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Schadsoftware TDL4: Kriminelle rüsten Armee der Zombie-Rechner auf (Spiegel Online, 1.7.2011)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Schadsoftware TDL4

Kriminelle rüsten Armee der Zombie-Rechner auf

Sicherheitsexperten sind alarmiert: Sie beobachten ein neues Bot-Netz, das unter anderem für Spam-Attacken eingesetzt wird, mindestens 4,5 Millionen Computer sind betroffen. Die Software ist noch raffinierter programmiert, offenbar investieren Kriminelle viel Geld in technische Innovation.

Spiegel Online, 1.7.2011

{jumi [*3]}

Trojan Downloader 3, kurz TDL3, gehört zu den berüchtigtsten Schadprogrammen im Web. Die Software befällt Computer, umgeht Sicherheitsschranken, löscht konkurrierende Schadprogramme und lässt sich aus der Ferne über verschlüsselte Kommandos fernsteuern.

Auf diesem Wege lassen sich ohne Wissen der Computerbesitzer sogenannte Bot-Netze konstruieren – gigantische Rechnerarmeen, die für den Versand von Spam-Mails oder für die berüchtigten DDoS-Attacken auf fremde Server genutzt werden. Die TDL3-Betreiber haben daraus ein Geschäft gemacht. Sie vermieten ihre Armee von Zombie-Rechnern an den Meistbietenden weiter.

Vor einigen Monaten machten die Experten beim Antivirussoftware-Hersteller Kaspersky eine merkwürdige Entdeckung: Plötzlich tauchten auf Rechnern modifizierte TDL3-Versionen auf. Die Programme waren derart gut angepasst, dass es dafür nur eine Erklärung geben konnte: Die TDL3-Entwickler vermieteten ihre Schadsoftware nicht mehr, sie verkauften auch den wertvollen Quelltext an andere Kriminelle weiter.

Nun ist auch klar, warum TDL3 auf den Grabbeltisch kam: Die Macher hatten längst ein besseres Produkt im Portfolio. Ihre neue Schadsoftware TDL4 soll allen bisher bekannten Schadprogrammen im kriminell-kommerziellen Einsatz überlegen sein, urteilen zwei Kaspersky-Mitarbeiter in einer jüngst veröffentlichten Analyse.

Warnung vor dem “unzerstörbaren Bot-Netz”

TDL4 dient demselben Zweck wie der Vorgänger, arbeitet aber wesentlich raffinierter. Das Urteil der Kaspersky-Forscher Sergey Golovanov und Igor Soumenkov: TDL4 sei “derzeit die raffinierteste Bedrohung” im Netz, die Schöpfer würden an einem “unzerstörbaren Bot-Netz” arbeiten.

Bislang gehören zum TDL4-Netz mindestens 4,5 Millionen Zombie-Rechner weltweit – wahrscheinlich sind es inzwischen weit mehr. Auf diese Zahl kommen die Kaspersky-Experten durch die Auswertung von Datenbanken mehrerer Vermittlungsrechner des Bot-Netzes in Moldawien, Litauen und den Vereinigten Staaten. Die Zahlen sind auf dem Stand vom ersten Quartal 2011, da befanden sich die meisten infizierten Rechner in den USA.

Kein Wunder: Für infizierte US-Rechner bezahlen die Bot-Netz-Betreiber mehr als für Computer in anderen Staaten. Der Kurs für 1000 Neuinfektionen schwankt laut den Kaspersky-Analysten je nach Computer-Standort zwischen 20 und 200 Dollar. Die Infizierungsdienstleister nutzen meist Porno- und Raubkopieseiten zum Einschleusen der TDL4-Software auf Zielrechner. Interessantes Detail: Für infizierte Rechner in Russland zahlen die Betreiber nicht.

TDL4 löscht andere Schadprogramme

Viele Informatiker teilen die Einschätzung der Kaspersky-Analysten: Mit TDL4 hat die Bot-Netz-Infrastruktur eine neue Qualität erreicht. Der Informatiker Thorsten Holz, Professor für Embedded Malware an der Ruhr-Universität Bochum, urteilt: “Die Autoren haben viele Features zusammengepackt und eine ausgefeilte Schadsoftware entwickelt. Komplett neu ist das allerdings nicht, die einzelnen Blöcke der Schadsoftware sind bekannt und wurden auch vorher schon benutzt.”

Die Schadsoftware TDL4…

  • …nutzt ein eigenes verschlüsseltes Dateisystem,
  • …bootet mit dem Rechner, ist also schon aktiv, bevor das Betriebssystem vollständig geladen ist,
  • …kann andere Schadsoftware löschen – die Urheber bekämpfen so die Konkurrenz,
  • …hat vollen Zugriff auf das System, um sich vor Sicherheitsprogrammen zu tarnen – ein sehr ausgefeilter Ansatz,
  • …kommuniziert verschlüsselt über ein dezentrales Peer-to-Peer-Netzwerk mit Kommandorechnern. Die verschleierten Kommunikationswege erschweren Analysen und Angriffe – Forscher können nicht so einfach ermitteln, von wo aus die Zombie-Armee gerade gesteuert wird.

Sascha Pfeiffer, Sicherheitsberater beim Softwareanbieter Sophos, beurteilt die “Tarn- und Verschlüsselungsmechanismen” von TD4 im Vergleich zum Vorgänger als “erheblich aufwendiger”. Das alles bedeutet aber nicht, dass das TDL4-Bot-Netz “nahezu unbesiegbar” ist, wie nun einige Medien berichten. Sophos-Sicherheitsberater Pfeiffer beschreibt das eigentliche Problem: “Es wird erheblich länger dauern, von TDL4 befallene Rechner zu identifizieren und zu reinigen. Das bereitet uns Sorgen. Je länger das dauert, umso mehr Schaden können Kriminelle anrichten, die TDL4 für ihre Aktivitäten mieten.”

Viel Geld für Schadsoftware-Entwicklung

Mit Hochdruck fahnden die Experten nach dem richtigen Gegenmittel. So gibt es Methoden, um Peer-to-Peer-Steuernetze zu stören. Und dass TDL4 die Steuerungskommunikation verschlüsselt, macht das Netzwerk nicht unsichtbar, wie der Dresdner Informatiker Stefan Köpsell ausführt. “Verschlüsselung versteckt prinzipiell nur die Kommunikationsinhalte, nicht aber, dass Kommunikation stattfindet. Insofern gehe ich davon aus, dass der Bot sehr wohl anhand seiner Kommunikationsmuster erkennbar ist.”

Die Ideen der Forscher zeigen, wie der Wettbewerb zwischen den Anbietern von Schadsoftware und den Sicherheitsdienstleistern funktioniert: Letztlich geht es bei allen Innovationen darum, den Zeitraum auszudehnen, in dem ein Zombie-Netzwerk ungestört Geld einbringt. Die Geschäfte laufen augenscheinlich so gut, dass die Innovationskraft der Schattenwirtschaft wächst. “Der technische Wettbewerb mit den Autoren von Schadsoftware ist in den vergangenen Monaten um einiges härter geworden. Da ist mehr Geld im Markt, die Schadprogramme werden aufwendiger”, sagt Sicherheitsberater Pfeiffer.

Die eigentliche Monetarisierung der Zombie-Rechner überlassen die Betreiber eines solchen Netzwerks anderen. Die Online-Schattenwirtschaft ist da arbeitsteilig organisiert: Einige Anbieter verkaufen infizierte Rechner, andere die Software-Infrastruktur und wieder andere mieten diese verteilten Rechenzentren, um mit kriminellen Methoden Geld zu verdienen. TDL4 hat seit Anfang des Jahres etwa 30 Schadprogramme solcher Mieter auf die Zombie-Computer nachgeladen. Darunter waren Spam-Schleudern, Programme, die Werbung einblenden und Erpressungssoftware, die mit der Löschung aller Daten droht, sollte man nicht Schutzgeld transferieren.

Schutzgeld, Spam, Anonymisierung von Datenabfragen

Neben diesen gängigen Maschen gibt es noch speziellere Zwecke, für die Bot-Netze angemietet werden. So können Kunden über die infizierten Rechner illegale Inhalte aus dem Netz saugen und getarnt anderswohin übertragen. Sollten Ermittler den Empfänger der Daten suchen, führt die Spur zum infizierten Rechner, von dem die Abfrage kam, auf dem Schadsoftware die Daten dann unbemerkt weiter an den eigentlichen Empfänger schleuste. Sicherheitsberater Pfeiffer fasst es so zusammen: “Ein Bot-Netz wie TDL4 ist eine Art verteiltes Rechenzentrum.”

Mit dem entscheidenden Unterschied, dass man TDL4 für alles Erdenkliche mieten kann, solange man zahlt. Aus diesem Grund dürfte der Wettbewerb zwischen den Bot-Netz-Entwicklern und -Bekämpfern lange Zeit weiterlaufen. Sicherheitsberater Pfeiffer sagt: “Ich glaube nicht, dass die Regeln dieses Wettbewerbs sich ändern werden, solange man mit Bot-Netzen genügend Geld verdienen kann.”

Wie sich das ändern lässt? Man könnte zum Beispiel die Registrierung temporärer Wegwerf-Domains erschweren, die Geldflüsse verfolgen oder auch grundsätzlich über die Struktur von Betriebssystemen nachdenken. Informatiker Köpsell urteilt: “Gut gemachte Schadsoftware wurde und wird nicht durch Virenscanner erkannt – das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.” Er plädiert für Ursachenbekämpfung: “Sichere Betriebssysteme mit einem sinnvollen Rechtemanagement.”

 

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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