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Mitmach-Enzyklopädie: Männer schreiben die Wikipedia voll (Spiegel Online, 2.2.2011)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Mitmach-Enzyklopädie

Männer schreiben die Wikipedia voll

Der Anteil weiblicher Wikipedia-Autoren ist minimal – der Weisheit der Vielen fehlt die Vielfalt. Das will die Wikimedia-Stiftung nun ändern, dabei ist völlig unklar, was Frauen eigentlich davon abhält, der Welt ihr Wissen zu gönnen und wie das die Qualität beeinflusst.

Spiegel Online, 2.2.2011

{jumi [*3]}

Es gibt einfache Fragen, auf die es – wenn überhaupt – nur sehr komplizierte Antworten gibt. Zum Beispiel: “Gibt es Gott?” Oder: “Gibt es das Higgs-Boson?” Überraschender ist, dass auch eine sehr profane Frage in diese Kategorie passt: Wie viele Frauen schreiben eigentlich an der Wikipedia mit? Und ebenso überraschend ist, dass darauf nicht einmal eine Wissensplattform von der Größe Wikipedias eine Antwort hat.

{jumi [*4]}

Diese Frage hat jüngst auch die Geschäftsführerin der Wikimedia-Foundation gestellt. Sue Gardner erklärte der “New York Times”, ein wichtiges Ziel der Stiftung sei es, den Anteil weiblicher Freiwilliger bis 2015 auf 25 Prozent zu erhöhen.

Demnach ist heute weniger als ein Viertel der Wikipedianer weiblich. Aber wie viele sind es genau? Ist das Verhältnis in Deutschland ähnlich?

Die Recherche nach genaueren Angaben als “Männerüberschuss” führt erst mal vor Augen, wie miserabel die Datenqualität – im Hinblick auf einige Details – bei einem eigentlich doch so umfassend digital dokumentierten Projekt wie der Wikipedia ist. Die Wiki-Software protokolliert zwar die Änderungen an Artikeln und auch welcher registrierte Nutzer sie vorgenommen hat oder – bei anonymen Veränderungen – von welchen IP-Adressen aus sie kamen. Aber ob nun Männer oder Frauen schreiben, müssen registrierte Autoren nicht angeben.

Eine ungefähre Vorstellung der Geschlechterverteilung unter Wikipedianern geben Studien, die nur einen Teil aller Nutzer und Autoren betrachten. Auf eine derartige Untersuchung stützt auch Sue Gardner die Annahme des krassen Männerüberschusses. 2008 befragten Forscher der Universität Maastricht gut 170.000 Nutzer und Autoren verschiedener Sprachversionen der Wikipedia über einen Aufruf auf den Seiten. Einige der Ergebnisse:

  • gut 68 Prozent der Befragten sagten, sie würden die Wikipedia nur lesen, nicht aktiv als Autoren mitwirken
  • von diesen Lesern sind fast 69 Prozent Männer
  • von den Autoren sind gut 87 Prozent Männer.

Ein Problem dieser Studie ist die Selbstauswahl – vielleicht füllen bestimmte Personen ja eher einen Online-Fragebogen aus als andere. Die Folge: Diese Gruppe ist dann in der Stichprobe entsprechend überrepräsentiert, in der Wirklichkeit aber nicht. Aber selbst wenn es so eine systematische Verzerrung gibt: Trotzdem sind von den Befragten eher Männer als Autoren aktiv.

Sechs Prozent Frauenanteil bei Aktiven in der deutschen Wikipedia

Studien zur deutschsprachigen Wikipedia beschreiben ein noch krasseres Missverhältnis. Für eine Befragung haben Forscher der TU Ilmenau im Juni 2009 zufällig 564 bei der deutschsprachigen Wikipedia registrierte, aktive Autoren zum Ausfüllen eines Online-Fragebogens eingeladen. Ein Ergebnis: Gerade mal sechs Prozent der Autoren waren Frauen. Im Jahr 2005 ermittelten Forscher der Universität Würzburg bei einer Befragung aktiver Wikipedianer (nur 106 allerdings) einenFrauenanteil von 10 Prozent.

Die Forschung zum Frauenanteil ist nicht perfekt. Das ist immerhin noch besser als die zur Beteiligung von Minderheiten – die existiert gar nicht. Das grobe Bild scheint jedenfalls zu stimmen: Frauen sind in verschiedenen Funktionen in der Wikipedia krass unterrepräsentiert. Aber warum?

Warum schreiben Frauen so selten mit?

Vielleicht schreckt Frauen überdurchschnittlich stark ab, was viele Wikipedia-Nutzer auch von der Mitarbeit abhält: Der Einstieg ist kompliziert, es gibt viele Regeln, die Ansprüche an neue Artikel sind hoch, es gibt wenige Themen, die völlig unbeackert sind. Die Wikipedia leidet insgesamt an einem Rückgang der Neuzugänge bei den Aktiven. Der Frankfurter Soziologe Christian Stegbauer hat 2007 bei einer Untersuchung von 15.000 Autorenprofilen ermittelt, dass 56 Prozent der Menschen, die sich registrieren (und das sind schon sehr wenige) dann keinen einzigen Artikel bearbeiten. Stegbauers Fazit: “Viele Autoren schreiben sehr wenig, wenige schreiben sehr viel.”

Liegt es an die vielen Regeln? Liegt es an der für Einsteiger manchmal unübersichtlichen Benutzeroberfläche? Liegt es am Umgangston? Mangels Studien ist es unmöglich, da einen Grund zu benennen. Soziologe Stegbauer spielt das an einem Beispiel durch: “Denkbar wäre ja, dass der bisweilen raue Umgangston Frauen abschreckt. Aber: Um davon abgeschreckt zu werden, müssen Frauen ja erst mal mitarbeiten – wir wissen nicht, ob das geschieht.”

Eine Kategorie für weibliche Superhelden? Unnötig!

Es gibt da nur Einzelfälle, die illustrieren, wo ein Problem liegen könnte. Zum Beispiel die Geschichte einer Jura-Studentin, die Comics sammelt und in der englischsprachigen Wikipedia eine Kategorie für weibliche Superhelden anlegen wollte. Sie registrierte sich, schuf die Kategorie und pflegte Artikel ein. Dann kam es zur Abstimmung über die Kategorie, sie wurde für unnötig befunden und gelöscht.

Die Gegner argumentierten, die Kategorie sei “zu weit” gefasst, die Befürworter hielten dagegen, sie sei enger gefasst als die bestehende “Superhelden”-Kategorie, zudem habe das Geschlecht der Comicfiguren eine kulturelle Bedeutung. Die Gegner gewannen die Abstimmung, Die Autorin erinnert sich in ihrem Blog: “Dass ich als ein Neuling eine gute Idee haben und mich dafür engagieren könnte, diese Möglichkeit existierte nicht.” Sie pflegt ihre Material-Sammlung zum Thema inzwischen beim offenen Wikipedia-Gegenstück Wikia

Die Löschdebatte hat in diesem Fall ein besonderes Geschmäckle (Autorin verteidigt einen Beitrag über Sexismus in der Popkultur gegen die Löschanträge überwiegend männlicher Nutzer), aber diese Art von Lösch-Aktionen dürfte jeden neuen Nutzer verschrecken, unabhängig von Geschlecht und Thema.

Die Weisheit der Vielfalt

Wie sich die mangelnde Vielfalt bei den Autoren auf die Inhalte der Wikipedia auswirkt, muss man erst noch untersuchen. Guido Hertel, Inhaber des Lehrstuhls für Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Universität Münster, beschreibt mögliche Untersuchungsansätze: Man könne Wikipedia-Artikel und Texte aus traditionellen Enzyklopädien vergleichen zu Themen, in denen Diskriminierung möglich ist. Oder die Überarbeitungen von Wikipedia-Artikeln analysieren.

Umfassend erforscht hat all das bislang niemand. Die Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Garner hat aber ein schönes Bild dafür gefunden, wie die Mitmach-Enzyklopädie profitieren könnte: “Jeder bringt seine Wissenskrümel an den Tisch. Wenn er nicht am Tisch sitzt, profitieren wir nicht von seinen Krümeln.”

{jumi [*5]}

 

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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