Zum Inhalt springen

Russisches Web-Projekt: Kunst mit Kater (Spiegel Online, 27.2.2012)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
2 minuten gelesen

Russisches Web-Projekt

Kunst mit Kater

Ein dicker roter Kater ist der neue Star im russischen Web: Die Petersburger Künstlerin Swetlana Petrowa montiert ihren Kater Zarathustra mühevoll in Gemälde von Rembrandt, Velázquez und Tizian.

Spiegel Online, 27.2.2012

{jumi [*3]

Eine rundliche Katze liegt auf einem Bett, von links fällt helles Licht auf sie, lässt ihr rotes Fell und die grünen Augen strahlen: Den Hintergrund dieses Katzenporträts kennt man, es ist Rembrandts berühmtes “Danaë”-Gemälde. In dem Werk des holländischen Meisters von 1636 liegt die griechische Sagengestalt auf dem Bett, in der Neuinterpretation mit Tier hat die russische Künstlerin Swetlana Petrowa “Danaë” durch ihren Kater Zarathustra ersetzt.

Petrowa ist in ihrer Heimatstadt Sankt Petersburg als Gründerin zweier Festivals bekannt, Graffest für Street Art und Multivision für Animationskunst. Seit einigen Monaten veröffentlicht sie nun in ihrem Blog Fatcatart.ru ihre Remixe berühmter Gemälde, die sie mit Photoshop um Kater Zarathustra ergänzt hat. “Meine Freunde im Kunstgeschäft erklärten mich für verrückt”, erzählt sie von den ersten Reaktionen.

Zarathustra wohnte jahrelang bei Petrowas Mutter. Als die Dame starb, kam der Kater zu Petrowa. Die Künstlerin erzählt: “Ich war traurig, eine Freundin schlug mir vor: Der Kater ist so lustig, warum machst du nicht Kunst mit ihm?” Sie dachte an ein Stillleben im Stil des niederländischen Barock mit opulenten Speisen – nur eben zusätzlich mit dicker Katze. Um eine Vorstellung zu bekommen, wie das aussehen könnte, montierte Petrowa ein Foto Zarathustras mit Photoshop in klassische Gemälde.

Das Ergebnis war so lustig, dass Petrowa ihren Kater in weiteren Kunstwerken unterbrachte: In Rembrandts “Danaë”, in Chagalls “Spaziergang”, in Rubens’ “Urteil des Paris”. Sie mailte die Fotos an einige befreundete Maler und Galeristen, die das lustig fanden. Petrowa: “Das hat mich motiviert, ich bringe Menschen gern zum Lachen.”

Liebevolle Bildbearbeitung für süße Katzenkunst

Für ihre Photoshop-Neuinterpretationen sucht Petrowa erst die Vorlagen aus. Dann fotografiert sie Zarathustra in möglichst passenden Posen: “Wir haben jeden Tag eine Fotosession, wenn er posieren möchte. Und er liebt das, er ist verrückt nach Aufmerksamkeit.” Besonders langwierig ist die Bildbearbeitung: “Die Digitalaufnahme der Katze muss dem visuellen Eindruck des Originalgemäldes entsprechen, aber die Katze darf nicht wie gemalt wirken, sie muss immer noch wie ein süßes Internet-Katzenbild aussehen.”

Zum Teil sind die Bildmontagen sehr aufwendig: Für die Neuinterpretation von Tizians “Venus mit Orgelspieler, Amor und Hund” hat Petrowa zum Beispiel den Körper Amors selbst malen müssen – im Original verdeckt ihn Venus’ Arm. In Petrowas Version von Velázquez’ “Venus vor dem Spiegel” passt Zarathustras Spiegelbild perfekt zur Haltung der posierenden Katze. Diese Arbeiten sind kleine Kunstwerke, mit den allgemein bekannten Internet-Katzenbildchen hat das wenig zu tun – von der Reaktion der Betrachter einmal abgesehen.

Bei den Aufnahmen und der Bildbearbeitung helfen Petrowa der Fotograf Ewgenij Sorokin, die Regisseurin Aljona Minina und der Designer Alexej Simonenko, bei den Übersetzungen der Katzensprüche ins Englische hilft Brian Enos Frau Anthea Eno.

Die englische Variante zahlt sich aus: Inzwischen kommen viele Besucher auf Fatcatart.ru aus den Vereinigten Staaten. Die Liebe zur Katze ist eben universell. Petrowa: “Menschen lieben Katzen von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Man kann über Sex nicht dasselbe behaupten. Katzen sind besser und beliebter als Pornografie.”

Der rundliche Zarathustra wird sein Markenzeichen so schnell nicht verlieren: Dass er abnimmt, ist nicht zu erwarten. Der sechsjährige Kater isst zu gern. Petrowa erzählt: “Meine Mutter liebte die Katze, sie hat ihn verwöhnt, deshalb ist er so fett. Natürlich kriegt er jetzt nur noch Diätfutter, aber ich kann nicht einschränken, wie viel er isst. Er beschwert sich dann, und ich bemitleide ihn, er hat seine Mutter verloren wie ich.”

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
Immer gut: Newsletter abonnieren


auch interessant

Wer investiert in die Zukunft, wenn alle sparen?

Der common senf aktueller Debatten um Staatsausgaben, Tarifverhandlungen und Zinspolitik scheint mir gerade ein gefährlicher: Alle sollen sparen. Der Staat soll weniger ausgeben und damit der Gesamtwirtschaft Geld entziehen. Arbeitnehmer sollen Reallohnverluste akzeptieren, sparen und damit der Gesamtwirtschaft Geld entziehen. Und Unternehmen sollen sparen, bloß keine Kredite aufnehmen für Investitionen

Wer investiert in die Zukunft, wenn alle sparen?

Paradox der Gegenwart

Einerseits sehen so viele Menschen ihre individuellen (Konsum)Bedürfnisse als das wichtigste Gut, als absolut schützenswert. Überspitzte Maxime: Was ich will, ist heilig – alles geht vom Individuum aus. Andererseits erscheint genauso viele Menschen das Individuum ganz klein, wenn es darum geht, etwas zu verändern in der Welt. Überspitzte Maxime: Ich

Paradox der Gegenwart

Wie Schmecken funktioniert

Gelernt: Geschmack und Aroma sind zwei ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Für jede ist ein anderer Teil im Gehirn verantwortlich. Und jede basiert auf unterschiedlichen Daten: Für den Geschmack kommen Eindrücke von der Zunge, fürs Aroma von Rezeptoren in der Nase. Beides vermischt das Gehirn zum Gesamteindruck Schmecken. Sehr lesenswerter Aufsatz darüber

Wie Schmecken funktioniert