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Internet-Filter: Kreative Chinesen verhöhnen die Zensoren (Spiegel Online, 23.6.2009)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Internet-Filter

Kreative Chinesen verhöhnen die Zensoren

Keine Pornos, kein Widerspruch, keine Vulgärsprache: Chinas Zensoren säubern das Internet rabiat. Web-Nutzer empören sich, dass ihnen jetzt sogar das Fluchen verboten wird. In Protestvideos feiern sie “Gras-Schlamm-Pferde” und anderes Ungetier – weil sie so schön nach Schimpfworten klingen.

Spiegel Online, 23.6.2009

Billiger Dance-Pop scheppert im Hintergrund. Fünf Alpakas gucken dämlich in Kamera. Eine Helium-Stimme singt dazu schief in Mandarin: “Das niedliche Gras-Schlamm-Pferd ist überall im großen China beliebt!”

Solche chinesischen YouTube-Videos erinnern auf den ersten Blick an alberne Web-Phänomene wie die “Keyboard Cat” – doch sie haben einen ernsten Hintergrund. Mit den Lobgesängen auf Phantasiewesen wie das Gras-Schlamm-Pferd protestieren Web-Nutzer seit Anfang des Jahres gegen die Zensur im Land.

Zu Jahresbeginn ist in China eine Kampagne zur Web-Säuberung angelaufen. Behörden wie das “China Internet Illegal Information Reporting Centre” (CIIRC) beteuern in einer PR-Offensive, sie würden das Internet im Land von pornografischen und anderweitig anstößigen Inhalten befreien. Suchmaschinen geben dem Druck nach – Google kündigte laut BBC inzwischen an, “alle nötigen Schritte” zu ergreifen, um “Pornografie” von seinen chinesischen Seiten zu entfernen. Auch gegen sogenannte vulgäre Inhalte gehen die Behörden vor – allzu üble Schimpfworte sollen ausgefiltert werden.

Eines dieser Schimpfworte wird “Cao Ni Ma” ausgesprochen. Schreiben kann man diese Lautfolge sehr unterschiedlich. Eine Variante heißt übersetzt “Gras-Schlamm-Pferd” – die andere ist eine deutliche Aufforderung, mit der eigenen Mutter zu verkehren.

Weil Filter-Software nicht automatisch alle erdenklichen Schreibvarianten einer Lautfolge filtert, dürften kreativ umformulierte Beleidigungen wie das Gras-Schlamm-Pferd den meisten Filterprogrammen erst einmal durchrutschen.

Die kreative Protestwelle ist im chinesischsprachigen Web ein mächtiges Mem geworden. Gut 600.000 Treffer liefert eine Google-Suche nach dem Gras-Schlamm-Pferd, geschrieben in Mandarin-Kurzzeichen.

Auf YouTube sieht man – von Deutschland aus zumindest – viele Videos, die das Gras-Schlamm-Pferd feiern. Der Clip erzählt eine traurige Geschichte, die man mit wenig Phantasie auf die chinesischen Filterbemühungen übertragen kann.

Das niedliche Gras-Schlamm-Pferd ist überall im großen China beliebt, heißt es. Sein größter Feind ist der Flusskrebs – der Begriff wird ähnlich ausgesprochen wie der für “Harmonie”, was wohl eine Anspielung auf die Harmonisierung ist, also die Filterung von Web-Inhalten. Die Flusskrebse essen das Gras, von dem die Gras-Schlamm-Pferde eigentlich leben. Einen Clip, der diese Geschichte erzählt, haben YouTube-Nutzer englisch untertitelt (siehe Video):

In anderen Filmen wird das Gras-Schlamm-Pferd gefeiert, weil es den Flusskrebs besiegt und den Storch-Fuchs-Affen zurückgeschlagen hat.

Storch-Fuchs-Affe klingt auf Chinesisch ähnlich wie “Netzwerkadministrator”.

Seit Jahresbeginn spinnen empörte Web-Nutzer die Geschichte des Gras-Schlamm-Pferds in Blogs, Wikipedia-Artikeln und chinesischen Foren weiter. Das Gras-Schlamm-Pferd hat inzwischen viele Verwandte bekommen. Der englischsprachige Wikipedia-Artikel spricht von den “zehn mythischen Baidu-Wesen”. Hintergrund: Auch in dem in China zugänglichen, da gefilterten, Wiki-Weblexikon Baidu Baike des chinesischen Suchriesen Baidu tauchten immer wieder neue Artikel über vermeintlich seltene Lebewesen auf, die von den Zensoren schnell gelöscht wurden.

Da gab es den französisch-kroatischen Tintenfisch (“Fa Ke You” ausgesprochen – lesen Sie es sich leise vor, dann wissen Sie, was gemeint ist), die Jiba Katze (in Mandarin ähnlich ausgesprochen wie Schamhaar), das Dafei-Huhn (ähnlich ausgesprochen wie onanieren) und viele andere Tierchen, die alle ähnlich heißen wie Geschlechtsorgane oder Aktivitäten, die man eher im intimeren Rahmen betreibt.

In der “New York Times” beschrieben China-Kenner die Wortakrobatik als große Web-Bewegung im Netz des Landes. Die Zeitung zitiert eine Analyse des Protests durch die chinesische Filmwissenschaftlerin Cui Weiping: “Der Grundton all dieser Texte ist: ‘Ich weiß, dass ihr mir verbietet, bestimmte Dinge zu sagen. Aber seht her, ich kooperiere. Ich singe nur ein niedliches Kinderlied.'”

Die Behörden gehen inzwischen trotzdem gegen den kreativen Protest vor. Der Web-Dienst “Asianews” berichtete schon Ende März, dass Provider angewiesen wurden, Artikel über das Gras-Schlamm-Pferd zu filtern.

Seither liefern sich Web-Wächter und Online-Demonstranten ein Wettrennen um die Nutzung und Sperrung kreativer Schreibwesen bekannter Schimpfworte. In einem YouTube-Clip heißt es mehrdeutig: “Die große Sippe der Gras-Schlamm-Pferde hat viele Freunde, den französisch-kroatischen Tintenfisch, den eleganten Schmetterling. Sie halten sich wacker. Und die verdammten Flusskrebse sollen alle erledigt werden!”


Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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