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Konzertort-Abstimmung: Ihr ruft, wir kommen (Spiegel Online, 4.2.2008)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Konzertort-Abstimmung

Ihr ruft, wir kommen

Was haben Barack Obama und der Wu-Tang Clan gemeinsam? Beide lassen im Web abstimmen, wo sie auftreten sollen. Beim Online-Dienst Eventful kann sich jeder den Auftritt seines Stars wünschen – wenn genügend Nachbarn mitmachen, kommen die Gerufenen vorbei.

Spiegel Online, 4.2.2008

Die Band nennt sich "The Presidents of The United States of America" und – Nomen est Omen – lässt ihre Fans darüber abstimmen, wo sie auftreten soll. Die US-Rockband – seit 15 Jahren im Geschäft, mit einigen Singles auf oberen Chartplätzen – will auf der nächsten Tour dort spielen, wo die Nachfrage am größten ist. Auf www.Eventful.com kann in den kommenden vier Wochen jedermann für einen Konzertort stimmen, Registrierung mit E-Mail-Adresse vorausgesetzt. In den fünf Städten mit den meisten Unterstützern wird die Band spielen. Derzeit führt Seattle (daher stammen die Presidents) – aber auch ganz vorn ist die recht unbekannte US-Provinzmetropole Fort Wayne, ein Städtchen von vergleichbarer Größe wie Rostock. Dieses Wahlverfahren unterscheidet Eventful von dem guten Dutzend an US-Webangeboten mit Veranstaltungsterminen. Welche Bands, Komiker, Autoren oder Politiker wann in welcher Stadt auftreten, kann man auch bei Konkurrenten wie Upcoming oder Zvents lesen. Aber per Wahlverfahren Stars anlocken, das kann man nur auf Eventful.

Als das Angebot vor knapp zwei Jahren ans Netz ging, fehlten noch verbindliche Zusagen von Stars, sich an den Wahlergebnissen zu orientieren. Das hat sich geändert, wie so oft macht es die Masse: Eventful ist mittlerweile ein Marktplatz für Aufmerksamkeit mit viel Nachfrage. Derzeit gibt es angeblich mehr als 1,3 Millionen Kampagnen für den Auftritt eines bestimmten Prominenten in einem bestimmten Ort. Nur das direkt auf die Anfrage reagierende Angebot fehlte diesem Event-eBay anfangs.

Stars folgen ihrem Publikum

Das ändert sich gerade: Neben den Presidents lässt auch der Wu-Tang Clan über Auftrittsorte der US-Tour abstimmen, etwa ein Dutzend solcher Aktionen hat Eventful schon abgewickelt. Eventful-Geschäftsführer Jordan Glazier spricht darüber hinaus von "Tausenden von Veranstaltungen", die angeblich wegen der durch Eventful dokumentierten Nachfrage organisiert wurden.

Denn nicht alle Arrangements laufen nach dem so augenfälligen Abstimmungsmuster ab – die meisten Musiker prüfen auf Eventful einfach, wo die Nachfrage nach einem Auftritt groß ist und versuchen diese Erkenntnisse in den Tourplan einzuarbeiten. Geschäftsführer Glazier: "Etwa 35.000 Musiker nutzen diesen Dienst so."

Die Kommunikation läuft mehr und mehr in beide Richtung: Es sind nicht mehr nur Veranstalter, die eine anonyme Masse an potentiellen Zuschauern informieren. Die Masse spricht auch.

US-Dorf lockt Präsidenschafts-Kandidaten

Dieses Werkzeug nutzen in den US-Vorwahlen angeblich auch alle Bewerber um die Präsidentschaft: Den inzwischen ausgeschiedenen John Edwards hat Eventful zum Beispiel in das 229-Einwohner-Dorf Columbus in Kentucky gebracht. Edwards Wahlkampf-Team hatte einen Auftritt in der Stadt mit den meisten Stimmen versprochen, 1870 Eventful-Mitglieder klickten für Columbus und so sprach Edwards am 4. Oktober dort im Stadtpark – knapp 2000 Menschen sollen bei der Veranstaltung gewesen sein.

"Fast alle Kandidaten nutzen das Angebot, um ein junges Publikum einzubinden", erklärt Geschäftsführer Glazier. Barack Obama, Hillary Clinton, Mike Huckabee – die Wahlkampfteams aller Kandidaten lassen auf Eventful-Profilen Abstimmungen über Orte für Wahlkampfauftritte laufen. Eventful dockt mit leicht in Facebook-Profilen und Weblogs integrierbaren Widgets (Mini-Anwendungen, die sich auf anderen Seiten einbinden lassen) geschickt an die großen sozialen Netzwerke und die dortigen Unterstützer-Gruppen an.

Eventful-Nutzer lieben Barack Obama

Am begehrtesten ist auf Eventful derzeit Barack Obama – ungefähr 60.000 Eventful-Mitglieder haben sich schon einen seiner Auftritte in ihrer Stadt gewünscht. Ob sich sein Wahlkampfteam nach diesen Daten Orte für Auftritte aussucht, kann man aber nicht nachprüfen.

Das Wahlkampfteam des Präsidentschafts-Bewerbers Huckabee bittet seine Unterstützter in einem Blogeintrag sogar: "Wir benutzen ein Online-Werkzeug namens Eventful, um Menschen vorab über Veranstaltungen zu informieren. Ich bitte Sie, sich anzumelden. Es ist kostenlos, einfach zu bedienen und hat uns geholfen, Massen zu versammeln."

So ganz entspricht das dem Grundgedanken von Eventful nicht. Die Politiker nutzen die Börse offenbar nicht nur für ihre Marktforschung, sondern auch dafür, an Orten Nachfrage nach ihnen zu schaffen, auf die man dann wieder durchaus werblich verweisen kann.

Bands wie die Presidents sind da mit ihren Konzertort-Wahlen schon weiter. Sie haben es auch nötig: Live-Auftritte brachten laut "Wired" im vorigen Jahr etwas mehr als die Hälfte aller mit Musik in den Vereinigten Staaten erzielten Einnahmen. Der Anteil wächst rapide, weil die CD-Verkäufe einbrechen und die Umsätze mit Download-Musik nicht schnell genug wachsen. Überhaupt, so rechnet "Wired" vor, verdienen die Musiker an Downloads zum Teil noch weniger als an CDs-Verkäufen. Die Beispielrechnung (in den Vereinigten Staaten fällt bei Downloads keine Mehrwertsteuer an): Von den 9,99 Dollar, die ein Fan bei iTunes für ein Album bezahlt, bekommt Apple 30 und die Plattenfirma 56 Prozent. Der Band belieben 14 Prozent – knapp 1,40 Dollar.

Eventful hat das Potenzial zum Event-eBay

Die Folge, schreibt "Wired"-Gastautor David Byrne (Talking Heads): Früher seien Live-Auftritte vor allem ein Mittel gewesen, um ein neues Album zu bewerben. Das sei rückwärtsgewandt, würde sich derzeit ändern: "Auftritte sind eine Sache für sich. Für die, die es können, ist das ein Weg, um Geld zu verdienen." Denn für Konzertkarten wird mehr Geld ausgegeben, während die CD-Umsätze einbrechen.

Wenn die Entwicklung anhält, könnten Dienste wie Eventful als Mittler zwischen Publikum und Bands fungieren, vielleicht eine Ebene an Zwischenhändlern überflüssig machen, den Markt effizienter gestalten und an den Provisionen verdienen – so ähnlich wie eBay es vor Jahren beim Handel mit Second-Hand-Waren einmal vorgemacht hat. Dort haben sich Eventful-Gründer Brian Dear und Geschäftsführer Jordan Glazier auch vor Jahren kennengelernt – sie arbeiteten beide beim Online-Auktionshaus. Und einer der ersten Investoren bei Eventful ist Pierre Omidyar – der eBay-Gründer, den keiner kennt.

Glazier selbst vergleicht den Veranstaltungs-Markplatz mit dem Webauktionshaus: "Unser Dienst ist im Grunde genommen ein Markplatz für Veranstaltungsinformationen. Wir haben mit vier Millionen Einträgen das größte Angebot." Und eine starke Nachfrage – derzeit sammeln Eventful-Nutzer Stimmen für mehr als 1,3 Millionen Auftritte bestimmter Stars in ihren Städten.

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Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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