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Macworld-Messe: Apple-Jünger kuscheln ein letztes Mal (Spiegel Online, 6.1.2009)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Macworld-Messe

Apple-Jünger kuscheln ein letztes Mal

Das ist Liebe zum Produkt: Apple-Fans reisen aus aller Welt nach San Francisco, um mit Wildfremden dem Konzern zu huldigen. Der Gemeinschaftsdrang ist ein Rest der alten Mac-Kultur – doch das Unternehmen entledigt sich jetzt der letzten folkloristischen Überbleibsel.

Spiegel Online, 6.1.2009

San Francisco – Warum Alfred Phoon von Vancouver nach San Francisco geflogen ist, ein paar Hundert Dollar für ein Hotelzimmer und den Eintritt für die Apple-Messe Macworld bezahlt hat, kann er jetzt gar nicht so genau sagen. Der zierliche Programmierer steht mit einer großen Spiegelreflexkamera zwischen einem guten Dutzend anderer Macworld-Besucher am Strand, ein paar hundert Meter Luftlinie von der Golden Gate Bridge entfernt, sucht nach der richtigen Blendenöffnung fürs Foto und dem einen Satz, der erklärt, warum er hier ist.


Natürlich, Steve Jobs wollte er einmal live sehen. Sich frühmorgens anstellen, um die Eröffnungsrede des Apple-Chefs zu hören. Nur hält in diesem Jahr nicht Jobs die Rede, sondern Marketingchef Phil Schiller. Das hat Apple überraschend vor wenigen Wochen bekanntgegeben – lange nachdem Fans wie Phoon ihre Tickets gekauft hatten.

Aber das ärgert den 31-Jährigen nicht. Er sei ja nicht nur wegen des
Apple-Chefs hier, sondern auch, um bei einem Workshop auf der Macworld
etwas mehr über Fotografie zu lernen, neue Software und Geräte
auszuprobieren, Menschen zu treffen. Und dann sagt Phoon den
interessanten Satz: "Das muss man einmal machen."

Einmal eine Pilgerreise ins Mac-Mekka – das gehört irgendwie zum Apple-Kult.

Mac-Jünger aus Belgien und Kanada

Die meisten Mac-Nutzer, die sich wie Phoon zwei Tage vor Messebeginn
übers Internet spontan zum Spaziergang durch San Francisco
zusammengefunden haben, sind eher aus Vergnügen denn geschäftlich hier.
Zum Beispiel Philippe Simons, 39, aus Belgien, der sich die "Macworld
selbst zum 40. Geburtstag geschenkt" hat. Oder Rechtsanwaltsgehilfin
Lizzie, die ihr Macbook Pro "Steven" nennt – nach dem einen (Jobs?)
oder anderen (Wozniak?) Apple-Mitgründer, welchem, das verrät sie nicht.

Es nicht so einfach zu verstehen, warum Menschen Hunderte oder gar
Tausende Kilometer fliegen, um Produktpräsentationen beizuwohnen, die
es auch als Webvideo zu sehen gibt. Um Menschen zu treffen, mit denen
man zunächst einmal nur die Computermarke gemeinsam hat.

Dieser Gemeinschaftsdrang ist der interessanteste Teil des
Apple-Mythos. Denn die Kultur der Messen und Nutzertreffen ist ohne
Steuerung durch den Konzern entstanden.

Das Gegenkultur-Image hat sich Apple einst selbst mit Werbekampagnen
verpasst – doch die Anwendergruppen und das dort entstandene
Gemeinschaftsgefühl hat das Unternehmen nie geplant.

Mac-Gemeinschaft entstand ohne Apple

Die Geschichte der Mac-Gemeinschaften zeichnet der Dokumentarfilm
"Macheads"
nach, der auf der Macworld Expo am Donnerstag Premiere feiert.
Regisseur Kobi Shely zieht aus seinen Recherchen diesen Schluss: "Die
Mac-Gemeinschaft basierte lange vor allem auf persönlichen Treffen wie
den Treffen der Mac-Anwendergruppen. Diese kleinen Gemeinschaften
verbreiteten die Leidenschaft für die Marke und schufen den
Apple-Mythos. Die Macworld-Messen waren der Treffpunkt dieser Gruppen."

In "Macheads" sieht man in Originalaufnahmen von 1986, wie die
Gründer der Berkeley Macintosh User Group (BMUG) in der
US-Fernsehsendung "Computer Chronicles" über ihre Gruppe erzählen: "Wir
helfen uns gegenseitig, besser mit unseren Computern zu arbeiten."
Donnerstags trafen sich die Mitglieder in Berkeley zu einer
Frage-und-Antwort-Runde, inklusive Softwarepräsentationen und
anschließendem Essen. Das war damals nötig, sagt Ratgeberautorin Irene
M. Hoffman in "Macheads": "Computer waren damals etwas Mysteriöses. Die
Leute mussten lernen, wie man sie benutzt. Die Mac-Anwender machten
mehr daraus: Sie redeten nicht nur über Computer."

Zu ihren besten Zeiten veröffentlichte die BMUG Bücher,
Shareware-Sammlungen und einen Newsletter für jene ihrer 13.000
Mitglieder, die außerhalb Berkeleys lebten. Sie betrieb sogar eine
Mailbox in Tokio.

Es war eine symbiotische Beziehung: Die Marke Apple brachte und
hielt die Gruppen zusammen. Die Gruppen und Treffen wiederum gaben der
Marke Apple einen Gemeinschafts-Touch.

Veteranentreffen der Computer-Generation

Das allerdings war, bevor das Internet Allerweltsmedium und
Computerkenntnis Allgemeinbildung wurde. Im Jahr 2000 meldete die BMUG
Konkurs an.

Heute finden junge Apple-Besitzer Antworten auf ihre Fragen im Web.
Nutzertreffen spielen für sie kaum eine Rolle – im Gegenteil wirken sie
wie Veteranentagungen, so hip, so jugendlich ist die Marke Apple
geworden.

In "Macheads" illustriert eine Szene diesen Wandel sehr
eindrucksvoll. Gefilmt hat Kobi Shely sie während der Macworld Expo
2007 beim "Netter’s Diner", einem gemeinsamen Abendessen von
Mac-Anwendern, das seit 1985 stattfindet. Ein Dutzend Tische steht im
Raum, ältere Damen und Herren sitzen da, die meisten jenseits der 50.
Einer fragt in die Runde: "Seit wann benutzt ihr Macs?" 2007? 2006?
Niemand hebt die Hand. 1988? 1987? Niemand. 1984? Fast alle heben ihre
Hand. In dem Jahr kam der erste Macintosh-Rechner auf den Markt.

Brennweiten und Babys

Was von dem einst mit der Marke Apple verwobenen Gemeinschafts- und
Gegenkulturgefühl geblieben ist, merkt man heute höchstens noch bei
selbstorganisierten Anwendertreffen wie dem San-Francisco-Rundgang. Da
laufen Grafiker, Designer, Rechtsanwaltsgehilfinnen und Programmierer
zwischen 20 und 60 durch die Stadt, haben nur den Mac daheim (und das
iPhone in der Tasche vielleicht) gemeinsam, verstehen sich aber doch
sehr schnell recht gut.

Programmierer Phoon erzählt von seinen beiden Kindern, die jüngste
Tochter ist gerade sieben Monate. Er freut sich, während der Macworld
richtig ausschlafen zu können. Wobei Kinder toll seien, zu Weihnachten
hat er sich eine Spiegelreflexkamera geschenkt, mit der man auch filmen
kann. Und bald diskutieren ein paar einander bis vor kurzem völlig
fremde Menschen von verschiedenen Kontinenten über Brennweiten und
Babys.

Was, wenn Apple sich im kommenden Jahr wie angekündigt von der
Macworld zurückzieht? Für spontane Treffen fehlt dann vielleicht der
äußere Anlass. Es könnte das Ende für die Reste der Mac-Gemeinschaft
sein.

"Das Web hat die Gemeinschaft verändert", hat "Macheads"-Regisseur
Shely dem Fachdienst Cnet gesagt. "Die junge Generation braucht keine
Anwendergruppen, Antworten auf Fragen gibt es online. Aber sie hatten
immerhin noch die Macworld. Ohne diesen persönlichen Kontakt wird es
das Mac-Fantum schwer haben."

Vielleicht wird aus dem Fanobjekt langsam ein normales Produkt.


Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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