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Die Sehnsucht nach dem Sehen (telepolis, 19.2.2001)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Die Sehnsucht nach dem Sehen

Das Fotomagazin Ohio kämpft gegen vorgegebene Lesarten und zeigt alles – ohne zu sagen, was es ist.

telepolis, 19.2.2001

Zeigt eine Fotografie, was Betrachter sehen sollen, oder was sie sehen wollen? Ein schwarzer Fleck am lila Himmel. Ein wenig verschwommener Dreck zwischen roten Schrägdächern und einem Kamin. Auf gelbem Gras der Schatten. Der Schatten eines Hubschraubers. Ah, oh – Ohio. Gegen gewohnte Kontexte des Sehens kämpft das Fotomagazin Ohio seit 1995.

In der aktuellen Ausgabe sind 289 Hubschrauberfotos zu sehen, je sechs Sekunden lang über knapp 30 Minuten hinweg auf einem Videoband. Der Betrachter wird mit Bildern allein gelassen. Keine Sehhilfen, kein Sicherheitsnetz für Gedanken – Angaben zu Ort, Zeit, Gegenstand, Urhebern der Bilder fehlen.

Erklärtes Ziel der herausgebenden Fotografen Uschi Huber und Jörg Paul Janka ist es, Kunst-, Presse-, Dokumentar-, Amateurfotografie als Bilder zu betrachten, nicht als Ausprägungen eines Genres. So hat Ohio schon unkommentiert Bilder eines kaputten Deutschlands nebeneinander gestellt. Kaputt, da alle Fotografien aus archivierte Schadensmeldungen einer Versicherung stammen. Wie ist so etwas zu sehen – als Dokumentation, als Amateurknipserei, als neues Genre der Schadensfotografie? Letztlich wohl als Bilder mit ihrer jeweils eigenen Erzählung und Ästhetik.

Dieses Thematisieren und Bekämpfen der zugeschriebenen statt gezeigten Erzählung seit nun sechs Jahren und acht Ausgaben macht Ohio zu einem schönen Gast beim Münchener Fotografiesymposium am 10. März. Zum "Reiz des Privaten"; werden Uschi Huber und Jörg Paul Janka sprechen. Das Inszenieren des Privaten in der Gegenwartsfotografie ist eigentlich die Wiederaufführung eines sehr alten Stücks. Wenn eine Ästhetik echt, unmittelbar und authentisch genannt wird, ist sie es ja nicht unbedingt so zu sehen. Privat ist ein Wort. Fotografien sind Bilder, die erst durch das Benennen als privat, amateurhaft und echt ebendies werden. Oder zu werden scheinen. Wer erst Text liest und dann Bilder, sieht sie meist nicht.

Schon in den Anfangsjahren der Fotografie war das ein Problem. Im 19. Jahrhundert war die Fotografie das Medium, welches den innigsten Wunsch des Bürgertums befriedigte: Naturgetreue Wiedergabe der Realität. Die Dokumentarfotografie entstand und fortan wurde jedes Bild als Wiedergabe eines Zustands statt eines möglichen Blicks auf einen solchen gelesen. Carleton Eugene Watkins fotografierte die Sierra Nevada als Naturparadies. Infolge seiner Aufnahmen wurde sie zum Naturschutzgebiet erklärt. In welche Richtung lief hier die Kausalität? Für die bürgerlichen Betrachter von Watkins Fotografien war in ihrer urbanen Lebenswelt die Natur eben nicht mehr der natürliche Zustand. Sie musste geschaffen werden. So wurden Watkins Fotografien nicht als Dokumentation einer Sehsucht, sondern als Abbilder des Objekt jener Begierde verstanden. Die Natur war geschaffen, die Beschaffenheit der Sierra Nevada musste nur noch der Lesart der Fotografie folgen.

Die Ästhetisierung des Privaten ist ein Prozess nach dem selbem Muster. Auch hier soll etwas in Bildern hergestellt werden, das in der Lebenswelt nicht mehr existiert. Oder ist das Private tatsächlich in der heutigen mediatisierten, vernetzten und überwachten Lebenswelt mit dem selben Sinn belegt wie etwa in der Romantik? Dokumentarische Fotografie also ist ein leerer Begriff, der aber das Sehen dogmatisiert: Die Wirklichkeit der Weltwirtschaftkrise sei etwa auf den Bildern Walker Evans anschaubar, nicht nur ein Blick auf sie, behauptete damals das auftraggebende US-Landwirtschaftsministerium. Wie Ohio solch gefährliche Genrezuschreibungen dekonstruiert, beschreibt Uschi Huber anhand eines Fotos aus dem zweiten Heft.

Ein Politiker lacht offiziell. Das Portrait soll einen netten Menschen beim Nettsein dokumentieren. Allein für sich genommen, ist jedoch das Bild als fieses Grinsen lesbar. Die Dokumentation einer Möglichkeit. Ohio macht die verschiedenen Blicke sehbar, allerdings ist das Konzept nicht absolut in sich schlüssig. Denn natürlich schafft die Zeitschrift einen Kontext. Auch wenn Ohio nicht sagt, was zu sehen ist, wird doch alles im Kontext eines Fotografiemagazins gesehen. Doch das ist ein nicht weiter schlimm. Denn letzten Endes erzählt das Magazin genau wie die Hubschrauberfotografien von Hans Dubel der aktuellen Ausgabe von einer Sehnsucht, die deutlicher definiert ist als ihr Objekt. Ohio zwingt nur zu einem, der Sehnsucht nach dem Sehen.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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