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Nach der Digitalen Stadt nun auch Deja News (telepolis, 15.2.2001)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Nach der Digitalen Stadt nun auch Deja News

Google hat das beinahe bankrotte Usenet-Archiv gekauft. Viele Nutzer sind erstaunt: Müssen Unternehmen tatsächlich Gewinne machen?

telepolis, 15.2.2001

Immer wenn Architekten Einkaufs- und Büropaläste in Städte wie Berlin setzten, fällt das Wort Forum. Foren sollen geschaffen werden, damit Architektur nicht unter den Generalverdacht Vereinzelung durch Vermassung fällt. Die versprochenen Foren sind dann meist Räume mit Cafes und Läden, deren Besitzer Sicherheitsdienste gut bezahlen, um das Forum für potentielle Kunden offen und andere geschlossen zu halten. Soviel zu öffentlichen Räumen. Als Forum wird auch gern das Internet verkauft. Nach der Krise der Digitalen Stadt Amsterdam zeigt nun der Verkauf des Usenet-Archivs Deja, wie weit es damit her ist.

Deja, das bis Mai 1999 Deja News hieß, gehört nun der Suchmaschine Google. Vor wenigen Tagen kaufte Google Inc. Deja.com samt Archiv mit 500 Millionen Usenet-Nachrichten der vergangenen fünf Jahre, Software und Domains (Google kauft Usenet-Archiv von Deja.com. Deja.com hatte trotz Neustrukturierung immer noch immense Verluste eingefahren. Gegen den Kauf regt sich Protest. Was das verkauft wurde – 500 Millionen Meinungsäußerungen von Privatleuten – sei nicht zu verkaufen. Das denken Deja-Nutzer wie Ronda Hauben: "Das Archiv ist öffentliches Eigentum und sollte nicht von einer Firma an eine andere verkauft werden können."

Richard I. Wiley hat eine Petition an Deja.com initiiert, die bisher über 3000 Menschen unterzeichnet haben. Allerdings geht der Protest am Kern der Sache vorbei. Man kann privatwirtschaftlich organisierten Unternehmungen nicht vorwerfen, dass sie Gewinn machen wollen. Deja.com wurde 1995 von Steve Madere gegründet. Er wollte Menschen einen Zugang zum Usenet ermöglichen, die nicht willens oder in Lage waren, die nötige Software herunterzuladen und zu konfigurieren. Ein sinnvolles Vorhaben, da ein elitärer Zugang nicht der Idee des Forums und öffentlichen Raums entspricht. Deja ermöglichte nicht nur das Schreiben in und Lesen von Usenet-Gruppen, sondern auch die Suche im Archiv. Ab 1995 ist jede Nachricht in jeder Gruppe des Usenet archiviert und abrufbar.

Ein enormer Wissenspool, den auch Computertechniker und Universitäten gern anzapften. Das Usenet war der Ort, an dem sonst unbemerkte Experten aufleben. Deja war privatwirtschaftlich organisiert, sollte aber eine öffentliche Aufgabe erfüllen. Ganz ähnlich ging es der Digitalen Stadt Amsterdam, die nun vor dem wirtschaftlichen Ende steht. Auch bei Deja deckten die Werbeeinnahmen nie die Kosten. Als Risikokapital noch reichlich floss, war das kein Problem. Ende Mai 1999 änderte sich allerdings die Ausrichtung des Unternehmens. "Discuss, decide, purchase" hieß das neue Leitmotiv auf der Eingangsseite. Deja sollte eine Online-Gemeinschaft werden, die neben dem Usenet-Archiv Produktbewertungen von Privatleuten und natürlich die auch die bewerteten Produkte lieferte. Der neue Geschäftsführer Tom Phillips wollte eine größere Zielgruppe: Alle Internet-Nutzer, nicht nur Usenet-Fans. Auf einmal fanden sich überall auf den Seiten neben Werbebannern Bewertungsboxen. Leser, die in der Usenet-Gruppe alt.politics.homosexuality diskutierten wurde etwa aufgefordert, die Late-Night-Show "Politically Inocorrect" zu bewerten. Deja sprach von vier Millionen Nutzern täglich und einem Börsengang.

Das Konzept, edle Ziele mit privatwirtschaftlichen Gewinnen zu subventionieren ging auch bei Deja nicht auf. Warum sollte es auch? Unternehmen sind in erster Linie dazu da, Gewinn zu erwirtschaften. Wer einen Service wie Deja kostenlos nutzen will, muss entweder den Kapitalismus stürzen oder die Organisationsform einer Stiftung oder staatlichen Institution wählen. Oder zahlen. Der neue Eigentümer des Deja-Archivs Google finanziert sich durch Lizenzierung seiner revolutionären Suchtechnologie, welche die Relevanz von Dokumenten nach Anzahl der zu ihnen verweisenden Links einstuft. Google hat nach eigenen Angaben 120 zahlende Kunden in 30 Staaten und 70 Millionen Suchanfragen täglich. Aufgrund dieses Geschäftsmodells findet sich auf Googles Seiten keine Werbung.

Mit dem Kauf des Deja-Archivs will man die Qualität der Suchergebnisse steigern. "Usenet ist eine der aktivsten und wertvollsten Informationsquellen im Netz", sagt Google- Geschäftsführer Larry Page. Momentan sind über die Betaversion der neuen Usenet-Suchmaschine nur Nachrichten ab August 2000 zu durchsuchen. Die übrigen Usenet-Inhalte werden momentan restauriert und sollen schnellstens online sein.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Google ist ein Privatunternehmen. Larry Page hatte bereits erklärt, warum das Deja-Interface verschwand: "Aus meiner Sicht und Verantwortung gegenüber meinen Aktionären heraus waren die Kosten zu groß, das alte Interface am Leben zu halten. Es gibt einen Grund, warum Google noch existiert." 

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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