Zum Inhalt springen

Puddingwelt im Bauwagen (taz, 20.5.2000)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Puddingwelt im Bauwagen

"Löwenzahn" wird 20, Peter Lustig ist sogar schon 63 – und hat noch immer keinen Fernseher. Das ZDF-Idyll schult den positiv-kritischen Kinderblick, ist aber oft nicht ganz von dieser Welt

taz, 20.5.2000

In zwanzig Jahren hat sich die Kindersendung "Löwenzahn" nicht verändert. Beim Jubiläum lebt Peter Lustig immer noch ohne Fernseher im Bauwagen. Draußen müssen schon Zehnjährige mit der medialen Wirklichkeit kämpfen. Wie passt das?

Die wichtigste Antwort zuerst: Peter Lustig ist immerhin schon 63 Jahre alt. Die weniger wichtige: Er lebt keineswegs im Bauwagen, sondern in Berlin und auf einer Finca auf Mallorca.

Ansonsten hat er sich seine blaue Latzhose aber redlich verdient. Der gelernte Fernsehmechaniker arbeitete auch schon als Dreher, Elektroingenieur, Schlagzeuger und Filmtonmeister. Die vergangenen zwei Jahrzehnte aber war er in Löwenzahn der Bastler, Eigenbrötler, nette Onkel und Latzhosenträger vom Dienst. In 159 Folgen kämpfte er gegen Nachbarn Paschulke um die Krönung zum Kartoffelkönig oder erzählte seiner Tante, warum ein Hund vier Beine haben muss.

Mich interessierts. Kinder auch. An manchen Sonntagnachmittagen hat Löwenzahn einen Marktanteil von bis zu 40 Prozent bei den 3- bis 13-Jährigen. Das erstaunt erst mal. Bei Löwenzahn gibt es keine kurzen Clips mit kurzen Spannungsbögen wie bei "Sesamstraße" oder "Sailormoon". Ein halbe Stunde lang fließt die Sendung dahin. Peter entdeckt eine Kartoffelblüte auf seinem Komposthaufen, fragt auf dem Markt, wie er mehr solcher schöner Blumen züchten kann, erfährt vom Kartoffelkönigwettbewerb. Und so weiter. Zwischendurch schaut er ins Kartoffelbuch oder zeigt bunte Bilder von südamerikanischen Indios und dem spanischem Adel beim Kartoffelessen.

Die Erkenntnis wird nicht durch Spannung vorangetrieben, sie fließt auf einem durchweg positiven Grundgefühl dahin. Das erinnert etwas an das konservative Sediment, das schon 1968 und bei der Gründung der Grünen hervorkam. Peters Bauwagen ist eben nicht in einer konkreten Zeit zu verorten.

Auf jeden Fall hat er keinen Fernseher. Und das in einer Zeit, wo die medialen Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern verschwimmen. Die bei 10- bis 14-Jährigen beliebteste Fernsehsendung ist "Wetten, dass . . . ?". In Ostdeutschland hat jedes zweite Kind zwischen 6 und 13 Jahren einen eigenen Fernseher, im Westen immerhin jedes vierte. Wie sehr Kinder in einer Medienumwelt groß werden, zeigen die "Teletubbies". Auf ihrem Bauch haben sie einen Monitor, wenn da ein Film läuft, schauen die anderen drei gebannt zu. Teletubbies-Erfinderin Anne Wood hat das mal so erklärt: "Die Welt ist voller Computer, elektronischer Werbetafeln, Fernseher. Kinder müssen lernen mit Bildschirmen umzugehen."

Wie sehr Medien die Kinder-Realität beeinflussen, zeigt auch darin, dass die Hälfte aller Spielzeugverkäufe Merchandisingkram für Fernsehproduktionen sind. Irgendwie müssen Kinder damit fertig werden.

Bei Löwenzahn kommt diese Wirklichkeit aber nicht vor. Nach einer halben Stunde sagt Peter dann: "Was, ihr seid immer noch da? Jetzt aber abschalten." Sendung mit der Maus-Erfinder Gert Müntefering beobachtete vor einem knappen Jahr: "Die Maus hat über die Jahre ein Bilderbuch unserer Zeitgeschichte entwickelt. Überhöht gesagt: Sie liefert eine Gebrauchsästhetik der Gegenwart. In ihren frühen Filmen dokumentiert die Maus ein industrielles Zeitalter, das es heute gar nicht mehr gibt."

Peters Löwenzahn-Idylle ist eher ein Ort, von dem Kinder träumen können. Der Konservativismus der Sendung wird deutlich in Sätzen wie dem: "Früher gab es genug zu fressen für jede Raupe, doch dann kamen der Mensch und der Rasenmäher." Solche Sätze lassen wenig Deutungsraum.

In der Sesamstraße kann man bei Ernie und Bert eine funktionierende Homobeziehung sehen – wenn man will. Und Tinky Winky aus den Teletubbies mit seiner roten Lackhandtasche ist der Prototyp des weiblichen Jungen.

Solche Spielräume fehlen bei Löwenzahn. Seine Stärke ist es, Kinder in bestimmten Bereichen kritikfähig zu machen. Sieht man Peter Lustig mit Nachbarn Gründlich streiten, was denn nun Unkraut ist ("Das ist Ungras, das ist Gras, das hier nicht hingehört!"), wird die Absurdität der Definition von Ordentlichkeit und Anstand sichtbar. Der liebe Onkel Peter fordert die Zuschauer dann auch noch auf, Unkraut an die Straße zu pflanzen.

Auch wenn Löwenzahn die Vieldeutigkeit und der Dadaismus eines Ernie, der sich einfach so eine Banane in den Kopf steckt ("Ich dachte mir, hey, jetzt stecke ich mir eine Banane ins Ohr") fehlen – er fördert doch kritisches, unzeitgemäßes Denken.

Einmal beschrieb Peter Lustig die Erde als heiße Pellkartoffel. Ein kleiner Lukas schrieb zurück: "Ich finde einen anderen Vergleich besser. Ich würde die Erde mit einem gekochten und abgekühlten Pudding vergleichen, weil dort wie bei der Erdentstehung Risse und Hügel beim Abkühlen entstehen."

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
Immer gut: Newsletter abonnieren


auch interessant

Wer investiert in die Zukunft, wenn alle sparen?

Der common senf aktueller Debatten um Staatsausgaben, Tarifverhandlungen und Zinspolitik scheint mir gerade ein gefährlicher: Alle sollen sparen. Der Staat soll weniger ausgeben und damit der Gesamtwirtschaft Geld entziehen. Arbeitnehmer sollen Reallohnverluste akzeptieren, sparen und damit der Gesamtwirtschaft Geld entziehen. Und Unternehmen sollen sparen, bloß keine Kredite aufnehmen für Investitionen

Wer investiert in die Zukunft, wenn alle sparen?

Paradox der Gegenwart

Einerseits sehen so viele Menschen ihre individuellen (Konsum)Bedürfnisse als das wichtigste Gut, als absolut schützenswert. Überspitzte Maxime: Was ich will, ist heilig – alles geht vom Individuum aus. Andererseits erscheint genauso viele Menschen das Individuum ganz klein, wenn es darum geht, etwas zu verändern in der Welt. Überspitzte Maxime: Ich

Paradox der Gegenwart

Wie Schmecken funktioniert

Gelernt: Geschmack und Aroma sind zwei ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Für jede ist ein anderer Teil im Gehirn verantwortlich. Und jede basiert auf unterschiedlichen Daten: Für den Geschmack kommen Eindrücke von der Zunge, fürs Aroma von Rezeptoren in der Nase. Beides vermischt das Gehirn zum Gesamteindruck Schmecken. Sehr lesenswerter Aufsatz darüber

Wie Schmecken funktioniert