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Schriftenmacher Hans Reichel: Deutsche Schriften für die Welt (Spiegel Online, 29.5.2007)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Schriftenmacher Hans Reichel

Deutsche Schriften für die Welt

Der Wuppertaler Musiker und Designer Hans Reichel hat seit 1983 fünf Schriftfamilien entworfen. Sie sind weltweit so beliebt, dass Reichel von der Schriftgestaltung lebt. Ein Gespräch über Schriften im Supermarkt, sein Klingelschild und die zu Recht geliebte Helvetica.

Spiegel Online, 29.5.2007

SPIEGEL ONLINE: Herr Reichel, Sie sind einer der wenigen deutschen Schriftenmacher, die vom Verkauf ihren Schöpfungen leben können. Wo haben Sie zuletzt eine ihrer Schriften entdeckt?

Reichel: Das kann ich nicht genau sagen. Meine FF Dax sieht man zum Beispiel fast ständig und überall – im Supermarkt nebenan, auf Zigarettenwerbung, Flugzeugbeschriftung, Baustellenschildern, Wegweisern, Broschüren, Plakaten, im Fernsehen. Manchmal ist da der Kontext für mich schon überraschend.

SPIEGEL ONLINE: Warum – wissen Sie nicht, wer Ihre Schriften nutzt?

Reichel: Nein. Ich verkaufe sie ja nicht selbst – sie werden über die Firma FontShop weltweit vertrieben. Ich bekomme regelmäßig Lizenzabrechnungen und weiß von daher in etwa, in welche Länder die Schriften verkauft wurden. Ob nun ein Käufer die Schrift zur Gestaltung der Einladungskärtchen für seine nächste Grillparty nutzt oder für weltweite Image-Kampagnen eines Konzerns – das weiß ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie können als einer der wenigen deutschen Schriftenmacher von den Entwürfen leben.

Reichel: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Gut?

Reichel: Ja, ziemlich gut. Ob ich aber einer “der wenigen” bin, kann ich so nicht sagen – es gibt sicher eine ganze Reihe von Kollegen, die ähnlich arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Schrift ist ihr Klingelschild gesetzt?

Reichel: In der FF Daxline, meiner neuesten Schrift. Sie hat im Gegensatz zur Dax optisch gleiche Strichstärken, wodurch sie auch fürs Kleingedruckte verwendbar ist. Was aber nicht heißt, daß sie nicht auch in größeren Formaten gut aussieht.

Zur Person

Hans Reichel, 58, stammt aus Hagen in Westfalen. In den Siebzigern wurde er als Freejazz-Gitarrist bekannt, brachte zahlreiche Soloalben mit experimenteller Gitarrenmusik heraus. Bekannt ist Reichel auch als Instrumentenbauer, erfand das völlig neuartige Streichinstrument Daxophon, mit dem man auf verschieden geformten Holzbrettchen singen, quieken, grunzen, sprechen kann. Er lebte in den achtziger Jahren lange Zeit in Japan. Seit 1983 hat Reichel fünf Schriftfamilien entwickelt, die international extrem erfolgreich sind: Barmeno, FF Dax, FF Schmalhans, FF Sari, FF Daxline. Seine Internetseite: www.daxo.de

SPIEGEL ONLINE: Und wie wirkt das, warum ist die so beliebt?

Reichel: Das weiß ich nicht. Da müssen Sie die Leute fragen, die sie kaufen und benutzen.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen ist egal, was aus ihren Schöpfungen wird?

Reichel: Ja. Ich verstehe mich als Werkzeugmacher. So wie jemand einen Hammer oder Nägel herstellt, ohne zu wissen, was später damit gehämmert und genagelt wird. Ich bin also Schriftenmacher, kein Typograph.

SPIEGEL ONLINE: Aber es hat schon einen Grund, dass Sie nicht Nägel, sondern Schriften entwerfen.

Reichel: Ich war ja damals in den Siebzigern eher als Musiker unterwegs, mit selbstgebauten schrägen Gitarren und so. Da gab es immer was zu zeichnen: Konzertplakate, Flyer, Infozettel, Platten-Cover und so. Das habe ich immer gern selber gemacht, mit Bleistift und Filzstiften.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ging das, Schriften entwerfen ohne Computer?

Reichel: Na von Hand. Groß auf Papier gezeichnet, dann im Copy-Shop verkleinert, zusammengepuzzelt und so weiter. So habe ich 1983 auch meine erste Schrift für die damalige Berthold AG in Berlin entworfen, die Barmeno.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die mit Ihrer Daxline von heute vergleichen: Gibt es da Gemeinsamkeiten?

Reichel: Ja sicher. Meine Schriften sind sehr leicht daran zu erkennen, daß ihnen etwas fehlt, was nahezu alle anderen Textschriften haben: die Auf- und Abstriche der Kleinbuchstaben. Diese haben ja auch vor dem historischen Hintergrund der mittelalterlichen Schreibschriften ihren Sinn. Aber die, ich sage mal, kleinen Stummel oben links am “p” zum Beispiel oder beim “a” unten rechts, die fehlen eben bei mir. Dadurch wirken meine Schriften sehr reduziert und klar, und sie sind wegen der fehlenden Striche auch nicht schwerer lesbar, eher im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat der Computer als Werkzeug diese Arbeit verändert?

Reichel: Man kann viel mehr machen. Ein Beispiel: Die Schriftfamilie FF Daxline besteht aus etwas 14.000 Zeichen, das heißt sieben mal Tausend Zeichen für die Aufrechten, plus sieben mal mal Tausend für die Kursiven. In jedem der sieben Schnitte, also von ganz dünn bis ganz fett, ist unter anderem das Kyrillische und griechische Alphabet enthalten. Von Hand würde man dafür viele, viele Jahre brauchen. Und es würde nicht gut werden. Erstens, weil die Fehlerquellen enorm hoch sind. Und zweitens, weil man vorher schon im Irrenhaus landen würde. In der Regel stelle ich nur die Eckschnitte her, also den ganz dünnen und den fetten, und die Zwischenschnitte werden vom Computer errechnet.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie denn an der Daxline gearbeitet?

Reichel: Gut acht Monate, mit kleinen Unterbrechungen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das viel kürzer als die Arbeit an Ihren älteren Schriften?

Reichel: Hmmm, nein. Der Computer macht neue Arbeit. Im Moment bin ich zum Beispiel dabei, meinen ganzen alten Schriften auf ein neues Computerformat umzustricken, oder besser: auszubauen. Das nennt sich OpenType und ermöglicht wirklich jedem Benutzer, egal ob er in Grönland oder in Anatolien sitzt, seine heißgeliebten Akzentbuchstaben zu verwenden. Es gibt davon enorm viele, in Mitteleuropa sind sie relativ unbekannt. Darüberhinaus ist das Format auf Windows und Mac identisch, also durchaus ein Beitrag zur Beendigung des kalten Krieges zwischen den Plattformen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dank der Rechner eine Schriftenschwemme?

Reichel: Na ja, es gibt heute eine fast unübersehbare Auswahl. Ich habe hier zum Beispiel die aktuelle Ausgabe des FontBook, das ist ein Schriftmuster-Nachschlagewerk für alle digitalen Schriften, die zur Zeit auf dem Markt sind. Es wird von Ausgabe zu Ausgabe dicker. Die neueste wiegt drei Kilo und enthält 32.400 Schriften. Das Wort “Schwemme” klingt natürlich irgendwie wertend. Ich finde, es bleibt jedem selbst überlassen, ob er sich damit auseinandersetzt oder weiterhin seine Arial oder Times oder Verdana benutzt.

SPIEGEL ONLINE: Dann los – haben Sie je einen Formbrief bekommen, dessen Schrift Sie begeistert hat?

Reichel: Wenn Sie Formulare meinen, nein. Am wenigsten mag ich die von Behörden und Ämtern, die sehen immer besonders schlimm aus. Aber vielleicht habe ich da auch Vorurteile.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schriften mögen Sie, wann ist eine Schrift schön?

Reichel: Ach, Schönheit… darüber kann man schlecht reden, das empfindet sowieso jeder anders. Vielleicht muß eine gute Schrift ein erkennbares Stilelement haben, eine Art Gesamtausstrahlung. Es gibt sicher schöne Schriften, die aber gerade wegen ihrer Schönheit nur sehr begrenzt einsetzbar sind. Wenn man eine universell verwendbare Schrift will, muß sie klar und zurückhaltend sein — sie darf nicht selber sprechen.

SPIEGEL ONLINE: So wie bei der Helvetica, die jetzt zum 50. Geburtstag groß gefeiert wird? Film, Ausstellung, Bücher – hat sie das verdient?

Reichel: Zweimal ja. Hat sie verdient. Na klar. Sie schlug ja vor 50 Jahren quasi ein wie eine Bombe. Vermutlich nicht, weil sie schön war, sondern weil sie etwas lieferte, was es bis dahin nicht gab, und was heute immer noch erwartet wird. Vielleicht sowas wie Ruhe, Gelassenheit, Ordnung, Sicherheit. Kein Wunder, dass die meisten Verbotsschilder auf der ganzen Welt in der Helvetica gesetzt sind.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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