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Neues Netzwerk Plus: Google macht sein eigenes Facebook (Spiegel Online, 28.6.2011)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Neues Netzwerk Plus

Google macht sein eigenes Facebook

Der Online-Riese schlägt zurück: Mit einem eigenen sozialen Netzwerk will Google dem Emporkömmling Facebook Online-Anteile abspenstig machen. Freundeslisten, Gruppen, Nachrichtenstrom – Googles Netzwerk bietet alles, was Facebook hat. Es sieht aber eleganter aus.

Spiegel Online, 28.6.2011

{jumi [*3]}

Google hat ein Problem: Jener Teil des Webs, für den das Unternehmen seine Suchmaschine so erfolgreich als Navigator und eigentliche Schnittstelle etabliert hat, bindet immer weniger Aufmerksamkeit. Sehr anschaulich hat das der Unternehmer Ben Elowitz Ende Juni in einer Grafik dargestellt. Er erfasste die Minuten, die US-Bürger laut den Marktforschern von Comscore online verbringen, in einem Balkendiagramm. Ein blauer Balken steht für die bei Facebook , ein roter für die auf allen anderen Websites verbrachte Online-Zeit. Blau schießt nach oben, rot sinkt leicht.

In absoluten Zahlen ausgedrückt, surfen die US-Bürger natürlich immer noch weit mehr im Web außerhalb von Facebook – im März 2011 kamen in den USA auf jede Facebook-Minute acht Web-Minuten. Dennoch ist diese Entwicklung für Google gefährlich: Jede Minute, die Menschen bei Facebook verbringen, bedeutet für Google einen Verlust potentieller Anzeigengeschäfte. Nun schlägt Google zurück: Mit dem Dienst Google Plus (Google + in der Marketing-Schreibweise) startet der Konzern seinen bisher größten Versuch, Facebook ein soziales Netzwerk entgegenzusetzen. Bislang sind viele Ansätze Googles auf diesem Feld gescheitert. Google Plus wirkt auf den ersten Blick erheblich durchdachter und weitgehender als die bisherigen Projekte. Und das Design wirkt elegant, auf den ersten Blick erheblich schöner als Facebooks Oberfläche.

Das Netzwerk startet in einem Feldversuch mit sehr eingeschränktem Nutzerkreis. Google stellt den Dienst der Öffentlichkeit aber in einer umfangreichen Online-Präsentation vor. Er besteht demnach aus folgenden wesentlichen Komponenten:

Circles – die Freundeslisten

Um Google Plus zu nutzen, muss man ein Google-Konto besitzen. Die ersten Kontakte für das persönliche Beziehungsgeflecht bei Google Plus empfiehlt der Dienst auf Basis des Adressbuchs von Google Mail und anderer im Google-Kontaktmanager gespeicherter Datensätze. Ein direkter Import von Facebook-Kontakten ist nicht möglich – da muss man Umwege nutzen.

Die Kontakte teilt man in sogenannte Circles ein – das ist Googles Begriff für die von Facebook bekannten Freundeslisten. Familie, Arbeitskollegen, Dackelzüchter, Oldtimer-Fans – man kann seine Bekannten und Verwandten kategorisieren, wie immer man will. Und wie auch bei Facebook kann ein Nutzer bei Google Plus auf Basis dieser Schubladen entscheiden, welche Informationen er mit wem teilt.

Das ist clever – allerdings ist das ganze Konzept nur eine kleine Variation der Facebook-Gruppen und -Listen. Aber es geht ja nicht um Originalität, sondern darum, gute Ideen etwas benutzerfreundlicher zu gestalten.

Toolbar – bitte teilen

Eine schwarze Leiste am oberen Rand des Bildschirms soll irgendwann auf allen von Google angebotenen Websites als Navigationsleiste fürs Web dienen: Die Leiste informiert einerseits darüber, was gerade im sozialen Umfeld im Google-Netzwerk passiert. Andererseits dient sie dem Nutzer dazu, all die YouTube-Videos, Fotos, Nachrichten mit seinem Umfeld zu teilen.

Ähnlich wie Facebook würde Google sich gerne die Web-Nutzung einverleiben: Was immer man im freien Netz empfiehlt, kommentiert, oder als interessant markiert, soll über Googles Infrastruktur laufen. Hier dürfte auch Googles vor kurzem vorgestellter +1-Knopf ins Spiel kommen – irgendwann einmal. Derzeit hat der +1-Schalter absurderweise keine großen Schnittstellen mit dem Google-Netz.

Der ist das Gegenstück zu Facebooks Like-Button, jenen Knopf, der zuerst die Seiten des Facebook-Netzwerks und dann viele andere Websites um eine genial einfache Interaktion bereicherte: Mit einem Klick auf die Aussage “Gefällt mir” kann ein Facebook-Nutzer alles Mögliche loben – Fotos, Texte, Kommentare anderer, Verweise auf Websites – und damit unter Netzfreunden weiterverbreiten. So ähnlich funktioniert auch Googles +1-Knopf . Und den streut Google nun auch über das gesamte Web und animiert Seitenbetreiber dazu, ihn in ihrem Angebot einzubinden.

Neben dem Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer dürfte das neue Netzwerk auch Googles Blick auf das Netz erweitern. Bisher weiß Google vor allem, was im Web steht, wie es miteinander zusammenhängt und was davon Menschen aufrufen, die nach bestimmten Stichworten suchen. Facebook hingegen weiß, was Menschen bewusst anderen empfehlen. Zugespitzt formuliert: Facebook weiß, wie Menschen im Web gerne wirken, Google weiß, was sie wirklich tun. Nun versucht Google beide Sichtweisen zu kombinieren.

Sparks – suchen und teilen

Der Sparks genannte Teil des Angebots von Google Plus ist ein integrierter Lieferdienst von Neuigkeiten zu bestimmten Themen: Man tippt wie bei Googles Suchmaschine Begriffe in ein Suchfeld, durchforstet die Treffer und markiert dann ausgewählte Ergebnisse als interessant. Vielleicht soll dieser Dienst ähnlich wie die Seiten von Unternehmen, Bands und Medien bei Facebook stetig neuen Rohstoff für mögliche Interaktionen ins Netzwerk bringen.

Man kann die eintrudelnden Ergebnisse mit mehreren Kontakten aus dem Google-Netz teilen.

Huddle & Hangouts – Googles Gruppenchats

Sehr interessant sieht ein Angebot namens Hangout aus – im Prinzip ist das ein browserbasierter Videochat, bei dem aber bis zu zehn Plus-Mitglieder gleichzeitig in einem Chatraum miteinander plaudern können. Wie gut das in der Praxis funktioniert, muss sich noch zeigen. Die Idee ist jedenfalls charmant, auch wenn Dienste wie Skype so etwas schon lange anbieten. Einen videolosen Gruppenchat bietet unterwegs der Dienst Huddle, eine Plattform, über die man E-Mail, Kurznachrichten und Chats mit Kontakt-Gruppen (den Circles) schreiben kann. Nun ja – kann man machen, bestimmt sehr praktisch. Facebook hatte im November einen Universal-Kommunikationsdienst vorgestellt, der nicht einfach ein weiterer E-Mail-Service ist, sondern alle Informationskanäle verschmelzen soll – elektronische Post, SMS, Instant Messaging. Eine Revolution ist daraus bislang noch nicht geworden.

Stream & App – das Übliche

Natürlich gibt es für Android-Geräte und iPhones Google-Plus-Apps. Und natürlich will Google die Netzwerker an den Plus-Dienst binden. Deshalb gibt es online wie auch in den Mobilanwendungen eine zentrale Übersicht all der großartigen Dinge, die gerade im eigenen sozialen Umfeld passieren.

Bei Google heißt dieser Ort Stream, Facebook hat das Konzept eingeführt. Die Idee ist dieselbe: Diese Site soll ein zentraler Anlaufpunkt im Web sein, der Aufmerksamkeitsverteiler, das Lagerfeuer, die erste Seite, die man morgens aufruft. Damit macht Google der eigenen Suchmaschine natürlich Konkurrenz – bislang war die Eingabemaske für die Suchanfragen der Ausgangspunkt vieler Webnutzer. Aber die Nutzungsweisen ändern sich, die roten Balken schrumpfen leicht und die blauen wachsen stetig.

Bemerkenswert an Google Plus ist nicht so sehr, was da umgesetzt wurde, sondern von wem. Google hat augenscheinlich eine Menge Zeit, Kreativität und Geld in dieses Projekt gesteckt, das mit Googles erfolgreichstem und lukrativstem Produkt – der Suchmaschine samt Anzeigensystem – um die Aufmerksamkeit der Online-Nutzer konkurriert. Ob Google Plus Facebook Online-Marktanteile abringen kann? Im Moment drängt sich ein Wechsel von Facebook zum eleganten Google-Gegenstück nicht auf – radikal anders ist hier nichts, nur etwas eleganter.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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