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Big Brother: Spanner in Uniform (Freitag, 18.2.2000)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Big Brother

Spanner in Uniform

In Deutschland gibt es 400.000 Überwachungskameras – Bayern versucht die erste Vernetzung

Freitag, 18.2.2000

Als die TV-Moderatorin Jill Dando im April 1999 vor ihrer Londoner Haustür erschossen wurde, hatte das britische Innenministerium Grund heimlich zu jubeln. 45 Millionen Pfund hatte es seit 1995 in die landesweite Videoüberwachung mit zirka 200.000 Kameras investiert. Nun konnte man die Perfektion der Technik vorführen: Die letzten Stunden Dandos wurden nahezu durchgehend auf Video dokumentiert – vom Einkaufsbummel durch die Stadt bis zur Fahrt nach Hause. Da werden Deutschlands Innenminister und Polizeipräsidenten neidisch. Hierzulande gibt es nach Schätzungen zwar gut 400.000 Kameras, die auf private Sicherheitsdienste, Polizeizentralen, Verkehrsleitstellen verteilt sind. Zentral ausgewertet werden können sie jedoch nicht.


Noch nicht. Das bayerische Innenministerium plant in München ein Modellprojekt zur Videoüberwachung. Von einem ähnlichen Vorhaben in Regensburg hatte es Ende Januar noch nicht einmal den bayerischen Datenschutzbeauftragten Reinhard Vetter informiert – er erfuhr es aus der Tagesordnung des Landtages.

Die Leisetreterei hat guten Grund. In München wird die Polizei auf
über 1.000 Geräte der Verkehrsbetriebe und Verkehrüberwachung
zurückgreifen. Schon jetzt ist ein Fußgänger auf den knapp 1.000 Metern
zwischen dem Münchner Lenbachplatz und dem Karlstor immer auf den
Überwachungsmonitoren. Die Polizei will noch draufsatteln:
Sicherheitspartnerschaften mit Geschäftsleuten sollen deren Kameras
verfügbar machen. Eine flächendeckende Überwachung sei aber völlig
abwegig, hieß es zuerst aus dem Innenministerium. Die Observation sei
auf so genannte Angstträume begrenzt. Kurz darauf signalisierte Bayerns
oberster Ordnungshüter Günter Beckstein, die Ausweitung auf andere
Städte sei "denkbar". In Ostdeutschland sind diese Pläne bereits
Realität. In Dresden beobachten dreizehn Polizisten die Fußgängerzone
von zehn Uhr morgens bis um zwei in der Nacht per Videokamera. Ein
örtliches Kaufhaus soll die 100.000 Mark teure Überwachungsanlage
gesponsort haben. Wessen Interessen also geschützt werden, ist
offensichtlich. In Leipzig ebenso. Hier filmt die Polizei das Zentrum
des Stadtteils Connewitz – Hochburg der autonomen Szene.

Fast alle Datenschützer fürchten die Konzentration des Zugriffs auf
private Beobachtungskameras durch die staatliche Hand. In Bayern warnt
Reinhard Vetter vor "einer Summierung einzelner
Beobachtungssituationen". Eine solche Infrastruktur hält er für
verfassungsrechtlich unzulässig. Was erlaubt ist, weiß nicht einmal der
Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Joachim Jacob. Er warnte schon
im Mai vergangenen Jahres vor "rechtlichen Grauzonen". Grundsätzlich
gilt nach Bundesdatenschutzgesetz: Es darf gesehen, aber nichts
aufgezeichnet werden, bis ein konkreter Tatverdacht einer Straftat
besteht. Eine verdächtige Situation tritt aber schon ein, wenn an einem
Ort ab und an kleine Drogendeals abgewickelt werden – so das
Verständnis der Münchner Einsatzabteilung.

"Im Polizeirecht hat es in den vergangenen Jahren eine derartige
Aufweichung der gesetzlichen Tatbestände gegeben, dass man
rechtstaatliche Pfeiler nur noch schwer verankern kann", kommentiert
der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Hartmut Bäumler.
Bisher regeln nur die neuen Datenschutzgesetze Brandenburgs und
Schleswig-Holsteins die Videoüberwachung explizit. Gespeichert werden
dürfen danach die Aufzeichnungen nur, wenn dies den Betroffenen
erkennbar gemacht wird.

Im Gegensatz zu vor zehn Jahren ist es heute auch kein Problem mehr,
die Betroffenen zu identifizieren. "PersonSpotter", ein an der
Ruhr-Universität Bochum und der University of Southern California
entwickeltes Gesichtserkennungsprogramm vergleicht Videobilder mit
einer Datenbank und identifiziert Personen so verlässlich, dass es vom
US-Militär bereits ausgezeichnet wurde. Sahnehäubchen: eine
demographische Analyse der Menschen im Kamerabereich nach Alter,
Geschlecht – und natürlich so genannter Rasse. Eine andere Software
wird an der Universität Leeds entwickelt. Sie soll automatisch
"verdächtiges" von "normalem" Verhalten unterscheiden. Einen Dieb
erkennt der Computer also schon, bevor er klaut – am Gang.

Was die Angsträume heißen können, ist heute bereits in Regensburg zu
beobachten. Kamera 3 sitzt auf einem Mast hoch über einer Kreuzung –
und kann nach Belieben auf und in den Lokalpuff "Palais d’Amour"
geschwenkt und gezoomt werden.


Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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