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Streit über Zwanziger-Kommentar: Wie Blogger den DFB bloßstellten (Spiegel Online, 24.11.2008)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
5 minuten gelesen

Streit über Zwanziger-Kommentar

Wie Blogger den DFB bloßstellten

DDer Deutsche Fußball-Bund kämpft mit Bloggern: Weil DFB-Präsident Zwanziger sich von einem Sportjournalisten verunglimpft fühlte, bemühte sein Verband die Gerichte – und brachte Netz-Szene und Journalistenverbände gegen sich auf. Ein Lehrstück über neue Öffentlichkeiten.

Spiegel Online, 24.11.2008

Im Internet gibt es für die Scharfmacher in Online-Diskussionen einen schönen Begriff: Trolle. Die Beiträge von Trollen provozieren dank polarisierender Formulierung und Darstellung eine Flut wütender Reaktionen und Kommentare. Definiert man Trolltum über diese Art von Reaktionen, hat es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in nur vier Monaten mit ein paar Pressemitteilungen und Interviews zum Ober-Troll der deutschen Blogosphäre gebracht.


Die Kommunikation des DFB in den vergangenen Monaten war extrem ungeschickt: Es begann mit zwei Wörtern in einem Blog – und endete mit öffentlichen Protestnoten dreier Journalistenverbände gegen den Fußball-Bund.

Der DFB kämpfte monatelang mit dem bloggenden Sportjournalisten Jens Weinreich: vor Gericht, per Pressemitteilung, in Interviews. Nun ist die Sache beigelegt – und der Fußball-Bund blamiert.

Weinreich (der als freier Autor auch fürs Sport-Ressort von SPIEGEL ONLINE schreibt) hatte vor vier Monaten DFB-Chef Theo Zwanziger in einem Kommentar im Blog Direkter-freistoss.de als "unglaublichen Demagogen" bezeichnet. Es ging um die zentrale Vermarktung von TV-Rechten.

Kein Zweifel: Der Vergleich ist ruppig. Für Zwanziger muss es eine
Kriegserklärung gewesen sein. Ein Anwalt schickte in seinem Auftrag dem Journalisten
eine Verpflichtungserklärung zur Unterlassung dieser Äußerung. Doch
Weinreich unterzeichnete nicht. Daraufhin beantragte der DFB eine
einstweilige Verfügung – doch das Berliner Landgericht und auch das
Kammergericht lehnten den Erlass ab.

Dann veröffentlichte der DFB eine
Pressemitteilung. Davon, dass man juristisch keinen Erfolg gehabt hatte, stand darin nichts. Dafür aber folgendes:

  • Weinreichs Kommentar sei der Beginn einer "Kampagne gegen Dr. Theo Zwanziger".
  • Bei dieser "Kampagne" habe Weinreich den "DFB-Präsidenten ohne Anlass als ‘unglaublichen Demagogen’ diffamiert".
  • DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach verkündet, hier habe "ein Journalist unseriös und einseitig kommentiert."
  • Vizepräsident Rainer Koch definierte den
    Begriff "Demagoge" als "Volksverhetzer, der sich einer strafbaren
    Handlung schuldig macht. Eine Volksverhetzung begeht, wer zum Hass
    gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- und
    Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder die Menschenwürde dadurch
    angreift, dass er andere beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet."

Diese Pressemitteilung hat durchaus Qualitäten eines Troll-Kommentars in einem Onlineforum:

  • Ein paar wesentliche Fakten tauchen nicht auf (die vorläufigen Entscheidungen der Berliner Gerichte)
  • strittige Interpretationen werden als Tatsachen dargestellt (wie ein Lexikon den Begriff "Demagoge" definiert, kann man bei
    SPIEGEL WISSEN nachlesen)
  • umstrittene Tatsachen werden einseitig interpretiert (ob der Begriff "Demagoge" ohne Anlass fiel, darüber kann man streiten)

Die Reaktion deutscher Blogger fiel dementsprechend aus: Mehr als hundert
Blogeinträge zum Thema "Zwanziger" und "Weinreich" erschienen in den vergangenen 30 Tagen. Beispiele:

  • "DFB bolzt gegen kritischen Sportjournalisten"
  • "Das ist wohl eindeutig Abseits"
  • "20iger & DFB vs Meinungsfreiheit"

Nach der Veröffentlichung der Pressemitteilung schwoll die Debatte
in deutschen Blogs über das Thema richtig an (siehe Statistik der
Blogsuchmaschine Technorati unten). Und das, obwohl der DFB darin auch
erklärte, man werde keine weiteren juristischen Schritte gegen
Weinreich unternehmen.

Am 22. Oktober kommentierte
Medienjournalist Stefan Niggemeier in seinem Blog, es gehe hier um Meinungsfreiheit. Der erste Presseartikel zum Thema stand in der "
Financial Times Deutschland" vom 13. November.

Eine knappe Woche später appellierten auch der
Deutsche Journalisten-Verband
und der Verband Deutscher Sportjournalisten an den DFB, die Schärfe aus
der Auseinandersetzung zu nehmen. Schon einen Tag zuvor hatte die European Federation of Journalists dem DFB eine "beunruhigende" "Kampagne" gegen Weinreich vorgeworfen. 

Die Eskalationskurve in diesem Fall – erst die Blogs, dann die Presse,
dann die Verbände – ist ein Beispiel für die Chancen von Bloggern,
Öffentlichkeit zu schaffen.

Der DFB hat die Auseinandersetzung zuerst online verloren. Wie
unbeholfen die Öffentlichkeitsarbeit der Verbands da wirkt,
illustrieren einige Zitate der Beteiligten (siehe Kasten unten).

ZITATE: DFB-VERTRETER ÜBER MEINUNGSFREIHEIT IN BLOGS

Anonymität
Im autorisierten Interview mit dem Blog Direkter-Freistoss.de beklagte Theo Zwanziger zum Beispiel die angebliche Anonymität in Blogs: "Die Anonymität, die die Foren bieten, verführt manchmal zu unüberlegten und diffamierenden Aussagen." Dabei war der Auslöser des ganzen Streits, der Blog-Kommentar von Jens Weinreich, ihm eindeutig zuzuordnen.

Weböffentlichkeit
Im autorisierten Gespräch mit Stefan Niggemeier
erklärt DFB-Vizepräsident Rainer Koch, warum eine von Weinreich bereits
im Oktober veröffentlichte Klarstellung nicht ausgereicht habe:
"Blogeinträge mögen für die Internet-Community ausreichende Erklärungen
sei. Für den DFB stellen sie keine zufriedenstellende Reaktion auf
missverständliche, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens
attackierende und verunglimpfende Äußerungen dar." Dazu bemerkt
Niggemeier so treffend wie süffisant: "Wenn jemand in einem Blog etwas
äußert, das Herr Zwanziger als ehrenrühig ansieht, handelt es sich also
um eine öffentliche Stellungnahme, gegen die man mit aller Härte
vorgehen muss. Wenn jemand in einem Blog mögliche Missverständnisse
ausräumt, handelt es sich aber um nicht ernst zu nehmendes Zeug, das
jenseits einer ‘Internet-Community’ niemand zur Kenntnis nimmt?" 

Wikipedia-Korrekturen
Wer bei Google nach Informationen zu DFB-Präsident Theo Zwanziger
sucht, erhält derzeit als ersten Treffer den deutschsprachigen
Wikipedia-Eintrag, in dem eine aktuelle Passage wenig Rühmliches über
den Funktionär berichtet:

"Den Sportjournalisten Jens Weinreich, der ihn als “unglaublichen
Demagogen” bezeichnete, verklagte Theo Zwanziger vor dem Landgericht
Berlin auf die Abgabe einer Unterlassungsverpflichtungserklärung. Das
Landgericht und das Kammergericht Berlin haben dieses
Unterlassungsbegehren und den Antrag auf einstweilige Verfügung
abgewiesen."

Diese sehr sachliche Beschreibung eines erbitterten Streits, mit dem
der DFB die deutsche Blogosphäre gegen sich aufgebracht hat, war
offenbar einem anonymen Wikipedia-Benutzer unangenehm – er löschte den
kritischen Abschnitt. Doch Wikipedia speicherte die IP-Adresse des
Computer, von dem diese Löschung ausging: 217.89.32.180 – laut
Datenbanken Teil des IP-Adressbereichs des Deutschen Fußballbundes.

Darauf angesprochen, erklärt DFB-Sprecher Harald Stenger: "Ein
DFB-Mitarbeiter hat in der Tat einen Eintrag in Wikipedia gelöscht.
Nach zwölf Minuten wurde diese Löschung auf Anweisung der
DFB-Geschäftsführung rückgängig gemacht. Es gibt bei uns keinerlei
Anweisungen an Mitarbeiter, bei Wikipedia-Eintragungen über den DFB und
seine handelnden Personen irgendwelche Korrekturen vorzunehmen.
Vielmehr raten wir davon dringend ab."

Für Zwanziger ist der juristische Teil der Auseinandersetzung
beendet. Dem SPIEGEL sagte er, er sei falsch, hier von einer Niederlage
des DFB zu sprechen: "Schließlich war es nicht das Hauptsacheverfahren.
In einer einstweiligen Verfügung wird der Sachverhalt nicht umfassend
gewürdigt, der Anlass nicht sauber herausgearbeitet." Ein
Hauptsacheverfahren will er nun aber nicht mehr anstreben.

Fehler sieht Zwanziger offenbar nicht bei sich oder der
DFB-Öffentlichkeitsarbeit. Auf die Frage, warum in der Pressemitteilung
zum Fall die Gerichtsentscheidungen unterschlagen wurden, antwortete
Zwanziger dem SPIEGEL:

"Herr Weinreich macht ja
auch alles öffentlich. Er hat in den Blogs die vermeintlichen Siege
groß gefeiert. Es wird immer von Pressefreiheit geredet, aber gilt für
den DFB keine Meinungsfreiheit? Die Presseerklärung hat Herrn
Weinreichs Angriffe deutlich zurückgewiesen. Warum ist er jetzt so
empfindlich?"


Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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