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Fotomarkt im Wandel: Das sind die Trends der Photokina (Spiegel Online, 18.9.2012)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Fotomarkt im Wandel

Das sind die Trends der Photokina

Smartphones steuern Kameras, Kamerahersteller versuchen sich an Online-Diensten: Auf der Photokina zeigen die Fotokonzerne, wie sie gegen die Handy-Konkurrenz bestehen wollen. Eine Ausnahme: Leica zeigt wie immer schöne altmodische Kameras für sehr viel Geld.

Spiegel Online, 18.9.2012

{jumi [*3]}

Es dauert nicht mehr lange, dann kauft kaum noch jemand Kompaktkameras, wie sie heute aussehen. Kleine Sensoren, Bildschirme mit niedriger Auflösung, mäßige Objektive – damit kann man fotografierenden Smartphones keine Konkurrenz mehr machen. Da widerspricht niemand aus der Branche auf der Kölner Fotomesse Photokina.

Einige Hersteller machen ihrem Kompaktgeschäft heute schon starke Konkurrenz mit völlig neuen Modellen. Fujifilm (XF1) und Sony (RX100) zeigen auf der Photokina verblüffend kleine Kameras mit vergleichsweise großen Sensoren, Zoomobjektiven und großen Blendenöffnungen.

Der Fotomarkt ist in einer Umbruchsphase. Wie reagieren anderen Hersteller auf die Konkurrenz der populären Foto-Smartphones? Fünf Photokina-Trends:

1. Kameras fühlen sich an wie Smartphones

Auf der Kölner Fotomesse konnten Besucher zum ersten Mal Canons spiegellose Systemkameras EOS M ausprobieren. Es ist die kleinste Canon-Kamera, bei der man die Objektive wechseln kann, ein großer Vorteil ist, dass sich alte Canon-Objektive anschließen lassen. Angesichts dieser Besonderheiten und des empfohlenen Verkaufspreises von 849 Euro ist klar: Das ist ein Fotoapparat für anspruchsvolle Nutzer.

Da erstaunt die Bedienung: Canon verzichtet bei der EOS M auf manuelle Einstellmöglichkeiten wie ein Moduswahlrad und manuelle Drehrädchen für die Empfindlichkeit oder die Belichtungskorrektur. All das stellt man bei der EOS M über den Touchscreen ein. Man tippt auf dem Bildschirm herum wie auf einem Smartphone. Das funktioniert erstaunlich gut. Man tippt oben links auf das Symbol des Aufnahmemodus, um dann von der Automatik zur Blenden-Priorität zu wechseln. Alle Informationen dafür liest man auf dem Bildschirm ab. Überlegen ist der Touchscreen der herkömmlichen Bedienung, wenn man einen bestimmten Punkt fokussiert. Man tippt dazu einfach aufs Display. Wer will, kann auch direkt per Fingertipp auslösen.

Ein Nachteil dieser Touchscreen-Oberfläche könnte ein draußen zu stark spiegelndes Display sein. Das muss ein Test zeigen, wir konnten die EOS M nur in geschlossenen Räumen ohne direktes Sonnenlicht ausprobieren.

2. Das Smartphone als Kontrollbildschirm

Viele der neuen kompakten Kameras von Sony, Canon und Panasonic haben ein W-Lan-Modul eingebaut. Über den Funkstandard sollen die Kameras aber nicht nur Fotos zu verschiedenen Online-Diensten oder an den Rechner daheim übertragen. Man kann über ein gemeinsames Netzwerk auch die Kamera mit einer speziellen App des Kameraherstellers auf dem Smartphone verknüpfen. Bei Sonys W-Lan-Kameras kann man zum Beispiel den Smartphone-Schirm als Sucherersatz nutzen, mit einem Fingertipp fokussieren und auslösen. So hat man beispielsweise bei Selbstauslöser-Aufnahmen einen Kontrollschirm.

Canon bietet für seine W-Lan-Kameras Smartphone-Apps mit anderen Funktionen: Man kann übers Funknetzwerk Fotos von der Kamera laden und dann über das Smartphone bei Online-Diensten veröffentlichen und um Kommentare ergänzen.

3. Innovation in Trippelschritten bei den Kompakten

Große Innovationssprünge wie bei der Fujifilm XF1 oder der Sony RX100 sind die Ausnahme bei den neuen Kompaktkameras. Die meisten neuen Modelle bieten – von W-Lan-Modulen einmal abgesehen – nur kleine Verbesserungen gegenüber den Vorgängermodellen. Die Brennweite wird etwas höher (Fünffach-Zoom), die größtmögliche Blendenöffnung etwas größer (bei der neuen Canon G15 nun f/1,8).

4. Hersteller verbinden Hard- und Software

Apple, Google und Amazon machen es vor: Die Firmen verkaufen Hardware, passende Online-Dienste und kleine Programme, die Funktionen der Geräte erweitern. Sony versucht schon länger, einen eigenen App-Store für Kameras aufzubauen, Canon hat auf der Photokina einen neuen Online-Dienst gestartet. Der Arbeitstitel der Plattform lautet Project 1709, benannt nach dem Starttermin. Drei Monate lang soll die Beta-Testphase laufen, in der sich jedermann kostenlos anmelden kann. Canon schaltet nach und nach Konten frei, derzeit allerdings nur sehr langsam.

Project 1709 ist derzeit eher ein cloud-basiertes iPhoto als ein Flickr-Konkurrent: Man lädt alle Aufnahmen, Raw-Fotos von Kameras, Schnappschüsse von Smartphones oder JPGs von der Kompaktkamera hoch. Der Canon-Dienst archiviert die Daten mit dem Ziel, dass Kunden jederzeit von jedem Ort jedes Bild wiederfinden können. Momentan kann man nach Kamera, Schlagworten und Aufnahmezeit suchen, die Präsentation der Fotos und der EXIF-Daten erinnert eher an 500px als an Flickr. Eine eigene Online-Community sieht der Dienst bisher nicht vor, man kann die Aufnahmen in allen möglichen Netzwerken aus dem Canon-Dienst heraus teilen. Ein Canon-Manager sagte, man wolle kein eigenes Netzwerk aufbauen; es gehe nicht darum, Angeboten wie Flickr Konkurrenz zu machen. Wichtigste Funktion sei die Archivierung.

In welche Richtung sich die Seite entwickelt (es wird in Großbritannien programmiert), soll auch der Beta-Test entscheiden. Denkbar wäre es, das Angebot um – womöglich kostenpflichtige – Bearbeitungsfunktionen zu ergänzen. Schon jetzt konvertiert die Software automatisch hochgeladene Raw-Dateien in bei Facebook präsentable JPGs.

5. Die Nischen für schicke Exoten wachsen

Nicht alle Kameras müssen funken und wie Smartphones zu bedienen sein. Das zeigt der Erfolg der Sony RX100 in Deutschland: Für außergewöhnliche Bildqualität und traditionelle Bedienung zahlen viele Kunden mehr als für ein Smartphone. Von dieser profitablen Nische lebt seit Jahren der deutsche Edel-Kamerahersteller Leica. Die Firma verkauft sehr teure, manuell zu bedienende Digitalkameras und schreibt damit schwarze Zahlen – “tiefschwarz, wie der Kaffee”, sagt der Geschäftsführer.

Leica hat auf der Photokina neue Kameras vorgestellt, beziehungsweise angekündigt – ausprobieren konnte man bei der Vorstellung keines der neuen Modelle. Die neue Leica M soll auch erst Anfang 2013 erscheinen. Leica verspricht einiges: Ein völlig neuer Vollformat-Bildsensor, diesmal exklusiv in Antwerpen von CMOSIS für Leica entwickelt, soll außergewöhnliche Bildqualität bieten. Bislang ist das nur ein Versprechen. Erstaunlich ist, dass Leica als Vorzüge des neuen Modells tatsächlich Live View (man sieht das Sensorbild in Echtzeit), Focus Peaking (Konturen scharf gestellter Bildbereiche werden hervorgehoben) und die HD-Videofunktion preist – alles nichts Neues.

Ab sofort verkauft Leica eine geringfügig eingeschränkte, günstige Version der Leica M9. Das Einsteigermodell soll 700 Euro weniger als die M9 kosten – das sind allerdings immer noch 4800 Euro, ohne Objektiv. Dafür erhält man ein Gehäuse ohne USB-Port, mit niedriger Bildschirmauflösung (230.000 Bildpunkte) und dem 18-Megapixel Vollformat-Bildsensor der M9. Zum Vergleich: Sonys außergewöhnliche Vollformat-Kompaktkamera RX1 soll mit fest verbautem Zeiss-35-mm-Objektiv 3099 Euro kosten. Das Gehäuse fühlt sich ähnlich edel an wie das der Leica, die RX1 ist erstaunlich leicht und kompakt, kleiner als sie auf den Produktfotos wirkt. Viel mehr lässt sich derzeit nicht zur bislang kleinsten Vollformat-Kamera sagen – wie bei Leicas neuer M konnte man die auf der Photokina gezeigten Modelle der RX1 nicht einschalten.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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