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Porno-Filter: Britische Regierung plant zentrale Internet-Sperrliste (Spiegel Online, 20.12.2010)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Porno-Filter

Britische Regierung plant zentrale Internet-Sperrliste

Britische Konservative wollen Internet-Provider zentral zur Sperrung von Seiten verpflichten, die Kinder nicht sehen sollen. Der Kommunikationsminister droht mit Gesetzen, Branchenriesen kuschen – und niemand stellt die Frage: Auf wie viel Freiheit soll man für größtmöglichen Kinderschutz verzichten?

Spiegel Online, 20.12.2010

{jumi [*3]}

Schützt unsere Kinder! Wenn Politiker und Lobbyisten eine Idee mit diesem Appell verknüpfen, fällt Widerspruch meistens ganz oder zumindest sehr leise aus. Zum Beispiel beim Vorschlag des britischen Kulturministers Ed Vaizey, alle Internet-Provider zum Blockieren von Pornografie zu verpflichten.

{jumi [*4]}

Die britische Opposition hält sich bislang bedeckt. Die großen britischen Internet-Provider TalkTalk und BT haben schon erklärt, man tue alles, um Kinder zu schützen, man filtere bei Mobilgeräten ohnehin schon mehr als bei stationären Internetzugängen, wo Eltern Kontrollprogramme installieren könnten.

Aber nun soll auch zu Hause mehr gefiltert werden. Der konservative Minister Vaizey droht der Industrie: “Ich hoffe, sie kriegen das hin, damit wir das nicht per Gesetz regeln müssen.” So zitiert die ” Sunday Times” Vaizey. Sein erklärtes Ziel: “Es ist wichtig, dass die Provider eine Lösung erarbeiten, um Kinder zu schützen.”

Die Formulierung ist unpräzise. Es geht bei dem Vorhaben eben nicht um eine Lösung für Kinder, sondern um eine Filterung des gesamten Internetverkehrs für alle Nutzer – Minderjährige und Erwachsene. Die vage Idee, über die Vaizey mit den Internet-Providern verhandeln will, sieht ungefähr so aus: Die Provider sollen auf Basis einer zentralen Sperrliste den Zugriff auf alle Web-Seiten blockieren, die angeblich Pornografie enthalten. Wenn jemand die gesperrten Seiten abrufen will, muss er diese Freischaltung bei seinem Internet-Provider beantragen.

Filtern, was Eltern ihre Kinder nicht sehen lassen wollen

Wie dieses Kinder-Internet aussehen soll, hat die Tory-Abgeordnete Claire Perry, eine der engagiertesten Befürworterinnen einer zentralen Sperrliste, der “Sunday Times” etwas konkreter beschrieben: “Wir wollen sichergehen, dass unsere Kinder nicht über Dinge stolpern, die wir sie nicht sehen lassen wollen.”

Diese Maßgabe offenbart das größte Problem eines solchen Sperrvorhabens: Wenn die Sperrliste Kinder jeden Alters vor Dingen fernhalten soll, die ungeeignet für sie sind – einmal vorausgesetzt, es gäbe darüber einen Konsens unter allen Eltern -, wird diese Liste sehr viele Internetangebote sperren müssen, die völlig legal sind. Angebote, die für Erwachsene und vielleicht auch für Teenager keine Bedrohung darstellen.

Ein Extrembeispiel dafür, welche Abgrenzungsprobleme bei so einem Vorhaben entstehen: In der iPhone-Ausgabe der “Bild”-Zeitung dürfen nach Jugendschutzmaßgabe von Apple auf Fotos von Frauen keine Brustwarzen zu sehen sein. Und obwohl der Verlag sich dem Dogma beugt, ist die “Bild”-Zeitung bei Apple erst ab 17 freigegeben.

Kritiker: “Es wird viele Fehleinschätzungen geben”

Ein anderes Beispiel ist das Forum B3ta des britischen Medienkünstlers Rob Manuel, in dem Menschen allerlei lustige und einige geschmacklose Fotowitze veröffentlichen – laut Manuel blockiert zum Beispiel der britische Mobilfunk-Anbieter Three die Seite als Pornoangebot. Manuel warnt deshalb vor einer zentralen Sperrliste: “Es wird Fehleinschätzungen geben. Viele Fehleinschätzungen.”

Die Sperr-Befürworter können natürlich argumentieren: Warum sollte man eine Seite wie B3ta nicht filtern? Da beschimpfen sich Menschen bisweilen, da kann man bei einem Fotoquiz entscheiden, ob auf dem gerade gezeigten Bild eine als Frau oder als Mann geborene Frau zu sehen ist – so etwas ist doch nichts für Kinder.

Eltern sollen Institutionen Verantwortung übertragen

Doch selbst wenn so etwas im Einzelfall berechtigt sein mag: Sollte man nach dieser Maßgabe den Zugang für alle Internet-Nutzer beschränken? Wäre es nicht sinnvoller, wenn Eltern ihre eigenen Antworten auf diese Fragen finden und den Internetzugang Zuhause entsprechend konfigurieren?

Die Sehnsucht, diese Verantwortung an eine Kontrollinstanz abzugeben, ist so verständlich wie gefährlich. Denn wenn man einmal beginnt, legale, aber anstößige oder womöglich schädliche Angebote generell zu sperren, ist die Grenze schwer zu ziehen: Sollte man nicht auch Berichte über Drogenkonsum blockieren? Foren, in denen über Raubkopien diskutiert wird, weil das Kinder und Jugendliche zum Gesetzesbruch anstiften könnte?

Sperr-Befürworter instrumentalisieren die Kinderporno-Filter

Die britischen Sperr-Befürworter machen es sich einfach, indem sie allein über technische Machbarkeit und Kinderschutz sprechen. Die Mitgründerin der britischen Stiftung “Safermedia” Miranda Suit zum Beispiel erklärt der “Times”, man wisse, dass so ein Filtersystem technisch problemlos umzusetzen sei. Die britischen Provider würden ja seit Jahren mit Erfolg den Zugriff auf Kinderpornografie-Angebote im Web blockieren.

Es stimmt, dass die britischen Provider seit Jahren auf Basis einer Sperrliste der von der Web-Branche in Selbstverwaltung begründeten Organisation “Internet Watch Foundation” (IWF) filtern. Abgesehen von wenigen Ausnahmefällen – die IWF sperrte eine Zeitlang einen Wikipedia-Artikel – sind krasse Fehlentscheidungen bislang nicht öffentlich bekannt geworden. Das bedeutet nicht, dass es solche nicht gegeben hat. Es sagt auch nichts darüber aus, wie erfolgreich die Sperrliste wirklich ist, wie viele Seiten nicht blockiert werden, ob Pädokriminelle das Material nicht auf anderen Kanälen verbreiten.

Aber unabhängig davon, wie gut oder schlecht die Kinderporno-Sperrliste der britischen Provider tatsächlich funktioniert, ist diese Argumentation völlig abwegig. Kinderpornografie ist illegal. Kinderpornografie zeigt Missbrauchsopfer, Pornografie bezahlte Darsteller. Die Definition, was als Kinderpornografie gilt, ist erheblich trennschärfer als die, was “Kinder besser nicht sehen sollten”.

Das Problem an dieser Maßgabe: Ein jugend- und kinderfreies Internet ist kein freier Ort. Absolute Sicherheit für Kinder kann es nur geben, wenn man die Freiheit volljähriger Internetnutzer beschränkt.

 

{jumi [*5]}

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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