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Netz-Marketing: Ikea-Hacker basteln bunter (Spiegel Online, 9.8.2007)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
7 minuten gelesen

Netz-Marketing

Ikea-Hacker basteln bunter

Vorhänge zu Kleidern, Handtuchhalter zu Laptop-Ständern: Bastler bauen Ikea-Produkte zu den verrücktesten Zwecken um – und stellen ihre absonderlich-praktischen Werke im Internet aus. Andere Firmen fänden solche Netzkampagnen super. Nur die Schweden tun sich schwer.

Spiegel Online, 9.8.2007

Not kennt jeder. Vielleicht nicht unter diesem Namen, aber sicher dem Aussehen nach: Not ist der günstige Ikea-Deckenfluter, auf dessen meist irgendwie schiefe Stahlständer ein weißer Plastikschirm zuverlässig Staub einfängt. Not steht millionenfach auf der ganzen Welt – immer schief, immer weiß, sehr uniform. Eine Aufforderung für Bastler wie Aaron Rutledge. Der 30-jährige Webdesigner aus New York verschönert jeden Tag Benutzeroberflächen, Java-Programme oder seine Heimcomputer. Und irgendwann war Not dran, die Büroleuchte: Mit einem Stapel bunter Klebezettel machte Rutledge in ein paar Minuten aus der uniformen Funzel ein schickes Einzelstück. Wenig später standen die Fotos im Netz.


Solche Ikea-Hacks dokumentiert die Bloggerin Mei-Mei Yap aus Malaysia seit mehr als einem Jahr auf ihrer Website für Ikea-Hacker – 353 Beiträge hat sie schon dokumentiert. Da sind Kleider aus Tanja-Duschvorhängen und Computer-Gehäuse aus Hol-Couchtischen zu sehen – Handarbeit und Heimwerken sind in, gerade bei den Menschen, die den ganzen Tag über ihre Kreativität an Computern austoben. Diese Entwicklung hat neue Web-Gemeinschaften für Handgemachtes wie Dawanda und Etsy hervorgebracht.

Bastler-Beiträge aus Schweden und Japan

Ikea beschert dieser Netz-Trend eine Web-2.0-Kampagne, von der andere Unternehmen träumen, die andere Unternehmen mit viel Geld zu erzwingen versuchen. Ikea bekommt eine Netz-Gemeinschaft frei Haus: Die Bastler-Beiträge erreichen Blogger Mei-Mei Yap inzwischen von Ikea-Hackern aus aller Welt, wie sie SPIEGEL ONLINE erzählt – aus Schweden, Deutschland, Japan, den USA. Und all diese jungen Leute haben Ikea-Möbel, verbessern sie unter enormem Aufwand und dokumentieren all das im Web – ein Mitmach-Netz mit analogem Gegenstück.

Die Idee der Ikea-Hacker funktioniert als Werbeträger so gut, dass man hinter all dem erst eine von Ikea bezahlte Kampagne vermutet. Schließlich sind schon einige solcher Versuche anderer Firmen bekannt geworden: Im April schickte eine Agentur fünf erfundene Charaktere durchs deutsche Web 2.0, um mit fiktiven Fotos, Videos und Blogs für ein neues Parfüm zu werben. Im vorigen Jahr sponserte in den Vereinigten Staaten der Wal-Mart-Konzern Blogger, die übers Campen auf Wal-Mart-Parkplätzen schrieben. Als dieser Hintergrund von "Walmarting across America" bekannt wurde, beendeten die Autoren ihr Blog nach einem Sturm der Empörung.

Ikea wird nicht warm mit den Bloggern

Ikea hingegen weiß nicht so recht, was man mit den Bastler-Blogs anfangen soll. Ikea-Sprecher Kai Hartmann erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Wir haben nichts gegen Fan-Seiten. Die Leute können sich über Ikea-Namen und Produkte öffentlich lustig machen, sie können sie umbauen und fotografieren – damit können wir leben." Vorsichtige Toleranz also.

Eine deutsche Variante des Ikea-Hacker-Blogs hat der Möbel-Konzern schon verwarnt. Das Blog des Idsteiner Werbers Thomas Meyer ermahnte die deutsche Niederlassung, weil seine Seite wegen der Gestaltung, des Domainnamens Ikeahacker.de und einiger Pressebilder "kaum von der echten Ikea-Seite zu unterscheiden war", wie Ikea-Sprecher Hartmann erläutert.

Mitarbeiter des Bausatz-Konzerns hatten Meyer per Telefon und Mail auf die Bedenken hingewiesen – ohne Abmahnung, ohne Anwaltsschreiben. Dafür lobt der Blogger den Konzern. Meyer hat die Seite inzwischen dennoch vom Netz genommen – er wollte keine neue Domain suchen, die Menge brauchbarer Beiträge aus Deutschland war ihm auch nicht hoch genug.

Ignoranz als Web-2.0-Strategie

Und Ikea wird nicht so richtig warm mit den Bastlern, die sich nicht an die Aufbauanleitungen halten. Der Grund laut Sprecher Hartmann: "Wenn man sich anschaut, wie da die Produkte umgebaut werden, dass sie zum Teil erheblich die Sicherheit gefährden – da dürfen wir als Ikea nicht das Risiko einer Verwechslung eingehen." Ikea passt also auf, dass die Seiten der Möbelhacker denen Ikeas nicht zu ähnlich sehen und lässt die Blogger ansonsten machen. Mei-Mei Yap berichtet SPIEGEL ONLNE: "Ikea hat mich nie angesprochen. Manche von deren PR-Agenturen schicken mir aber ab und zu eine Pressemitteilung."

Bei manchen Marken funktioniert Ignoranz eben als Web-2.0-Strategie. Apple profitiert enorm von Gerüchte-Portalen im Netz – ohne dass der Computer-Konzern etwas dafür tut. Ikea bekommt offenbar gar nicht mit, dass der Konzern etwas Ähnliches erlebt: Die Kunden transportieren und schrauben jetzt nicht nur ihre Möbel zusammen – sie machen auch noch nebenher die beste Ikea-Werbung selbst.

Hier die schönsten und schrägsten Ikea-Hacks:

Kleider aus Duschvorhängen, Röcke aus Kissen

Melissa Fehr suchte ein spektakuläres, aber praktisches Kleid fürs Glastonbury-Festival. Praktisch bedeutet bei dem britischen Musik-Ereignis wetterfest – denn Glastonbury ist für seine Musik ebenso bekannt wie für den Regen.

Den perfekten Rohstoff fand Fehr in London, bei Ikea: Tanja, ein grün-weiß gemusterter Duschvorhang lag auf dem Wühltisch bei Ikea – fünf Pfund für schicken, wasserresistenten Stoff. Das passte perfekt zu einem Sechziger-Jahre-Schnitt, den sie in einem Burda-Heft gesehen hatte.

Fehr kaufte Tanja und schneiderte sich ein Kleid: "Ich habe es ihm Schlamm in Glastonbury getragen, ich trage es heute immer noch vielleicht einmal die Woche hier in London", erzählt sie. Die Amerikanerin lebt seit fast fünf Jahren in London, arbeitet bei einem Musik-Magazin, hat vor vier Jahren das Schneidern gelernt. Voriges Jahr ist sie zum ersten Mal bei Ikea fündig geworden: Damals tat es ihr ein rot-gemusterter Kissenbezug an – aus dem ist ein Rock geworden.

Kleider aus Duschvorhängen, Röcke aus Kissen 

Vor ein paar Jahren sah Toon Beerten, ein 24-jähriger Ingenieur aus dem belgischen Leuven, in einem Laden eine teure, schicke, schlichte Lampe, die ihre Farbe in beliebig einstellbaren Abständen ändert. Er erzählt: "Ich dachte mir, dass ich das für weniger Geld selbst machen kann. Also machte ich mich schlau, wie man Mikrocontroller programmiert."

Als Ausgangsmaterial diente dem Ingenieur eine schlichte, weiße Mylonit-Tischlampe von Ikea. Dazu kaufte er zwölf sehr helle, farbige RGB-Leuchtdioden, kurz LEDs. Er schrieb ein Steuerprogramm in einer Maschinensprache. Das steuert auf einem Mikrocontroller die Leuchtdauer und die Farbmischung der LEDs. Ergebnis: "Meine liebenswerte Mylonit ändert ihre Farbe schneller als ein Chamäleon."

Sein nächstes Vorhaben: Zwei Steuerknöpfe für die Chamäleon-Mylonit, einer für die Helligkeit, einer für die Farbwahl. Beerten: "Ich suche nur noch eine passende Fassung dafür."

Katzentreppen und Balkonböden aus Regalen

In Regan Averys Lack-Regal stehen keine Bücher. Denn der Betreiber eines T-Shirt-Mailorder-Geschäfts aus der Nähe von Washington hat Lack zur Katzentreppe umgebaut: So kommt das Tier in Averys bis fast zur Decke, über den Kleiderschrank, wo sie den halben Tag verschläft.

Mit den Böden eines anderen Ikea-Regals hat Mattias Hallberg, ein 25-jähriger Web-Designer aus Stockholm, seinen Balkon gedeckt: "Als ich gesehen habe, wie viel so ein Boden kostet, habe ich mich zuhause umgesehen, was man sonst dafür benutzen könnte." In einer Ecke standen noch ein paar ungenutzte Regalböden – ein paar Tage später war Hallbergs Balkon mit Ikea-Regalbrettern gedeckt. Hallberg: "Das hält immer noch."

Computer-Gehäuse aus Couch-Tischen

In Ikeas löchrigem Couch-Tisch Hol soll man den Krimskrams aufheben, der sonst das Wohnzimmer zumüllt. Warum nicht einen Wohnzimmer-Computer? Die Hamburger Ingenieurin Barbara Griem wollte schon lange den Videorekorder (und die VHS-Kassetten!), die Stereoanlage und die Fotoalben durch einen Festplatten-Rekorder mit Bildschirm-Steuerung ersetzen.

In einem Hol könnte das alles sogar ganz schick aussehen. Griem hat den Versuch gemacht – und er ist geglückt: Festplatte, Grafik- und Soundkarten, DVD-Laufwerk und ein TFT-Monitor unter einer Glasplatte verschwanden in Hol. Der PC läuft unter der speziellen Linux-Software "MythTV" – ein freies und kostenloses Gegenstück zu den diversen Steuerprogrammen für sogenannte "Media Center". Griems "MythPC" im Hol-Behälter füttert den Fernseher und die Boxen – die Familie hört mit dem Holzkasten Musik, nimmt Filme auf und spielt sie ab. Griems Bedenken wegen der Lüftung und Kühlung der Maschine haben sich bislang nicht bestätigt: "Das Gerät tut täglich brav seinen Dienst", versichert Griem SPIEGEL ONLINE.

Etwas Ähnliches hat der Hattinger IT-Systemkaufmann Daniel Tangermann gebastelt: Er hat einen PC in ein Hol-Gehäuse eingebaut. Der 30-Jährige ist begeistert von seinem HolPC: "Alle nötigen Kabel für Router, Strom, USB Ports, Monitore gehen geordnet rein und auch wieder raus." Außerdem ist der HolPC sehr leicht zugänglich, erzählt Tangermann SPIEGEL ONLINE: "Ich kann schnell mal eine Festplatte austauschen oder weitere PC-Steckplätze nutzen." Sein nächstes Ikea-Projekt: "Eventuell werde ich demnächst dem PC meiner Freundin auch noch ein adäquates Holgehäuse gönnen."

Ein Handtuch-Halter als Laptopständer

Marcelo Lacera ist ein Ikea-Fan. Der 38-jährige Illustrator aus Los Angeles erinnert sich an seinen ersten Ikea-Einkauf – samt Produkt-Namen: "Mein erstes Ikea-Stück war wohl die Pugg-Wanduhr, die immer noch bei mir hängt." Und er weiß auch noch, wo er sie gekauft hat: "Beim Ikea in Burbank, als ich vor zwölf Jahren hier nach Kalifornien gezogen bin."

Lacera hat schon vor Jahren Ikea-Tische – "Ingo"!, erinnert er sich – zersägt, um sie in seine Einrichtung einzufügen. Sein jüngster Hack: ein schicker Laptop-Halter aus etwas Plexiglas und Ikeas Küchenrollen-Abwickler Grundtal. Ein paar Schrauben, ein Metallbohrer und etwas Geschick – jetzt steht Laceras Laptop ergonomisch erhöht, für einen Bruchteil des Preises, den solch ein Laptopständer in Läden mit Computerzubehör kostet.

Lacera arbeitet täglich an seinem so erhöhten Notebook – der zweckentfremdete Handtuch-Abroller trägt das Gewicht ohne Schwächezeichen. Also kauft Lacera weiter bei Ikea ein. Und er erinnert sich an seinen letzten Ikea-Kauf so gut wie an den ersten: Einen Fibbe-Mülleimer hat er zuletzt aus Burbank mitgebracht. Im April war das, erinnert Marcelo Lacera sich. Er ist eben ein Fan.

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Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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