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Digitales Lesegerät: Amazon-Boss zeigt den Bücher-iPod (Spiegel Online, 19.11.2007)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
5 minuten gelesen

Digitales Lesegerät

Amazon-Boss zeigt den Bücher-iPod

Kindle nennt Amazon sein Wundergerät: Der E-Book-Reader kostet so viel wie der erste iPod, speichert 200 Digital-Bücher und ruft neue Titel unterwegs per Mobilfunk ab. Etwas wenig für eine Revolution, doch Amazon hofft auf seine Marktmacht.

Spiegel Online, 19.11.2007

Der größte Fortschritt bei Amazons neuem E-Book-Lesegerät: Man braucht keinen Computer mehr, um digitale Bücher zu kaufen. Das Kindle getaufte Gerät kommt per Mobilfunk selbst ins Netz. Für eine Revolution ist das etwas mager, doch Amazon-Boss Jeff Bezos verspricht genau die. Heute präsentiert er in einem New Yorker Hotel seinen Bücher-iPod – drei Jahre habe Amazon an dem Gerät gearbeitet. Vorab versprach Bezos im Magazin "Newsweek" vollmundig: "Das ist das Wichtigste, was wir je gemacht haben." Der Kindle könnte womöglich "die Art verändern, wie Menschen lesen."

Ein gewagtes Versprechen. Denn die technischen Details des Kindle begeistern nicht auf Anhieb: 399 Dollar kostet das Gerät in den Vereinigten Staaten – ob und wann es ihn in Deutschland gibt, wollte Amazon auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht beantworten. 399 Dollar – ein symbolischer Preis. So viel kostete der erste iPod, das Gerät, das den Musikvertrieb digitalisiert und die Branche umgekrempelt hat.

Der erste iPod konnte 5 Gigabyte Daten, also etwa 1000 Songs speichern. Der Kindle fasst laut "Newsweek" 200 Bücher. Mickrige 256 Megabyte sind das laut vorab aus einem Zulassungsantrag bekannt gewordenen Zahlen. Das wäre lächerlich wenig, falls der Kindle tatsächlich Hörbücher abspielen sollte wie kolportiert.

Das Display arbeitet mit digitaler Tinte, der sogenannten E-Ink-Technik. Dieselbe Technik (in derselben Größe!) nutzt das Sony-Konkurrenzprodukt zum Amazon-Gerät: Der Sony Reader PRS-505. Der ist 100 Dollar billiger als der Kindle und trotzdem ein Nischenprodukt.

Aber der Kindle soll auch nicht durch überlegene Technik oder einen niedrigen Preis zum Erfolg werden. Amazon-Boss Bezos sagte Newsweek: "Das ist kein Gerät, sondern eine Dienstleistung." Das ist tatsächlich einmalig am Kindle: Das Gerät soll über ein Mobilfunknetz oder Drahtlos-Internet-Zugänge fast überall in den Vereinigten Staaten E-Books, digitale Magazine und Zeitungen laden können, ohne dass dabei Übertragunskosten anfallen. Zum Start gibt es acht Magazine und elf Tageszeitungen zur Auswahl, ein "FAZ"-Abo für den Kindle kostet zum Beispiel 14,99 Dollar im Monat, das "Wall Street Journal" gibt es schon für 9,99 Dollar.

Der Zugang zu diesem sogenannten "Whispernet" ist im Kindle-Preis enthalten. Das ist einzigartig: Bislang mussten alle E-Book-Lesegeräte am Heimcomputer neue Inhalte laden. Das Kindle soll auch spontane Unterwegskäufe ermöglichen – sinnvoll, wenn man unterwegs schnell etwas nachschlagen will. Eine Auswahl von 88.000 – englischsprachigen – E-Books verspricht Amazon-Boss Bezos in "Newsweek" zum Start. Neuerscheinungen kosten 9,99 Dollar, ältere Bücher weniger. Zum Start sind auch fast alle aktuellen Bücher der Bestsellerliste der "New York Times" verfügbar.

Digitale Magazine im Angebot

Zusätzlich im Kindle-Angebot: ein kostenloser mobiler Zugang zur Wikipedia. Auch Blogs zeigt der Kindle – allerdings nur jene 250, die derzeit im speziellen Kindle-Format verfügbar sind. Für jeden Blog fällt eine Monatsgebühr von 99 Cent an. Außerdem ist jeder Kindle an eine E-Mail-Adresse geknüpft, an die sich die Besitzer Word-Dokumente und Fotos schicken können (kostet 10 Cent je Mail).

Ob das genügt, um digitale Bücher populär zu machen? Seit mehr als zehn Jahren träumen Unternehmen von der digitalen Bibliothek. Doch bislang war jedes Lesegerät ein Flop – das begann schon 1998 mit dem Rocket eBook, das mehr als 600 Gramm wog, als Weltneuheit angepriesen wurde (auf der Frankfurter Buchmesse mehrere Jahre in Folge) und heute nicht einmal bekannt genug für einen eigenen Wikipedia-Eintrag ist. Immer wieder haben es Hersteller versucht, zuletzt auch die Philips-Tochter iRex mit dem Iliad (siehe Fotostrecke unten).

Der Markt für Download-Bücher ist winzig: Arthur Klebanoff, Geschäftsführer des New Yorker Fachverlags Rosetta, schätzt im "Wall Street Journal" den gesamten US-E-Book-Umsatz auf "15 bis 25 Millionen Dollar" jährlich.

400 Dollar, um Bücher kaufen zu können?

Sprich: Kaum jemand kauft E-Books. Warum sollten nun plötzlich Menschen 400 Dollar für ein Gerät ausgeben, mit dem das geht? Da sind viele Experten skeptisch. Web-Pionier Tim O’Reilly zum Beispiel zweifelt daran – schließlich gebe es doch schon Millionen iPhones, die sich wunderbar als Lesegerät eignen, kommentiert O’Reilly in seinem Blog. 399 Dollar kostet das iPhone in den Vereinigten Staaten, so viel wie der Kindle angeblich. Abgesehen davon: für 299 Dollar gibt es den Knuddel-Computer Eee PC, der weniger wiegt als ein Harry-Potter-Band.

Allerdings hängt Amazons Erfolg im E-Book-Geschäft nicht allein an der Hardware. Schließlich könnte der Konzern auch am Verkauf digitaler Bücher für andere Geräte verdienen – sollten Kunden denn tatsächliche einmal digitale Bücher bezahlen. Die Hürden dafür sind viel höher als einst bei der iPod-Revolution. Obwohl Angebot und Nachfrage bei E-Books minimal sind, existieren viele nicht miteinander kompatible Formate. Amazons Kindle soll angeblich das Amazon-Eigenformat "Mobipocket" nutzen.

Michael Smith, Geschäftsführer des Branchenverbandes "International Digital Publishing Forum" (IDPF) sagte dem Fachdienst "Internetnews", Amazon habe nicht mit seiner Organisation zusammengearbeitet, um das offene Standardformat ".epub" zu unterstützen. Sprich: Derzeit ist nicht sicher, dass man einmal gekaufte digitale Bücher auf verschiedenen Geräten (Laptop, Kindle, Heimrechner) lesen kann.

Leser müssen alle Bücher neu kaufen

Hinzu kommt das Digitalisierungsproblem: iPod-Käufer konnten ihre CDs in den Computer schieben und so nach ein paar Stunden ihre gesamte Musiksammlung auf einem Gerät verwalten und überallhin mitnehmen. Bei digitalen Büchern wird es dieses Aha-Erlebnis nicht geben.

Man kann seine Bibliothek nicht digitalisieren, muss die Werke noch einmal digital kaufen – wenn es sie denn als Digitalausgabe gibt. David Rothman, E-Book-Experte beim US-Fachmagazin "Publishers Weekly" schimpft, dass er bei Sonys E-Book-Angebot für Romanklassiker, die längst legal kostenfrei im Netz zu haben sind, zwei Dollar zahlen muss.

Google digitalisiert fleißig

Abgesehen vom Erfolg einzelner Lesegeräte wie des Kindle ist das die entscheidende Frage: Wer kontrolliert die digitalisierten Bücher? Derzeit digitalisieren Amazon, Google, aber auch nationale Branchenverbände wie der deutsche Börsenverein Bücher.

Amazons Hauptkonkurrent dürfte Google sein: Der Web-Konzern liefert heute schon kostenlos Karten auf Apples iPhone und bastelt nebenher ein eigenes Handy-Betriebssystem. Ideale Voraussetzungen, um irgendwann aus dem Digitalisierungsprojekt "Google Books" ein Amazon ohne Versandabteilung zu machen. Amazons Marktmacht ist groß, der Konzern könnte die Verlage vielleicht eher dazu bewegen, fleißiger zu digitalisieren als Google.

Die Frage ist: Wann ist die kritische Masse an Büchern erreicht, die das Angebot interessant für Käufer macht? Jeff Bezos sagt in "Newsweek": "Die Vision ist, dass man jedes Buch bekommt – auch die vergriffenen – und zwar binnen einer Minute."

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Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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