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Der laue Planet (Süddeutsche Zeitung, 20.2.2001)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
5 minuten gelesen

Der laue Planet

Vor 15 Jahren nahm die Raumstation „Mir“ ihren Dienst auf, demnächst stürzt sie ins Meer: Die Eroberung des Alls beginnt jetzt erst

Süddeutsche Zeitung, 20.2.2001

Die Gravitation der Gegenwart zieht die Zukunft an sich. Die Kreise der Raumstation Mir um die Erde werden Mitte März auf Befehl der Kommandozentrale in Kaliningrad drei Tage lang immer enger werden. Die Hülle beginnt zu glühen. Dann stürzen 140 Tonnen Magnesium und Aluminium mit 1000 Stundenkilometern der Erde entgegen. 90 Tonnen werden verbrennen, den Rest der Zukunft schluckt der Pazifische Ozean, irgendwo zwischen Neuseeland und Tahiti.

Die Mir unterliegt dem Gesetz der Science Fiction, denn auch sie ist Fortschreibung gegenwärtiger Verhältnisse in einen fiktiven Raum der Zukunft. Damals, am 20. Februar 1986, als der Basisblock der Mir zum XXVII. Parteitag der KPdSU ins All geschossen wurde, war die Konkurrenz zweier Großmächte Motor des technischen Fortschritts. Der Staat war Urheber der Innovation – auch in den USA, wo der Verteidigungshaushalt einen eigenen Industriezweig nährte. Die Expansion in den Weltraum sollte diese Strukturen in die Zukunft fortschreiben.

Aber Science Fiction verhandelt die Gegenwart nur, bis sie von der überholt und letztlich zerstört wird. So geschah es William Gibsons 1984 erschienenem Roman „Neuromancer“. Gibson beschrieb den Cyberspace als einen neuen Raum, der parallel zur Wirklichkeit existierte – und diese wesentlicher Funktionen beraubte. Heute schafft niemand neue Realitäten. Im Gegenteil: Die Realität wird virtualisiert, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard meint. Informationspools wie Napster oder Dejanews speisten sich aus traditionellen Quellen – dem Ausstoß der Plattenindustrie hier, der geschwätzigen Besserwisserei der Menschen dort. Informationen haben die alten Eigentümer, neu ist die Struktur ihrer Oberfläche. William Gibson, der mit „Neuromancer“ das Genre des Cyberpunk schuf, reagiert auf das Ende der Zukunft im Jetzt mit der immer wiederholten Bemerkung, er schreibe allein über die Gegenwart. Sein neuer Roman „Futurematic“ stellt gar die eigene Erzählung in Frage. An ihrem Ende beginnt eine Zukunft. Doch welche das ist, können die Leser nicht nachvollziehen – die epochale Veränderung ist zu komplex.

Die Mission der Sonde Lunar Orbiter  5 war 1967 das Sammeln hochauflösender Bilder. Zum ersten Mal richtete sich der Blick des Menschen aus dem Weltraum auf die gesamte Erde. Es gab keinen Ort mehr, den noch nie ein Mensch geschaut hätte. Die Erde war entdeckt – und endlich. Isaac Asimov schrieb: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit sind wir mit einer Situation konfrontiert, in der wir buchstäblich keinen Raum mehr zur Expansion besitzen. Wir haben alle Berge überschritten und alle Ozeane durchquert. Wir sind bis an das Ende der Atmosphäre gereist und in die Tiefen der Meere vorgedrungen.

Gerade Amerika wurde sich des Fehlens einer frontier bewusst. Dieser mythische Begriff ist kaum zu übersetzen. So lautete der Anfangssatz der Fernsehserie „Star Trek“: „Space – the final frontier“; im Deutschen: „Der Weltraum – unendliche Weiten“. Diese frontier bezeichnet aber nicht nur unerschlossene Areale. Vielmehr verweist der Mythos vom Zug nach Westen auf ein immer noch mächtiges Ideal. Frontier ist ein Raum ohne Staat: keine Gesetze, stattdessen der Pioniergeist, die Dynamik des Einzelnen. Wenn der Staat diesen Raum domestizierte, ist der Fortschritt am Ende. Innovation braucht Expansion. Auch die Sowjetunion beruhte auf Expansion. Der Sozialismus musste sich ausbreiten, im Raum und in der Zeit.

Die Mir ist nicht für wissenschaftliche Experimente gebaut worden sondern als erster Ort jenseits der Erde, an dem Menschen dauerhaft lebten. Wer 1986 in den Himmel schaute, sah immer auch Leonid Denisowitsch Kizim und Wladimir Alekseijewitsch Solowijow. Der Weltraum war kein unschuldiger Raum mehr. Das Tor zu den Sternen war besetzt – vom Staat.

Seit 1890 das U.S. Census Bureau die Vereinigten Staaten für erschlossen erklärte, gab es keine frontier mehr. Der Kommunismus als ein zu besiedelnder Raum war kein Ersatz. Zwar trieb die Konkurrenz zur Sowjetunion die Ausgaben für Forschung in den Rüstungsbudgets hoch, doch die frontier als gesetzloser Raum existierte nicht. Die Sehnsucht wird schon 1969 in dem Western „Paint your Wagon“ spürbar. Lee Marvin spricht von einer fernen Vorzeit und beschreibt sie wehmütig: Er sei immer vor dem Gesetz an der frontier und wieder weg, bevor es nachkomme.

Nichts dergleichen im Weltraum. Die Mir symbolisierte die Expansion der Sowjetunion ins All, die staatliche Nasa hatte in den Vereinigten Staaten ein Monopol auf den Zugang zu diesem Territorium. Das Genre der „Space Opera“ wurde zu einem Randphänomen der von der Gegenwart eingeholten Science Fiction. Es musste eine neue frontier gefunden werden. „Neuromancer“ wies den Weg nach Innen: Biochips, neuronale Implantate, die Matrix eines weltumspannenden Datennetzes. Der Ort, an dem Zukunft stattfand, war ein virtueller. Einsame Cowboys wie Gibsons Held Case stehen dort Großkonzernen gegenüber. Ein Staat existiert nicht. Die virtuelle Realität wurde zum Internet. Da jede staatliche Regulierung fehlte, war es der Raum, um eine neue frontier auszurufen.

Die sogenannte kalifornische Ideologie des Silicon Valley sah wirtschaftliche Freiheit als Verwirklichung der Forderung nach individueller Freiheit in den 60er Jahren. Die libertäre Ideologie hinter den Start-ups verband Anarchie und Kapitalismus so virtuos, wie es der Individualanarchist Benjamin Tucker im 19.  Jahrhundert angesichts der frontier im Westen gefordert hatte.

In dieselbe Richtung weist die oft verwendete Metapher „Goldschürfer des Informationszeitalters“ für Gentechnologieunternehmen. Auch an dieser frontier kämpft nicht der Staat. Libertäre Ideologie befeuert weltweit die Internet- und Gentechnikfirmen. Island etwa hat eine privatwirtschaftlich geführte nationale Gendatenbank gegründet, an der das amerikanischen Unternehmen DeCode eine exklusive Lizenz für zwölf Jahre besitzt. Der Inselstaat Tonga im Südpazifik hat das Recht der Auswertung der genetischen Ressourcen seiner Bewohner exklusiv fünf Jahre an das australische Unternehmen Autogen verkauft.

Doch langsam holt der Staat die frontier ein. Förderprogramme für Genforschung, Gesetze fürs Klonen, Gewerkschaften bei Amazon. Isaac Asimovs Forderung gilt wieder: „Wenn wir uns nicht in einer Welt niederlassen wollen, die unser Gefängnis ist, dann müssen wir uns darauf vorbereiten, die Erde zu verlassen.“ Jetzt, da die inneren Räume Struktur annehmen, gilt es weiterzuziehen in Territorien, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Der Sturz der Mir zur Erde markiert das Ende der staatlichen Hoheit über den Weltraum. Nicht zufällig hatten zahlreiche private Unternehmen Rettungsangebote für die Mir vorgelegt. Als Hotel, Schauplatz einer Reality- Fernsehserie oder kommerzielles Labor sollte sie überleben. Der russische Staat wollte noch einen gewichtigen Anteil an der Station behalten – aber es fehlten diesem Anteil entsprechende Investitionsmittel in eine privatwirtschaftliche Zukunft. Den Sturz der Mir werden einige Amerikaner vom Charterflugzeug aus betrachten. 6500 Dollar kostet ein Platz. Bestenfalls werden sie irgendwo einen Punkt glühen sehen und hoffen, dies sei der Anfang vom Ende der staatlichen Raumfahrt. Dieses beschrieb Victor Koman 1998 in „Kings of the High Frontier“. Ein internationaler Vertrag soll die Raumfahrt weltweit unter die Kontrolle der UN stellen. Doch immer mehr Menschen streben ins All. Am Ende das Romans fällt das Monopol der Nasa trotz Einsatz des Militärs, der Aufbruch ins All beginnt.

Wann ist es endlich so weit? Pete Conrad, der für die USA als Astronaut insgesamt 1200 Stunden im All verbrachte, schimpft: „Der Staat muss sich aus Geschäften raushalten, die privat zu erledigen sind, und vor allem sollte er die Finger von der Weltraumfahrt lassen.“ Robert Zubrin, Direktoriumsmitglied der US-Organisation National Space Society, sieht die Menschheit am Ende: „Ohne eine frontier, von der man Luft zum Atmen erhält, verschwindet der Geist, der die progressive humanistische Kultur hervorgebracht hat, die Amerika der Welt während der letzten Jahrhunderte offeriert hat.“

Wer etwas dagegen hat, soll zu Hause bleiben. „Lasst ihnen doch die Erde als Öko-Kommune, wir werden unterdessen fleißig das Sonnensystem ausbeuten“, schrieb 1998 ein Lesebriefschreiber der US-Wochenzeitung „Space News“. Abgemacht.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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