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Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (SPIEGEL online, 23.08.2000)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
2 minuten gelesen

Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

Tote Autoren kommentieren beim Internet-Buchhändler Amazon.com ihre Werke

SPIEGEL online, 23.08.2000

Im Himmel wird Englisch gesprochen. Oder Albert Einstein war einfach zu aufgeregt, um einen klaren Satz zu schreiben, als er Gott beobachtete – beim Würfeln. Zumindest schrieb er am 10. August in ungelenktem Deutsch beim Internet-Buchladen Amazon.com in einem Autorenkommentar zu einem seiner Bücher: „Ich hab den lieber Gott am Wurfelspielen gesehen. Ja tatsaechlich! Ich hab’s gesehen.“ Und in Englisch schob er hinter her: „God does play with dice. Really! I’ve seen him playing.“

Dass Einstein den “Holy Secretarial Service” für das miese, da übersetzte Deutsch verantwortlich macht, stimmt misstrauisch. Muss Einstein, der in Zürich studierte, sich tatsächlich beim Deutsch schreiben helfen lassen? Ganz abgesehen davon ist schwer zu erklären, wie eine eMail aus dem Himmel auf der Amazon.com Seite landet.

Das britische online-Magazin Need to know glaubt gar „die teuflische als Amazon bekannte Sekte“ würde tote Autoren zum Leben erwecken. Ihre investigativen Kollegen von The Register haben hingegen herausgefunden, dass es gar nicht tote Autoren selbst sind, die so etwas schreiben. Vielmehr könnte praktisch jeder auf den Button „Ich habe das Buch geschrieben, und ich möchte einen Kommentar über mein Buch abgeben“ klicken und drauflos schreiben. Ernsthafte Kontrollen habe man nicht bemerkt.

So kommt es dann, dass Dostojewski (dostoyevsky@soviet.gulag.siberia.org) am 25. Juli 1996 seine „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ kommentiert: „I'm dead but I like it! Yeah, I'm the author! Risen from the underground! Ha! Great book! I recommend it highly!“

Einige Autoren ärgert das. Ted Dawn zum Beispiel, der Vorsitzende der Kinderbuchautoren- Gruppe bei der britischen Schriftstellervereinigung zeigte sich gegenüber Amazon „tief besorgt“. Andere Kollegen sehen das gelassen. Der britische Schriftsteller Matt Thorne meinte, nachdem Journalisten von The Register in seinem Namen Kommentare schrieben: „Darüber bin ich gar nicht besorgt. Das spart mir doch die Arbeit, es selbst zu tun.“

Auch wenn es Thorne betrübt- Amazon in Großbritannien behauptet, so etwas könne eigentlich gar nicht passieren. Pressesprecherin Lisa Ramshaw lobt „Sicherheitskontrollen“, die bisher nicht versagt hätten. Wie die denn aussehen, wollte sie The Register nicht verraten – dann würde sie ja jeder kennen und umgehen können.

Bei Einstein und Dostojewski haben die Kontrollen wohl versagt. Ein Tipp für solch schwierige Fälle: Anhaltspunkt könnte hier das Sterbedatum sein. Albert Einstein starb am 18. April 1955 und Fjodor Michajlowitsch Dostojewski am 9. Februar 1881.

 

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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