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Drahtlos-Internet: Surfer verschmähen Stadt-W-Lans (Spiegel Online, 6.6.2007)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
6 minuten gelesen

Drahtlos-Internet

Surfer verschmähen Stadt-W-Lans

30 Millionen Dollar Verlust und nur 2000 Kunden – für den US-Internetprovider Earthlink rechnen sich Drahtlos-Stadtnetze nicht. Plötzlich zweifeln Kommunen, Unternehmen und Bürger am W-Lan-Hype. Dabei können Gemeinden mit der Technik sogar Geld sparen – zum Beispiel bei der Wasserversorgung.

Spiegel Online, 6.6.2007

San Franciscos Bürgermeister bemüht sich, ruhig zu bleiben. Gavin Newsom muss im Fernsehen erklären, warum seine Stadt, die Metropole nördlich des Silicon Valley, seit Monaten die Web-Konzerne Google und Earthlink hinhält. Sie wollen San Francisco drahtlose, stadtweite Internet-Versorgung spendieren. Bürgermeister Newsom hat den Vertrag unterschrieben, doch der Stadtrat verzögert die Entscheidung. Während die Reporterin fragt, ringt Newsom die Hände, seine Augen schweifen hin und her, er will endlich seinen Frust loswerden: "Wenn das nicht durchkommt, werden wir eine der letzte Städte in den Vereinigten Staaten mit drahtloser Internet-Versorgung sein!"

Aber das kümmert den Stadtrat augenscheinlich nicht. Die Gesetzgeber wollen erst einmal in Ruhe prüfen, ob San Francisco nicht selbst die Drahtlos-Infrastruktur aufbauen könnte. Ihnen behagt das Geschäft mit den Konzernen nicht: Die Stadt soll Earthlink und Google kostenlos ihre Straßenlaternen als Standorte für die Antennen der W-Lan-Hotspots zur Verfügung stellen. Im Gegenzug bieten die Konzerne allen Bürgern einen werbefinanzierten Basis-Zugang (fünfmal so schnell wie ISDN) an; schnellere Zugänge kosten Geld.

Die Provider passen

"Wenn die Konzerne so begierig sind, das zu bauen, sollten wir es selbst tun", sagte Stadtrat Jake McGoldrick dem "Economist" – ein Trugschluss. Denn die Internet-Dienstleister ziehen sich längst zurück. Earthlink hat im April nach 30 Millionen Dollar Verlust im ersten Vierteljahr angekündigt, seine Pläne für neue Drahtlos-Netze zurückzufahren. Kein Wunder: Bislang hat die Firma fünf drahtlose Stadtnetze aufgebaut und insgesamt nur 2000 Abonnenten gewonnen.

Die Zeit der blinden Drahtlos-Euphorie ist in den Vereinigten Staaten vorbei. Viele Kommunen zweifeln an der Technik, die Unternehmen an der Wirtschaftlichkeit und die Bürger fürchten um ihre Steuergelder. Das ist die Folge eines Henne-Ei-Problems. Das analysiert Peter Buxmann, Wirtschaftsinformatik-Professor an der TU Darmstadt, gegenüber SPIEGEL ONLINE so: "Es mangelt derzeit nicht nur an der Infrastruktur, sondern auch an tragfähigen Geschäftsmodellen. Da wartet der eine auf den anderen." Lange Zeit fehlten Infrastruktur und Geschäftsmodelle für solche Angebote völlig. Jetzt gibt es etwas Infrastruktur – nur die Anwender hat noch kein Konzept überzeugt, scharenweise unterwegs zu surfen.

Privatkunden genügen nicht

Angesichts dieser Entwicklung könnte sich das Zögern deutscher Unternehmen und Kommunen auszahlen, stadtweite Drahtlos-Netze zu installieren. Es gibt in Deutschland noch kein flächendeckendes, stadtweites Drahtlos-Netz, das eine Kommune mit einem Unternehmen aufgebaut hat. Sie können jetzt aus den Fehlern lernen, die in den Vereinigten Staaten gemacht worden sind.

STADTWEITE DRAHTLOSNETZE: DIE PROBLEME

W-Lan-Technik macht flächendeckende Infrastruktur sehr teuer
Die heute am weitesten verbreiteten IEEE 802.11-Standards für Funknetzwerke sind nicht ideal, um große Flächen mit Internet-Anbindung zu versorgen: "Die schlechteste Technologie, um Städte abzudecken, aber die beste, die wir haben", urteilt Glenn Fleishmann vom Fachdienst "Wi-Fi Networking News". Die Folgen: Für eine lückenlose Abdeckung sind derzeit sehr viele Hotspots mit Stromversorgung, Internetanbindung und so weiter notwendig. Die damit verbundenen Kosten veranschaulicht das älteste und größte W-Lan-Stadtnetz der Schweiz: The Net deckt 40 Prozent von Bern, 5 Prozent von Zürich und 100 Prozent von Leysin mit einem W-Lan-Signal ab. Etwa 1000 Sendestationen sind im Einsatz, gekostet hat die Infrastruktur das Unternehmen einen "mittleren 7-stelligen Betrag" in Schweizer Franken. Weiteres Hindernis in Europa: Die zugelassen Sendeleistungen sind geringer als in den Vereinigten Staaten – und damit auch die Reichweite einzelner Standorte.

Neue W-Lan-Endgeräte fehlen
Mit dem Laptop im Park und in Cafés E-Mails abzurufen – eine schöne Vorstellung, aber kein Massenmarkt. Noch fehlen massentaugliche Endgeräte für weitergehende mobile Dienste, zum Abrufen ortbezogener Informationen etwa, urteilt Peter Buxmann, Wirtschaftsinformatik-Professor an der TU Darmstadt. Das ändert sich aber jetzt: Nokia verkauft jeden Tag eine Million Handys – davon soll bis Jahresende ein Drittel W-Lan-fähig sein. Inzwischen enthalten auch portable Spielkonsolen wie die Sonys PSP und MP3-Player wie Microsofts Zune W-Lan-Chipsätze. Eine völlig neue Anwendungen sind Mobiltelefone, die Anrufe über Internetverbindungen ermöglichen, so genanntes Voice-over-IP. Das Marktforschungsunternehmen Civitium erwartet, dass 2011 vierzehnmal so viele Mobiltelefonen mit dieser Funktion verkauft werden wie heute – 140 Millionen Geräte gegenüber 10 Millionen heute. 

EU schränkt W-Lan-Investitionen von Gemeinden ein
Kommunen in der EU können sich nicht ohne weiteres am Aufbau drahtloser Stadtnetze beteiligen – sie dürfen nicht den Markt verzerren, indem sie mit privaten Anbietern konkurrieren. Ausnahme: Gemeinden, in denen es keinen funktionierenden Markt für Breitband-Internet gibt. Allerdings sind staatliche Beihilfen oder sogar von Gemeinden selbst betriebene Stadtnetze mit Angeboten an Privatkunden inzwischen kaum noch im Gespräch. Das neue Modell ist weniger kritisch: Gemeinden nutzen nach einer Ausschreibung das W-Lan-Netz eines privaten Dienstleisters für ihre Angestellten, Parkleitsysteme, Wasserzähler. Das Unternehmen hat eine sichere Einnahmequelle und kann zudem Angebote für Privatkunden vermarkten. 


Der wohl größte Fehler: Drahtlose Netzwerke sind nur dazu da, überall im Web zu surfen. Mit dieser Anwendung allein lassen sich die Investitionen kaum rechtfertigen. Glenn Fleishman, Chefredakteur der US-Branchenseite "Wi-Fi Networking News" zu SPIEGEL ONLINE: "Bis 2009 werden einige Firmen pleite sein, weil sie zu früh in diesem Markt waren. Noch weiß niemand, welche Dienste das große Geld bringen. Fest steht: Sich auf Privatnutzer zu beschränken, genügt nicht."

Wasserzähler per W-Lan auslesen

Die konkretesten Ideen gibt es da derzeit im Bereich der Stadtverwaltung: Drahtlose Stadtnetze können dazu genutzt werden, Wasser-, Gas- und Stromzähler abzulesen, mobile Mitarbeiter der Stadtverwaltung und Polizei an das Intranet anzubinden, Überwachungskameras und Parkleitsysteme drahtlos vernetzen. Esme Vos, Chefredakteurin des Branchenblogs Muniwireless.com sieht hier die Zukunft der stadtweiten Drahtlos-Netze. Nach ihren Informationen rechnet die Stadt Philadelphia, wo der Start eines stadtweiten Drahtlos-Netzes für 2008 geplant ist, mit Einsparungen bei Telekommunikationskosten von etwa zwei Millionen Dollar jährlich.

Ein anderes Beispiel dafür, dass Drahtlos-Netze mehr können, als das Web überall hin zu bringen: Die texanische Kleinstadt Corpus Christi nutzt seit vorigem Jahr ein solches Netz, um den größten Teil der 146.000 Wasser- und Gaszähler abzulesen, ohne dass ein Mitarbeiter vor Ort sein muss. Erwartete Einsparungen in den kommen 20 Jahren: 30 Millionen Dollar gegenüber der herkömmlichen Technik. Diese Möglichkeiten, die Produktivität der Verwaltung zu erhöhen, sind der Grund dafür, dass 175 US-Kommunen unbeirrt drahtlose Stadt-Netzwerke aufbauen.

Branchenkennerin Esme Voss: "Vor allem schnell wachsende Gemeinden müssen so viel Produktivität wie möglich mit jedem Mitarbeiter erzielen, denn sie können ihre Verwaltung nicht binnen fünf Jahren verdoppeln, wenn die Bevölkerung so schnell wächst." Netter Nebeneffekt dieses Trends in Corpus Christi: Seit Anfang Juni lässt die Stadt den Internet-Provider Earthlink drahtlose Zugangs-Pakete für Privatkunden vermarkten. 20 Dollar monatlich kostet die Drahtlos-Flatrate in Corpus Christi – mehr als 92 Quadratkilometer sind abgedeckt, Dreiviertel der Stadtfläche.

Neue Dienste für Privatkunden

Solche Spezial-Anwendungen sind derzeit die einzigen Erfolgsgeschichten drahtloser Stadtnetze. Das bedeutet aber nicht, dass drahtlose, flächendeckende Internet-Versorgung von Städten für Privatkunden unattraktiv ist. Im Gegenteil. Eine solche Infrastruktur wird völlig neue mobile Dienste ermöglichen, erwartet Peter Buxmann von der TU Darmstadt.

Zum Beispiel: "Einen mobilen Service für Musik, bei dem sich kein einziger Titel mehr auf dem Endgerät befindet – die Musik wird direkt in hoher Qualität gestreamt. Dasselbe gilt für Radiosender oder TV-Sendungen, die Live-Übermittlung von Börsenkursen oder Nachrichten." Außerdem rechnet Buxmann damit, dass bei einer flächendeckenden W-Lan-Infrastruktur "Web und E-Commerce-Angebote allgemein verstärkt genutzt werden, weil der Zugang eben kein Problem mehr darstellt und so beispielsweise auch spontane Käufe möglich werden."

Anzeigen für digitale Stadtpläne

Eine mögliche Geschäftsidee, ist, ortsbezogene Informationen und Anzeigen vor Ort mit einem mobilen Endgerät über drahtlose Stadtnetze abrufbar zu machen. Google hat Anfang des Monats eine Version seines Anzeigen-Systems Adsense für seine digitalen Stadtpläne angekündigt. Ein deutsches Unternehmen versucht schon sein Glück mit solchen Diensten: Die Firma Heidelberg Mobil deckt mit ihren W-Lan-Hotspots den größten Teil der Kernaltstadt Heidelberg und das Schloss ab, Gesamtfläche etwa drei Quadratkilometer.

Das Unternehmen verkauft nicht nur temporäre und dauerhafte Internetzugänge an Touristen, Geschäftsleute und Anwohner, sondern auch Anzeigen in seinem Stadt-Informationssystem, das vor Ort kostenlos übers W-Lan zugänglich ist. Immerhin ein Anfang. So etwas hätte San Franciscos Bürgermeister auch gerne.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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