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Für Handy und Rechner: Große kleine Spiele für zwischendurch (Spiegel Online, 8.11.2010)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Für Handy und Rechner

Große kleine Spiele für zwischendurch

Keine Rahmenhandlung, geringer Zeitaufwand, großartige Ideen: Spiele kleiner Entwickler wie die sphärische Pacman-Variante “Osmos” lassen sich in vielen kleinen Episoden genießen. Drei Empfehlungen fürs kreative und sehr preiswerte Spielen zwischendurch.

Spiegel Online, 8.11.2010

{jumi [*3]}

Die Großen fressen die Kleinen – so kann man das Spielprinzip von “Osmos” zusammenfassen. Das wird dem Titel des kleinen Studios Hemisphere Games aber nicht gerecht: “Osmos” ist eines der schönsten kleinen Spiele derzeit. Der Spieler bewegt ein kreisförmiges, blau leuchtendes Partikelchen durch einen dunklen Raum voller anderer, leuchtender Formen.

{jumi [*4]}

Planeten? Lebewesen? Das Spiel ist so abstrakt, dass man das nie so genau erfährt, aber die Grafik, Musik und Physik des Spielraums sind so perfekt abgestimmt, dass man sich nie fragt, was das eigentlich für sphärische Knubbel sind. Man akzeptiert einfach, dass die Spielwelt so ist und so funktioniert: Die Spielfigur wird indirekt gesteuert. Dorthin, wo der Spieler klickt (bei PC-Versionen Spieles) oder tippt (bei den iPhone- und iPad-Versionen), spuckt das Partikelchen etwas Masse aus und bewegt sich dadurch in die entgegengesetzte Richtung. Mit dem Treibstoff muss man sparsam umgehen – je hektischer der Spieler agiert, desto kleiner wird seine Figur. Andere Knubbel können den ausgestoßenen Treibstoff aufschnappen und wachsen.

Osmos Trailer from hemisphere games on Vimeo.

Bewegen muss sich der sphärische Knubbel aber, einerseits um den größeren Wesen auszuweichen, andererseits um zu wachsen und sich dafür die kleineren einzuverleiben. Das Spiel visualisiert die Machtverhältnisse sehr elegant: Alles, was bläulich schimmert, kann man seiner Spielfigur einverleiben, alles andere (rot, grün, orange schimmernde Knubbel) ist eine Gefahr. Mit jeder Bewegung der eigenen Figur ändern sich die Farben aller anderen Wesen auf dem Spielfeld ein wenig. Man sieht ständig, wie es gerade läuft.

Im Verlauf des Spiels kommen immer neue Elemente hinzu: Der Zeitverlauf lässt sich beschleunigen oder verlangsamen, was die Steuerung erleichtert. Auf einigen Spielflächen kreisen alle Knubbel in Umlaufbahnen um einen Planeten, dessen Anziehungskraft alle Bewegungen auf dem Spielfeld beeinflusst. Und neben den genügsam vor sich hin schwebenden Wesen tauchen auch deutlich aggressivere, intelligenter handelnde Wettbewerber auf, die Jagd auf die Figur des Spielers machen.

Spieler können zwischen verschiedenen Tonalitäten wählen: Es gibt stressigere Level, in denen binnen einer Frist ein bestimmtes Ziel zu erreichen ist, und entspannte Episoden, die einen frei von jeder Zeitbegrenzung herumspielen lassen. In diesen freien Spielphasen wirkt die Mischung aus Musik und Bewegung sehr entspannend. Da erinnert “Osmos” an das Spiel ” Rez“, an das vom Grundprinzip her ähnliche “Flow” oder eine Lavalampe mit Dub-Soundtrack, wenn man so etwas mag. Am besten wirkt “Osmos” an einem iPad oder iPhone, die Steuerung per Bildschirmberührung passt viel besser zur Spielerfahrung als eine Maus.

Hemisphere Games: ” Osmos“, PC-Version (Windows, Mac, Linux) 10 US-Dollar, iPad 3,99 Euro, iPhone 2,39 Euro, kostenlose Probeversion als Download beim Entwickler

“Sinuous” – der Kometen-Simulator

“Sinuous” ist ein sehr einfaches Browser-Spiel, eigentlich nur eine Fingerübung des schwedischen Web-Entwicklers Hakim El Hattab, der damit zeigen will, was mit dem neuen Web-Standard HTML5 möglich ist. Das gelingt “Sinuous” aber so gut, dass man mit diesem Spiel für Zwischendurch die kleinen Büropausen besorgniserregend ausdehnt. Das Prinzip ist einfach: Ein Schauer roter Punkte regnet von rechts oben ins Spielfeld hinein, man steuert einen blauen Punkt mit Schweif (man kann ihn sich gut als Kometen vorstellen).

Der darf auf gar keinen Fall mit einem der roten Punkte kollidieren – man muss ausweichen. Ab und an fliegt ein hellblauer Punkt durchs Spielfeld, sammelt man so einen auf, kann die eigene Spielfigur für kurze Zeit unbeschadet die Rotpunkte rammen. So sammelt man Punkte. Viel mehr ist zu “Sinuous” auch nicht zu sagen. Nur das: Die Musik passt hervorragend, und das Spiel lässt sich auch im Browser eines iPhones oder Android-Smarthphones mit berührungsempfindlichem Display spielen, per Fingertipp.

Hakim El Hattab: Sinuous, browserbasiert, kostenlos, spielbar auf dieser Website

“Continuity” – Hüpfen, laufen, Räume puzzeln

So unterhaltsam können Uni-Arbeiten sein: Ein paar Spieldesign-Studenten aus Göteborg haben im Rahmen ihrer Ausbildung dieses clevere kleine Spiel entwickelt: In “Continuity” macht der Spieler, was in Jump’n’Run-Spielen eben nötig ist: Die Spielfigur über verschiedene Ebenen hüpfen, Schlüssel sammeln und Türen zur nächsten Episode öffnen lassen. Einerseits.

Andererseits haben die Räume in “Continuity” wenig mit denen klassischer Jump’n’Run-Spiele gemeinsam: Sie sind in Puzzle-Teile aufgeteilt, die man während des Spiels immer wieder neu anordnen muss, und zwar so, dass die Spielfigur weiterkommt. Um alle 32 Level durchzuspielen, braucht man mit Sicherheit mehr als eine Mittagspause. Zum Glück speichert das flashbasierte Spiel in einem Cookie, wo man gerade aufgehört hat. Ruft man vom selben Computer mit demselben Browser die Seite erneut auf, muss man nicht wieder von vorne anfangen.

Elias Holmlid, Dmitri Kurteanu, Guy Lima Jr., Stefan Mikaelsson: Continuity, browserbasiert, kostenlos, spielbar auf dieser Website

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Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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