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Betrug im Mitmachnetz: Die Bewertungssöldner kommen, Spiegel Online, 21.5.2007

Konrad Lischka
Konrad Lischka
5 minuten gelesen

Betrug im Mitmachnetz

Die Bewertungssöldner kommen

Betrüger tricksen immer häufiger die Bewertungssysteme von YouTube und Co. aus. Jetzt bietet ein Unternehmen sogar eine Software zur gezielten Manipulation an. Die wichtigste Währung im Mitmach-Netz – das Wohlwollen der User – ist in Gefahr.

Spiegel Online, 21.5.2007

Der Konflikt in Darfur ist kein großes Thema in US-Regionalzeitungen – wenn er denn überhaupt einmal erwähnt wird. Am 10. Mai war das anders: Ein Darfur-Kommentar des Menschenrechts-Aktivisten John Prendergast schaffte es im "Boston Globe" nach ganz oben, auf den Spitzenplatz der Website. Keinen Artikel hatten so viele Leser empfohlen wie diesen – binnen 45 Minuten war Darfur das Thema Nr. 1. Das war der erste Erfolg der neu gegründeten US-Firma Collactive. Ihr Geschäft: Im Kundenauftrag mit Bewertungsnetzwerken Internetseiten beeinflussen.

Bei diesem Geschäft mit der Leser-Aufmerksamkeit nutzten Unternehmen eine zentrale Funktionsweise des Web 2.0: Je mehr Nutzer ein Video, ein Foto, einen Text anklicken oder empfehlen, umso populärer wird er auf der Internetseite platziert. Manche Seiten wie YouTube oder die Online-Ausgabe des "Boston Globe" präsentieren diese Rückkopplung in eigenen Kästen wie "Most viewed" oder "Most E-Mailed". Auf anderen Seiten, die lediglich Links zu Texten oder Internet-Seiten sammeln und empfehlen wie Digg, Reddit und del.icio.us ist die Beliebtheit sogar das zentrale Platzierungskriterium. Grundregel: Je beliebter, desto prominenter.
Popularität nährt sich selbst

Die Folge: Wer hier mit einer stramm organisierten Gruppe von Bewertern einen Stein ins Rollen bringt, kann einen sich selbst verstärkenden Popularitäts-Schub auslösen. Genau das bietet Collactive seinen Kunden an. Die Darfur-Geschichte war ein Test: Die US-Menschenrechtsgruppe "Genocide Intervention Network" testete kostenlos die Collactive-Dienste. Das geht so: Der Auftraggeber sucht sich eine Nachricht, ein Video, einen Link auf Seiten wie Digg, Reddit oder YouTube aus. Dann definiert er, was Nutzer mit diesem Stück tun sollen – weiterempfehlen, positiv oder negativ bewerten. Dann gibt man die E-Mail-Adressen derjenigen ein, die zum Handeln aufgerufen werden sollen.

Das "Genocide Intervention Network" speiste über eine Schnittstelle die 30.000 Adressen der Abonnenten seiner Mailing-Liste ein. Das einzige was die Empfänger der E-Mail tun müssen: Auf den Link "Handle jetzt" klicken – was dieser Klick auslöst, hat der Verfasser im Voraus bei Collactive bestimmt. Die Wirkung im Fall Darfur: Binnen 45 Minuten war der vom "Genocide Intervention Network" ausgewählte Kommentar das meist empfohlene Stück auf der Seite des Boston Globe.

Collactive: "Wir demokratisieren das Web 2.0"

Das mag bei einem Thema wie Darfur sympathisch wirken – aber die Software des Start-ups Collactive – dahinter stehen zwei Millionen US-Dollar des renommierten Risikokapitalgebers Sequoia Capital – ist für jedermann verfügbar: "Collactive ist offen für jedes Thema und jeden Nutzer", sagt der Gründer und Geschäftsführer Eran Reshef zu SPIEGEL ONLINE. Er sieht das nicht als Manipulation, sondern als Korrektur der Web-2.0.-Funktionsweisen: "Wir demokratisieren das Web 2.0. Bisher haben vor allem zwei Gruppen bestimmt, was im Web 2.0 als populär gilt: Technisch versierte Nutzer und große Unternehmen, die Profis dafür bezahlen, ihre Themen unerkannt hochzupushen." Einige Versuche, die von Kritikern längst als allzu manipulierbar ausgemachten Bewertungsportale den eigenen Wünschen – oder denen zahlender Kunden – anzupassen, gab es bereits in der Vergangenheit. Collactive hat den Prozess nun offenbar professionalisiert.

Auch Collactive nimmt gern Unternehmen als Kunden: Für Privatpersonen ist die Nutzung kostenlos – Interessengruppen, Nicht-Regierungs-Organisationen, Parteien und Unternehmen müssen bezahlen. Die Bezahl-Version von Collactive hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber der kostenlosen: Die Organisationen können eine bestehende Datenbank von E-Mail-Adresse ihrer Mitglieder für jeden Aktionsaufruf nutzen.

Bei der kostenlosen Version hingegen muss der Aufrufende jedes Mal von neuem die Adress-Liste seiner potentiellen Unterstützer eintippen. Sprich: Unternehmen können häufiger, schneller und mehr Unterstützer mobilisieren als einfache Collactive-Anwender. Für Collactive-Gründer und Geschäftsführer Eran Reshef widerspricht das nicht dem Demokratisierungsgedanken: "Solche Gruppen konnten ihre Ansichten immer schon viel massiver als Individuen in die Öffentlichkeit bringen. Collactive verringert diesen Vorsprung deutlich."

Collactive-Kritiker: "Das ist Manipulation"

Kritiker sehen das ganz anders: "Trickser", "Spammer", "Betrüger" urteilen IT-Blogger auf US-Branchen-Seiten wie TechCrunch, Mashable und Infoworld. Der Geschäftsführer des Nachrichten-Bewertungs-Portals Digg, Jay Adelson, greift Collactive im Wall Street Journal hart an: "Es macht einen Unterschied, wenn man eine Marketingfirma ist und etwas nach oben manpulieren will."

Der Streit um Collactive ist Teil des großen, ungelösten Problems im Web 2.0: Immer mehr Bewertungsbetrug, immer mehr Misstrauen. Beim Videoportal YouTube werden regelmäßig Manipulationen bekannt. Zuletzt verschafften unbekannte Profis einem Werbespot für das Energie-Getränk IRN-BRU auf YouTube 113 Millionen Zuschauer und 70.000 Fünf-Punkt-Bewertungen innerhalb weniger Tage. Der Clip ist inzwischen gelöscht. Andere Fälle: Ein Scientology-Video schafft es bei YouTube in erstaunlich kurzer Zeit dank erstaunlich vieler erstaunlich positiver Kommentare nach ganz oben. Ähnlich ergeht es einem Mädchen, das unter dem Pseudonym Greenteagirlie bei YouTube auftritt.

Was Collactive zu Neonazis sagt

Matt Foremski, der vor einem Jahr den wohl bekanntesten YouTube-Betrugsfall, lonelygirl15, aufgedeckt hat und heute mit der Firma Vidstars YouTube-Schleichwerbung vermarkten will, sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Bewertungsbetrug auf YouTube ist sehr einfach." Die meisten Clips würden nach einem Tag gelöscht werden, YouTube gehe aktiv gegen Spammer vor. Aber: "Sie haben ihr Bewertungssystem nicht geändert, sie zählen noch immer Seitenaufrufe statt einzelner Besucher." Dass Nutzer überhaupt den Bewertungsbetrug wittern, liegt laut dem Betrugs-Forscher von der Harvard University Ben Edelman daran, dass die Betrüger zu gierig werden.

"Lasst die Extremisten ruhig marschieren"

Collactive arbeitet anders als solche Spammer, die Computer-Programme die Handlungen echter Nutzern imitieren lassen, was eindeutiger Betrug ist. Bei Collactive hingegen muss jeder Klick von einem anderen Menschen, zumindest von einem anderen E-Mail-Empfänger kommen. Collactive-Gründer und Geschäftsführer Eran Reshef glaubt daher: "Unser System ist für Spammer uninteressant. Man braucht viele echte Unterstützer, um mit dem System sichtbare Effekte zu erzielen."

Der Vorteil ist: Man kann diese Unterstützer schnell und zielgerichtet mobilisieren. Eine Chance für gut organisierte Radikale, die öffentliche Meinung zu beeinflussen? Reshef: "Das ist ein Argument. Aber es ist eine kulturelle Frage, wie man mit extremen Meinungen umgeht." In den Vereinigten Staaten gebe es da eine andere Übereinkunft als in Europa, sagt Reshef: "Hier gilt: Lasst die Extremisten ruhig in der Öffentlichkeit marschieren – damit wir alle über sie lachen können."

Doch für die Glaubwürdigkeit der Bewertungsfunktion im Web 2.0 ist es wohl egal, ob nun echte Neonazis bei Digg eigene Themen ganz oben auf die Agenda bringen oder ein Agentur ein Energie-Getränk unter die Top-Videos auf YouTube drückt: Das Vertrauen in die Filter-Funktion der Nutzer-Gemeinschaften leidet.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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