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Kaffee to go (Süddeutsche Zeitung, 27.2.2001)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
2 minuten gelesen

Kaffee to go

Die Berliner Autorin Thea Dorn über Anglizismen in der Sprache

Süddeutsche Zeitung, 27.2.2001

Sprachschützer sorgen sich um die Reinheit der deutschen Sprache, die ihrer Ansicht nach immer stärker unterwandert wird von Anglizismen. Wir befragten dazu die Berliner Schriftstellerin Thea Dorn, die die Ausdrücke aus dem Englischen verteidigt. Thea Dorn schreibt neben Kriminalromanen („Die Hirnkönigin“) auch Theaterstücke und arbeitet als Dramaturgin in Hannover.

Ihr liebster Anglizismus?

Thea Dorn: Bitch. Das ist absolut unübersetzbar und daher sehr sinnvoll. Genauso wie creep oder nerd. Gym mag ich auch.

Wie wäre es mit Sportstudio?

Dorn: Nein, gym ist doch etwas amerikanisches.

Okay. Aber es gibt doch Anglizismen, die weit unpräziser sind als ein deutscher Begriff.

Dorn: Sicher. Manchmal tut mir das Englische richtig leid. In Berlin taucht zum Beispiel seit einigen Wochen überall Kaffee to go auf.

Das ist .  .  .?

Dorn: Kaffee zum Mitnehmen. Absolut sinnlos diese Kombination aus Deutsch und Englisch.

Aber eine Frittenbude, die sich snackpoint nennt, verteidigen Sie.

Dorn: Das habe ich etwas ironischer gesagt, als sie das jetzt verstehen. Aber ich finde schon, dass man jemanden, der seine Frittenbude in Winsen an der Luhe snackpoint nennt, nicht verdammen sollte. Da muss man schon genauer hinsehen. Mit so einem Wort drückt sich doch nicht unbedingt Borniertheit aus. Ich spüre darin eine Sehnsucht, ein Verlangen nach Weltläufigkeit.

Im Gegensatz zu einem Provinzialismus der Sprachschützer?

Dorn: Ja. In ganz Europa verwendet man Anglizismen. Das ist auch in Frankreich so, wo le week-end lange in der Sprache verankert ist. Ich kenne das Italienische und Französische recht gut, diese Sprachen wimmeln genauso vor Anglizismen wie das Deutsche. Das ist in Ordnung, wenn die Begriffe etwas sonst unsagbares bezeichnen. Jeder, der Ahnung von einer Sache hat, soll sich die geeigneten Begriffe suchen, wenn ihm sie ihm im Deutschen fehlen.

Also grundlose Aufregung?

Dorn: Schlimmer. Da schwingt ja immer der Vorwurf eines deutschen Minderwertigkeitsgefühls mit. So ein Schwachsinn! Vielleicht haben wir 50 Anglizismen mehr als die Italiener – und? Hier wird eine Fortsetzung der Leitkulturdebatte mit anderen Mitteln versucht. Die wollen wieder stolz sein dürfen.

Trotzdem ist das italienische cellulare präziser und schöner als Handy.

Dorn: Klar. Das Handy ist ja ein notorisches Beispiel für sinnlose und hässliche Anglizismen. Vorige Tage habe ich etwas ähnlich schlimmes gelesen: ego-involvement. Ich weiß nicht mal, ob es das auch im Englischen gibt.

Der ekelhafteste Anglizismus?

Dorn: Dressman. Das ist ganz furchtbar. Aber das sagt man heute kaum noch.

Das hat jetzt aber lange gedauert.

Dorn: Die hässlichen Worte vergesse ich immer ganz schnell.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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