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Frankreichs Homer (Bücher Magazin, 5/2005)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Frankreichs Homer

Yann Apperry irrte um die halbe Welt. Und fand die große Geschichte zuhause.

Bücher Magazin , 5/2005

Eine Odyssee hatte Yann Apperry hinter sich, als er auf einer Schaffarm an der Côte d’Azur endlich fand, was er gesucht hatte: die Geschichte von Homer, die Geschiche, die so groß ist wie das Leben selbst.

Rom, Paris, Hawaii, Kalifornien, die Normandie, die Bretagne, eine Schaffarm an der Côte d’Azur – der französische Starautor Yann Apperry (33) hat in den vergangenen Jahren an vielen Orten gesucht. Was? Das deutet er nur an, spricht vom »Reflex, zu überleben«, vom Entschluss, nie wieder zu schreiben, und von der Geschichte, die ihn irgendwann doch wieder dazu zwang. Fest steht: Vor fünf Jahren wurde Apperry zum Star. Er hatte bereits drei Romane veröffentlicht, erhielt dann mit nur 28 Jahren den renommierten Prix Médicis. So jung war kein Preisträger vor ihm gewesen. Doch statt zu feiern, verschwand Apperry. Er reiste um den halben Planeten, tauchte erst nach drei Jahren wieder auf – mit seinem vierten, großen Roman (erscheint jetzt auf Deutsch: »Das zufällige Leben des Homer Idlewilde«). Sein Held Homer hat gefunden, was Apperry suchte: eine Geschichte.

Homers Reise beginnt im Sommer 1973, als er mit seinem väterlichen Freund Fausto eine Sternschnuppe vom Himmel fallen sieht und sagt: »Ich wünsche mir, eine Geschichte zu erleben, die aus meinem Leben ein Schicksal macht.« Ein großes, hartes Wort wie Schicksal scheint nicht nach Farrago zu passen, jenem verschlafenen Nest in Nordkalifornien, wo Homer lebt. Eine entrückte, kleine Welt – wie der Dorfname schon zeigt: far away, long ago. Doch hier findet Homer, als er zuzuhören beginnt, all die großen, prototypischen Lebensgeschichten: Duke hat seit Jahrzehnten niemanden mehr geliebt – damals brachte ein Nebenbuhler aus Eifersucht Dukes erste Freundin um. Fausto hat einst seinen besten Freund John Smith betrogen, sucht ihn seither verzweifelt. Homer hört zu. Und er lernt: Das eigentliche Elend ist jedoch, dass »es den Leuten nicht gelingt, die Geschichte ihres Elends zu erzählen«. Yann Apperry erzählt Homers Geschichte und Homer erzählt einen Teil der Geschichte Apperrys. Farrago erinnert an die einzige Heimat, die Apperry wohl je hatte: »Die Häuser meiner Kindheit, das meiner Großmutter in der Bretagne und das meiner anderen Großmutter in Kalifornien.« Apperrys Mutter ist eine amerikanisch-schwedische Drehbuchautorin, sein Vater der französische Autor Gilles Durieux. Apperry besucht ihn regelmäßig, verbringt viel Zeit bei ihm in der bretonischen 4000-Seelen-Gemeinde Ploudaniel. Die Bewohner seines Mikrokosmos Farrago ähneln den Bretonen: bodenständig, vielleicht etwas roh, aber zutiefst ehrlich und offen.

Das Schreiben ist ein Fixpunkt in Apperrys wechselvollem Leben. Schon als Kind wollte er schreiben. Mit 23 veröffentlichte er seinen ersten Roman, das Bürgerkriegsdrama »Qui vive«. Damals dachte er: »Ein Autor muss einen Stil erfinden.« Sein 2000 ausgezeichneter Roman »Diabolus in musica« war sehr experimentell geschrieben. Alle sprachen begeistert vom Stil, niemand von der Geschichte. Vielleicht erschreckte das Apperry. Vielleicht hatte er Angst, als neuer Starautor plötzlich ohne Geschichte im Rampenlicht zu stehen? Man weiß nicht, was Apperry damals suchte, als er aus Paris verschwand. Er beschreibt nur, was er dann fand: Auf Hawaii arbeitete er in Bars, traf »Menschen, die ignorierten, dass sie eine Geschichte haben und dass diese ihr großer Schatz ist, ihre einzige Kraft«. Apperry hatte sein Thema entdeckt. Er kehrte nach Frankreich zurück, schrieb auf einer Schaffarm an der Côte d’Azur Homers Geschichte. Apperry erzählt sie in einer kunstvoll-einfachen Sprache. Es ist die des Ich-Erzählers Homer: einfach, aber nie platt. Unterhaltsam, aber immer sensibel, ja zärtlich. Homer erzählt von seinem Sommer und dabei von all den großen menschlichen Urerfahrungen – Kindheit, Krankheit, Alter, Liebe, Tod. Homer hat am Ende seines Sommers Menschen sterben sehen, ein Vermögen gemacht, einen Serienkiller gefasst, ein Kind gezeugt, seine große Liebe gefunden und sie – vielleicht – wieder verloren. Homer erinnert sich an den Tag, als die Sternschnuppe vom Himmel fiel: »Mein Wunsch war ganz offensichtlich in Erfüllung gegangen, im Guten wie im Schlechten.« So ist das Leben. Homer hat sein Schicksal gefunden, Apperry seine Geschichte: »Mein erster wirklicher Roman.« Sein größter auf jeden Fall. So groß wie das Leben. 

Yann Apperry: Das zufällige Leben des Homer Idlewilde, Aufbau, 420 Seiten, 19,90 €, Erscheint am 27. August

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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