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Die Tage der Mini-Tasten sind gezählt (Die Welt, 23.12.2002)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Die Tage der Mini-Tasten sind gezählt

Forscher arbeiten an der Abschaffung der Tastatur. Computer, Handys und Organizer werden immer kleiner

 

Die Welt, 23.12.2002

Der Computer der Zukunft ist keine unhandliche Kiste mehr. Ein Schwarm kleiner, mobiler Geräte wird ihn ersetzen. Microsoft hat neulich den Tablet-PC vorgestellt, eine Art Notebook, das man mit Stift statt Tastatur bedient. Kurz zuvor kam in Großbritannien das erste Mobiltelefon mit einem Betriebssystem von Microsoft in den Handel: Auf dem butterkeksgroßen Display des „Orange SPV“ laufen spezielle Versionen der Programme Outlook, Internet Explorer, Windows Media Player und mit etwas Mühe sogar das Spiel Doom. Ein Minijoystick hilft bei der Bedienung. 

Doch ein Problem bleibt ungelöst: Die Finger werden nicht kleiner und die Tasten zum Eintippen von Informationen sind winzig. Das ist das Kernproblem der künftigen Computer. Detlef Zühlke, Professor am Zentrum für Mensch-Maschine-Interaktion der Universität Kaiserslautern, beschreibt das Problem so: „Der Mensch ist künftig überall von unsichtbaren Kleinstcomputern umgeben, die mit ihm und untereinander kommunizieren. Doch das wird der Mensch nur akzeptieren, wenn diese Kommunikation mit der Maschine der zwischen Menschen ähnlicher wird.“ 

Davon ist die Industrie noch weit entfernt. Doch es sind erste pragmatische Ansätze zu erkennen, wie man die inzwischen Jahrzehnte alten Eingabegeräte Tastatur und Maus an die neuen Aufgaben anpassen oder gar ersetzen könnte. „Eingabegräte sind bisher entweder einfach zu bedienen wie etwa normale Tastaturen, oder sie sind mobil einsetzbar wie die Handschrifterkennung bei PDAs. Doch beides in einem gibt es nicht“, sagt Paul Michelson, Sprecher des kalifornischen Unternehmens Canesta. 

Sein Unternehmen glaubt, den Mittelweg gefunden zu haben. Rotes Laserlicht projiziert eine Tastatur auf glatte Oberflächen. Ein Sensor registriert, welche Felder der Schreibende berührt. Das ganze soll so klein sein, dass es mühelos in Mobiltelefone wie das „Orange SPV“ oder auch die neuen „Tablet PCs“ integrierbar ist. Geht es nach Canesta, werden dann Menschen ihre E-Mails auf den Klapptischen im Zug tippen können wie auf der heimischen Tastatur. 

Diese Anwendung der Canesta-Tastatur testet derzeit der japanische Elektronikkonzern NEC. Bei der WPC-Expo in Tokio zeigte das Unternehmen den Prototypen eines Tablet-PCs, der mit einer Canesta-Tastatur bedient wurde. Ende 2003 soll die Technologie in ersten Geräten verfügbar sein. An der Nachfrage zweifelt Paul Michelson nicht: „Wir brauchen neue Eingabegeräte, weil Nutzer neue Anwendungen und immer kleinere Geräte verlangen.“ 

Doch die Tastatur aus Laserlicht ist kaum mehr als eine Zwischenlösung. Experten wie Donald Norman, Mitgründer des Beratungsunternehmens für Kommunikationsdesign Nielsen Norman, sind skeptisch: „Wenn man nicht viel tippen muss, ist es in Ordnung. Keine schlechte Idee, doch eben nur eine für beschränkte Anwendungen.“ Das Problem liegt laut Detlef Zühlke tiefer: „Eingabegeräte müssen menschengerechter werden. Der Mensch kommuniziert immer über mehrere Sinneskanäle.“ 

Folglich sollen die elektronischen Geräte der Zukunft mehrere Arten von Signalen interpretieren, um ihre Benutzer zu verstehen: Sprache, Gesten und Blickrichtung. Wie so etwas aussehen könnte, sieht Zühlke beispielhaft in US-Prototypen von Leitständen zur Brandbekämpfung realisiert: Dort sieht der Einsatzleiter die Informationen über den Status eines Waldbrandes überlagert von Angaben zu Windstärke und -richtung, Straßennetz und der Position der einzelnen Feuerwehrleute, -fahrzeuge und Löschflugzeuge. Sagt er dann zum Beispiel „zeige mir die Details dieses Löschzuges“, erkennt die Software anhand seines zeigenden Fingers und der Blickrichtung, welchen Wagen er genau meint. 

In Ansätzen existieren all diese Schnittstellen bereits. Spracherkennungsprogramme wie IBMs „Viavoice“ oder Dragons „Naturally Speaking“ verstehen bislang natürlich gesprochene Sätze nicht ohne weiteres. Das richtige Diktieren muss man lernen, ähnlich wie das Tippen. Auch ist die Leistung der Programme ist noch immer abhängig von Hintergrundgeräuschen und der Verfassung – ganz abgesehen vom Dialekt – der Sprechenden. „Aber die Fortschritte in der Spracherkennung natürlicher Sprache sind so groß, dass wir bald auch an das Verstehen des Gesprochenen herangehen können“, prognostiziert Zühlke. 

Das ist das Ziel des so genannten „Natural Language Processing“ (NLP). Seit Jahrzehnten treibt der Informatiker Doug Lenat diese Entwicklung voran. Er will, dass Computer nicht nur Schall in Buchstaben übersetzten, sondern auch den Sinn verstehen. Lenat entwickelt dazu seit 1984 eine Datenbank mit Allgemeinwissen. Die speichert zum Beispiel, dass Wasser nass ist. Eine Million solcher Aussagen kann ein Computer mit Lenats Datenbank treffen. 

Weiter ist man derzeit bei der Steuerung mittels Gesten. Spezielle Anwendungen sind bereits auf dem Markt. So stellte auf der diesjährigen Euroshop Messe Siemens das System „Sivit Shop Window“ vor. Damit können Passanten an den Schaufenstern eines Kaufhauses mit den Gesten ihrer Finger durch die auf die Scheibe projizierten Angebote stöbern. Zwei Kameras verfolgen die Position der Finger. 

Raum für Visionen bleibt trotz aller Fortschritte genug: Anfang des Jahres präsentierte ein Forscherteam um den Mediziner Mijail Serruya von der amerikanischen Brown Universität die Ergebnisse eines Experiments, bei dem Affen einen Cursor tatsächlich mittels Gedanken über den Bildschirm bewegten. 

Nach ähnlichem Prinzip hat schon vor gut 20 Jahren Clint Eastwood im Film „Firefox“ ein Flugzeug gesteuert. Der Filmheld stand damals allerdings vor einem gewaltigen Problem: Die der Sowjetunion abgeluchste „MIG 32“ verstand nur russische Gedanken.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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