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Google-Manager bei Konferenz Le Web: Der nette Herr Schmidt teilt aus (Spiegel Online, 8.12.2011)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
2 minuten gelesen

Google-Manager bei Konferenz Le Web

Der nette Herr Schmidt teilt aus

Eric Schmidts Auftrag als Googles Chef-Diplomat lautet: für gutes Image sorgen. Als Verwaltungsratschef spricht er mit Staatschefs, soll Regulierungsbehörden und Öffentlichkeit beruhigen. Entsprechend professoral tritt er auf. Und beißt dann überraschend doch wieder zu.

SPIEGEL ONLINE, 1.12.2011

{jumi [*3]}

Eric Schmidt braucht etwas, um in Fahrt zu kommen bei diesem Auftritt: Der Google-Verwaltungsratschef soll am Mittwochnachmittag ein paar tausend Teilnehmer des Internetkongresses Le Web in Paris mitreißen. Schmidt kommt sehr professoral auf die Bühne: dunkelblaues Jackett, darunter ein grauer Pullover mit V-Ausschnitt, der die blass gelb-blaue Krawatte versteckt. Schmidt spricht anfangs so zurückhaltend, wie seine Kleidung aussieht: Er komme immer gerne nach Paris, seit Jahren schon. Nettes Blabla.

Dann zeigt Android-Produktmanager Hugo Barra ein paar längst bekannte Funktionen des neuen Google-Betriebssystems Honeycomb, Schmidt wirft ein paar Gags ein. Barra demonstriert, wie man bei Videochats mit dem neuen Android-System in Echtzeit das Videobild seines Gesichts verzerren kann. Einwurf Schmidt: “Das ist der Grund, warum man ein Android-Telefon braucht.” Lachen hier und da im Saal. Schmidt wiederholt den Gag zur Sicherheit: “Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen, ein Android-Telefon zu kaufen.” Vereinzelte Lacher.

Schließlich geht Moderator LoïcLoïc Le Meur Eric Schmidt direkt an: “Sie haben doch gestern Präsident Sarkozy getroffen, worum ging’s?” Eric Schmidt zögert, dann fängt er an zu reden und kommt langsam in Fahrt: “Es ging darum, dass das Silicon Valley Konkurrenz braucht”, antwortet Schmidt versöhnlich. Eine PR-Antwort, schließlich hat er gestern ein Google-Entwicklungszentrum in Frankreich eröffnet.

Le Meur wirft ein: “Ja, aber hier in Europa gibt es doch so viel Wettbewerb, Berlin, Paris, London.” Wie solle bei der großen Konkurrenz untereinander denn noch ein Gegner fürs Valley übrigbleiben? Jetzt provoziert Schmidt: “Konkurrenz ist doch großartig. Dann müssen Sie als Unternehmer aus Frankreich vielleicht ins Nachbarland ziehen. Ins Nachbarland!” Lachen im Publikum.

Le Meur hat sicher nicht gemeint, dass er ungern nach Berlin ziehen würde, aber Schmidt hat die Lacher auf seiner Seite. Und dann wird der Google-Diplomat um des Witzes Willen undiplomatisch: “Oder Sie müssten vielleicht sogar in die USA ziehen, aber wir geben Ihnen kein Visum, weil wir Idioten sind!”

Dasselbe Muster wiederholt sich bei seinem Auftritt noch ein paar Mal. Erst antwortet er sehr bedächtig und versöhnlich, irgendwann fällt er unterhaltsam aus dieser Rolle. Ja, Datenschutz sei wichtig, man sei da in Kontakt mit Regulierern in Europa, die politischen Prozesse seien erprobt. Ein paar Zwischenfragen später kommt Schmidt dann wieder in Fahrt und ahmt komische Stimmen nach. Besorgt sei man über voreilige Regulierung, über Leute, die Unternehmern sagen: “Du darfst das und das nicht erfinden!” Schmidt versucht jetzt, wie eine Großmama zu klingen, die mit dem Finger droht: “Nicht so schnell das Eis essen, das ist ungesund!” Aber ja, man sei oft in Brüssel – wir “reden, reden, reden”, äzt Schmidt.

Und wie ist das mit dem iPhone, fragt jemand aus dem Publikum, warum sind so gefeierte Programme wie Flipboard nur für das Apple-System verfügbar, müsse Google da nicht etwas tun? Flipboard, eine schicke iPad-App für personalisierte Tablet-Magazine hat in Paris seine neue iPhone-App vorgestellt – aber keine für Android.

Schmidt antwortet: “In sechs Monaten wird es andersherum sein. Entwickler lockt ein großes Publikum.” Beim Thema iPhone gestikuliert er manchmal sogar ein bisschen. Ja, Apple habe ein phantastisches System entwickelt, sagt Schmidt. Moderator Le Meur stichelt: “Das iPhone hatte ja einen Vorsprung.” Er kann seine Frage gar nicht richtig ausführen, so schnell reagiert Schmidt: “Welchen Vorsprung meinen Sie? Android hat mehr verkaufte Geräte, mehr Funktionen.” Loïc Le Meur setzt wieder an. War das iPhone nicht eher da? Schmidt kühl: “Android wurde vor dem iPhone entwickelt. Suchen Sie das mit ihrer liebsten Suchmaschine.”

Unter der Oberfläche des Diplomaten lauert eben immer noch der angriffslustige CEO.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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