner Lieder, ganze Playlisten und Podcasts. Allerdings können die Empfänger diese Daten nach drei Tage nicht mehr abspielen.

Eine Million Songs ohne Kopierschutz

In Microsofts Musikladen "Zune Marketplace" sollen demnächst eine Million Lieder ohne Kopierschutz zu kaufen sein. Wie viel sie kosten werden und von welchen Plattenfirmen sie kommen, verrät Microsoft aber noch nicht. Mit einem ähnlichen Angebot hatte Amazon Ende September Apple attackiert: Zwei Millionen Songs ohne Kopierschutz zu Kampfpreisen von 89 oder 99 US-Cent. In Apples iTunes Store kosten kopiergeschützte Titel 99 Cent, ohne DRM gibt es sie für 1,29 Dollar.

Wie revolutionär und gut das Microsoft-Angebot also wirklich ist, wird sich erst zeigen, wenn Details bekannt sind – vor allem von wie vielen der vier großen Plattenfirmen Microsoft Material anbietet. Zum Vergleich: Bei Amazon kommen die kopierschutz-freien Titel auch von den großen Plattenfirmen EMI und Universal. Da sind auch Stücke von Künstler wie den Beastie Boys, Coldplay und Ella Fitzgerald im Angebot.

Analysten: Microsoft ein Jahr hinterher

Zudem ist fraglich, ob auch Microsoft jene Titel ohne Kopierschutz ausliefern wird, die Zune-Besitzer mit einem Musikabo laden: Für 15 Dollar im Monat können Zune-Besitzer beliebig viel Musik aus dem Microsoft-Angebot laden und hören. Sobald das Abo ausläuft, macht der Kopierschutz die Musikdateien aber unabspielbar.

Analysten bezweifeln, dass all das ausreicht, um Microsofts Erwartungen an den Zune zu erfüllen. Matt Rosoff, von der Marktforschungsfirma "Directions on Microsoft" sagte der US-Tageszeitung "Seattle Post-Intelligencer: "Das ist ein tolles Gerät – für das Jahr 2006." Nach den Verbesserungen sei Microsoft heute da, wo die Firma schon beim Zune-Start 2006 hätten sein sollen.

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Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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