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CES-Trend: Bye-bye, Ladekabel (Spiegel Online, 10.01.2009)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

CES-Trend

Bye-bye, Ladekabel

Aufladefläche statt Netzteil: Auf der Hightech-Show CES zeigen Hersteller die ersten Handys, die Strom drahtlos per Magnetfeld tanken. Die Vorführgeräte funktionieren, doch das Ende des Kabel-Kuddelmuddels ist noch weit weg – bislang fehlt ein Standard für Drahtlos-Strom.

Spiegel Online, 10.01.2009

Den Ärger hatte jeder schon mal, der mit einer Digitalkamera, einem Mobiltelefon und einem MP3-Player verreist ist: Jedes Gerät braucht ein eigenes Netzteil, viele sehen sich ähnlich, und doch passt kein Netzteil eines Herstellers an die Geräte eines anderen. Also ist man mit einer Tüte voller Kabel-Spaghetti unterwegs. Und irgendein Kabel hat man bei dem Kuddelmuddel garantiert vergessen.


Auf der Hightech-Show CES zeigen zwei Unternehmen ihre Lösungen für dieses Problem: Kabel weg. Ersetzen soll sie eine Auflagefläche in Kombination mit kleinen, bestenfalls in den Geräten, schlimmstenfalls in einer Schutzhülle integrierten Magnetspulen.

Aufladefläche statt Kabel-Spaghetti

Das klingt kompliziert, funktioniert beim Selbstversuch mit den Prototypen der Hersteller Fulton Innovation und Powermat auf der Messe aber problemlos: Man legt den Blackberry, das iPhone oder den Akkuschrauber einfach auf die Ladeplatte, die magnetische Anziehung weist den Weg in die richtige Position, und sofort lädt sich der Akku auf. Keine Kabel, keine Verteilersteckdosen – eine Aufladefläche genügt für mehrere Geräte.

Solchen Drahtlos-Strom versprechen Unternehmen schon lange – auf der CES sind in diesem Jahr die ersten marktreifen Produkte zu sehen. Smartphone-Hersteller Palm liefert sein neues Telefon Pre mit einem Drahtlos-Aufladegerät namens Touchstone aus. Das Prinzip ist dasselbe wie bei den Aufladeflächen von Fulton und Powermat: magnetische Resonanz. Eine Senderspule im Ladegerät überträgt dabei elektromagnetische Energie zur gekoppelten Empfängerspule im aufzuladenden Gerät.

RFID-Chip aktiviert Magnetfeld

Nur ein Gerät mit derselben Resonanzfrequenz nimmt die Energie auf – andere Objekte sollen nicht beeinflusst wurden. Das klappte bei einem simplen Selbstversuch bei Powermat – ein auf die Aufladefläche von Powermat gelegtes iPhone nahm keinen Schaden. Gar nichts passierte.

Der Hersteller baut in die Aufladeadapter RFID-Nahfunk-Chips ein. Ihr Signal aktiviert erst die Aufladefläche und sagt ihr, welches Gerät sie zu bedienen hat. Der Mutterkonzern Alticor des Herstellers Fulton nutzt die Drahtlos-Technik schon länger in seinen Produkten zur Wasserbehandlung per UV-Licht – die Lampen werden per Magnetfeld angetrieben.

100 US-Dollar für die Ladefläche

Powermat will Ende des Jahres die ersten Adapter für Drahtlos-Strom verkaufen. Vorerst nur in den Vereinigten Staaten, ein Start in Deutschland ist für 2010 geplant. Die Ladeflächen sollen 100 US-Dollar kosten. Zum Aufladen unterwegs packt man die zusammenklappbare Aufladefläche (etwa so voluminös wie fünf Schokotafeln übereinander) ein, stöpselt sie in die Steckdose und kann dann vier Geräte gleichzeitig drahtlos aufladen – drei kleine wie Mobiltelefone und ein größeres wie einen Laptop (dessen Stecker man in einen speziellen Adapter stöpselt, der auf der Aufladefläche liegt).

Die Powermat-Adapter für Geräte sollen 30 US-Dollar kosten. Powermat zeigte Adapter für iPhones, iPods (Touch, Nano, Classic), einige Motorola- und Nokia-Telefone. Bei diesen Adaptern sind die Magnetspulen- und Funkchips in Schutzhüllen versteckt.

Das ist ein Notbehelf. Die Ingenieure von Fulton und Powermat sagen, dass die Technik klein genug ist, um sie in kleine Geräte wie Mobiltelefone zu integrieren. Fulton zeigte einen entsprechende Prototypen eines iPhones, in das die Ingenieure irgendwie die Aufladetechnik integriert haben. Bei Fulton war auch der Prototyp eines Handy-Akkus zu sehen, in dem die Technik fürs drahtlose Aufladen integriert ist. Palm hat das beim Pre offensichtlich auch geschafft.

Selbst wenn das alles in der Praxis so gut funktioniert wie bei den Demonstrationen der Hersteller, hat der Drahtlosstrom ein recht großes Problem – das Henne-Ei-Dilemma. Wirklich attraktiv ist die Technik nur, wenn man für die Mobiltelefone, Kameras und sonstigen Geräte keine Extra-Adapter für den Drahtlosstrom braucht. Aber um Hersteller davon zu überzeugen, diese Module einzubauen, muss eine Menge Menschen Drahtlos-Ladegeräte kaufen.

Laptop lädt drahtlos

Powermat geht dieses Dilemma mit dem Adapter-Notbehelf an. Fulton Innovation wird keine eigenen Produkte anbieten – man arbeitet mit Partnern zusammen, die gegen Lizenzgebühren die Drahtlos-Stromtechnik in ihre Geräte einbauen. Noch in diesem Jahr wird Bosch in den Vereinigten Staaten Akkuschrauber verkaufen, die sich drahtlos aufladen lassen. Außerdem will der Chiphersteller Texas Instruments Fultons Drahtlos-Aufladetechnik in einige seiner Chips integrieren.

Allerdings sieht es derzeit so aus, dass man seinen Palm Pre nicht einfach so auf einer Aufladefläche von einem anderen Hersteller wie Fulton oder Powermat laden kann. Ein Standard für die Kommunikation der Geräte und die verwendeten Frequenzen fehlt bislang. Immerhin existiert seit Mitte Dezember ein Hersteller-Konsortium, das einen Standard erarbeiten soll – einige der bekannteren Mitglieder neben Fulton Innovation: Texas Instruments, Logitech, Philips und Olympus.

Drei Hersteller, kein Standard

Ob das reicht, um einen Standard zu setzen, ist unklar. Schön wär’s. Und wenn es denn einmal einen Standard gibt, haben die Hersteller noch allerhand verblüffende Ideen, was der Drahtlos-Strom noch alles tun könnte: Fulton Innovation zeigte einen Küchentisch mit eingelassenen Ladepunkten, der Küchengeräte antreibt (Mixer, Küchenmaschine), ein Powermat-Ingenieur führte einen Schreibtisch mit eingelassenen Ladepunkten vor, der ein Radio, einen Laptop und eine Lampe drahtlos mit Strom versorgte.

Das könnte auch das Ende der hässlichen, staubfangenden Kabelhaufen sein, die fast unter jedem Schreibtisch lauern. Einziger Haken dabei: Man kann die Geräte nicht einfach so verschieben – sie müssen schon in der Nähe der Ladepunkte stehen.


Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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