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Copyright-Debatte: Die Feinde der "Contentmafia" sind Heuchler (10.2.2012)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Copyright-Debatte

Die Feinde der “Contentmafia” sind Heuchler

Das Urheberrecht hat im Internet viele Feinde, oft schlagen sie in Debatten hysterische Töne an. Tatsächlich ist das Urheberrecht eine gute, nützliche Sache – es gibt Künstlern Macht gegenüber Konzernen und gehört gestärkt, nicht geschwächt.

Spiegel Online, 10.2.2012

{jumi [*3]}

Das Urheberrecht ist das eigentliche Übel, ein vormodernes Überbleibsel aus analogen Zeiten, das heute die Freiheit fast aller Menschen einschränkt, aber nur einer winzigen Minderheit nützt. So lässt sich, grob vereinfacht, die Position vieler Urheberrechts-Verächter zu aktuellen Streitfällen wie Megaupload oder Sopa zusammenfassen. Das Urheberrecht hat viele Feinde im Netz. Manche Kritiker argumentieren sogar, es müsse ganz abgeschafft werden, weil es nur der “Contentmafia” nütze und “Zensur” im Dienste des Copyright” drohe.

Diese Sicht ist bemerkenswert einseitig. Von allen technischen, juristischen und ökonomischen Unzulänglichkeiten der heutigen Umsetzung einmal abgesehen: Das Urheberrecht ist ein großartiges Konzept. Es gibt Schöpfern die Freiheit, in einer kapitalistischen Marktwirtschaft mitzuspielen. Erst das Urheberecht verleiht Geschichten, Bildern, Liedern eine Warenform, die Schöpfer auf den Märkten handeln können. Urheber können zum Beispiel entscheiden, einige Rechte Verwertern zu verkaufen, um sich aufs Schreiben, Komponieren, Gestalten zu konzentrieren statt selbst zu vermarkten.

Urheberrecht schafft Freiheit im Kapitalismus

Das Urheberrecht ermöglicht diese Arbeitsteilung, und das ist eine gute Sache: Wenn jeder sich auf eine Tätigkeit spezialisieren kann, die er gut und gerne macht, profitieren in der Regel alle davon. Dass ein Künstler auch ein guter Vermarkter, Programmierer und Vertriebler ist, kann vorkommen. Solche Multitalente sind aber eher die Ausnahme. Ein beliebtes Argument gegen das Urheberrecht an sich ist der Vorwurf, die Verwerter (gerne als “Contentmafia” beschimpft) seien allesamt zu mächtig, deshalb gehöre das Urheberrecht abgeschafft oder zumindest “liberalisiert”.

Es stimmt, dass gerade unbekannte Künstler oft kaum Wahlfreiheit haben – entweder sie akzeptieren die Forderungen mächtiger Verwerter oder sie verzichten, viel verhandelt wird da nicht, wenn sich Verlage zum Beispiel alle erdenklichen Rechte an einem Buch übertragen lassen. Allerdings sprechen solche Fälle gar nicht gegen das Urheberrecht an sich. Statt es zu schwächen, müsste man es stärken. Und zwar so, dass Urheber ihre Rechte tatsächlich wahrnehmen können – gegenüber den alten und den neuen Verwertern.

Neue Verwerter sind gut, alte Verwerter Ausbeuter

Denn Apple, Facebook, Google, Megaupload, Spotify und all die anderen Makler verwerten in der einen oder anderen Form die Werke von Urhebern. Viele alte Verwerter aus der Unterhaltungsbranche bezahlen die meisten Urheber schlecht und wenige sehr gut. Dieses Verhalten gilt bei Kritikern der “Contentmafia” als Ausbeutung. Allerdings bezahlen viele neue Verwerter im Web – etwa Megaupload – Urhebern gar nichts. Bei ihnen sehen die Kritiker der “Contentmafia” dann aber über die Ausbeutung hinweg und loben die Innovationen, die nur leider mit dem überholten Urheberrecht kollidieren.

Böse alte gegen gute neue Verwerter: In diesem Feindbild kommt die Freiheit der Urheber überhaupt nicht vor. Die Freiheit, die Nutzung eines Werks in einem bestimmten Kontext zu untersagen, zum Beispiel das Posten des Pseudo-Nazirocks aus dem Film “Kriegerin” in Neonazi-Foren. Und die Freiheit, zwischen verschiedenen Verwertern und Geschäftmodellen zu wählen.

Gerne erzählen die Feinde des Urheberrechts, Musiker sollten allein von Gagen bei Auftritten leben, Autoren allein von den Einnahmen bei Lesungen. Man solle nur noch Zugang zu Einmaligen verkaufen, zu Live-Erfahrungen, nicht den Zugang zum Werk, das solle man gefälligst verschenken. Das ist sicher für einige Künstler ein gutes Modell. Doch mit Freiheit und Marktwirtschaft hat es wenig zu tun, Urhebern ein einziges Geschäftsmodell vorzuschreiben. Zudem: Wer gut schreibt und komponiert, ist nicht immer ein begnadeter Live-Performer – oder einfach schüchtern und öffentlichkeitsscheu. Legendäre literarische Einsiedler wie Patrick Süßkind oder J.D. Salinger hätten nach dieser Logik keinen Cent verdienen dürfen.

Marktwirtschaft gerne, aber nicht für Urheber

Oft fällt bei Pauschalkritik am Urheberrecht auch der grundsätzliche Einwand: Der Markt für Texte, Musik, Bilder, Ideen sollte gar nicht marktwirtschaftlich organisiert sein – Werke dürften nicht Ware sein. Das ist auch das Problem bei Ideen wie der Kulturflatrate: Da würden Urheber zwar vergütet, vielleicht abhängig von der Nutzung ihrer Werke im Web. Aber dieses Modell würde die Freiheit der Urheber einschränken, marktwirtschaftlich zu handeln. Ein Musiker könnte ja vermessen genug sein, einen Song in besonderer Qualität 1000-mal für zehn Euro zu verkaufen – einen Monat vor der Veröffentlichung der Normalversion. Oder aber ein Musiker verkauft die Verwertungsrechte an einem Album pauschal an ein Label gegen einen fixen Vorschuss, weil er jetzt schnell viel Geld für eine Operation, neue Instrumente oder einen Transporter braucht.

Solche Experimente sieht eine wie auch immer geartete Kulturflatrate nicht vor. Urheber sollen nicht wie andere Unternehmer handeln.

Das ist insofern befremdlich, als die Kritiker niemals die kapitalistische Marktwirtschaft an sich in Frage stellen. Wenn man aber eine kapitalistische Marktwirtschaft für Kultur anzweifelt, kann man nicht gleichzeitig befürworten, dass neue Verwerter wie Apple, Google und Facebook Öffentlichkeit im Netz privatwirtschaftlich strukturieren.

Wer die Marktwirtschaft akzeptiert, aber Urhebern das Recht aufs Wirtschaften abspricht, ist ein Heuchler.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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