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Technik-Spielzeug: Fernsehmikroskop vergrößert das Wohnzimmer 200-fach (Spiegel Online, 1.4.2008)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Technik-Spielzeug

Fernsehmikroskop vergrößert das Wohnzimmer 200-fach

Expedition in den Mikrokosmos: Magazinfotos zerfallen zu Punkthaufen und der Fußboden ähnelt einer Fleischwunde – die Spielzeug-Spähpistole Eyeclops zeigt am Heimfernseher riesenhaft vergrößert, was immer man ihr unterschiebt. SPIEGEL ONLINE hat das TV-Mikroskop ausprobiert.

Spiegel Online, 1.4.2008

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Iiiiigiit, was ist das denn? Der Fernsehschirm zeigt eine fleischfarbene, unebene Fläche mit weißen Pusteln und einem tiefen schwarzen Riss. Narbe? OP-Fernsehen? Mit dem TV-Mikroskop Eyeclops lassen sich am Fernseher solche witzigen Ratespiele veranstalten. Ein Forscher sitzt vorm Fernseher und verbirgt mit seinem Rücken, was er gerade mit dem Technikspielzeug 200-fach vergrößert. Die anderen raten. Darauf, dass die Fleischwunde der eigentlich sehr schicke Laminatboden ist, kommt so schnell sicher niemand.

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Das Eyeclops-Mikroskop war im vorigen Weihnachtsgeschäft in den Vereinigten Staaten ein Verkaufsschlager. Und ausnahmsweise begeistert dieser Spielzeug-Bestseller auch Pädagogen. Das Fernsehmikroskop gewann einen Preis nach dem anderen. US-Psychologe Warren Buckleitner, der seit 24 Jahren Technikspielzeug für Kinder testet, schwärmte: "Das ist ein tolles Werkzeug, um die Welt zu entdecken. Das Gerät treibt Kinder an, draußen neue Entdeckungen zum Beobachten zu suchen."

In Deutschland konnte man das Gerät bislang nur über Umwege im Ausland kaufen. Im August ändert sich das, eine Spielzeugfirma vertreibt das Fernsehmikroskop in Deutschland, bei Online-Händlern kann man es schon vorbestellen. Ende August soll das Eyeclops erhältlich sein. Preisempfehlung: knapp 60 Euro.

Punktwüsten, Stofftäler, Ekelböden – SPIEGEL ONLINE hat vorab eines der ersten Fernsehmikroskope getestet.

Aufbau: Nach drei Minuten geht’s los


Am längsten dauert es, die Verpackung aufzuknibbeln: Der neongrüne Plastikstab mit dem Zyklopenauge ist in einem Klarsichtplastik-Kasten verpackt, sorgfältig verklebt, zusätzlich noch einmal von einer Pastikhülle umschlossen. In die Mulden dieser Hülle kriegt mit Sicherheit niemand ohne weiteres die einmal aufgewickelten Kabel und zusammengeschraubten Zubehörteile wieder rein. Zur Aufbewahrung eignet sich die Verpackung also nicht – schade.

Ist die Verpackung einmal geöffnet und das Handbuch von ganz, ganz unten hervorgekramt, ist der Rest spielend leicht zu bewältigen – vorausgesetzt man findet den Videoeingang seines Fernsehers und den entsprechenden Kanal. Das Eyeclops-Mikroskop funktioniert nach drei Minuten. Man muss fünf AA-Zellen ins Batteriefach legen. Clever: Weil die Batterien im Extrafach liegen, ist die eigentliche Spähpistole angenehm leicht.

Verbesserungsfähig: Dass eine Kreuzschlitzschraube das Batteriefach sichert, ist ein unnötig nerviger Kinderschutz – das ginge einfacher. Ärgerlich auch, dass man fünf Batterien braucht. Einwegbatterien gibt es nur in Vierer- oder Sechspacks und Akku-Ladegeräte haben auch immer nur Platz für eine gerade Anzahl an Batterien. Warum also braucht das Eyeclops fünf Batterien?

Bedienung: schön und einfach

Das Eyeclops-Mikroskop ist angenehm simpel konstruiert: Mit einem Schalter am Batteriefach schaltet man es ein – fertig. Hat man es in den Videoeingang des Fernsehers gestöpselt und den entsprechenden Kanal eingestellt, geht’s los.

Die einzige weitere Steuerungsmöglichkeit ist ein Drehmechanismus. Der Spähpistole muss man oben ein Plastikauge aufschrauben. Darüber, wie tief man es einschraubt, soll sich das Mikroskop fokussieren lassen. Fürs Scharfstellen ist eigens eine Fokussierungsscheibe mit Buchstaben beigelegt. Im Test klappte diese Feineinstellung gar nicht – das Gewinde war so schwergängig, dass sich der Aufsatz der Spähpistole nur mit zwei Händen und viel Kraft bewegen ließ.

Beim Selbstversuch erschien diese Drehfokussierung aber auch wenig sinnvoll: Wenn man das Mikroskop mit der Hand über Gegenstände gleiten lässt, ändert sich aufgrund der enormen Vergrößerung die Bildschärfe ohnehin andauernd – minimale Bewegungen machen hier viel aus.

Dass sich das Bild ständig ändert, macht Spaß – das Fernsehmikroskop wird so zum Gruppenspielzeug: Die Zuschauer dirigieren den Mikrokosmonauten mit der Spähpistole, man diskutiert, statt zu gaffen.

Funktionsvielfalt: weniger ist genug

Eyeclops ist intuitiv bedienbar, weil die Funktionen reduziert sind: Die Spähpistole kann nur eins, aber das richtig gut: Die Welt auf dem Fernsehschirm vergrößern. Drei Leuchtdioden hellen die beobachteten Objekte auf, die Bildqualität ist immer annehmbar.

Das macht viel Spaß: Beim ersten Versuch fesselte das Eyeclops die Tester zwei Stunden vorm Fernseher. Nach den naheliegenden ersten Analyseobjekten (Haare, Haut, Fußboden) finden sich immer neue Gegenstände, die man gerne mal 200-fach vergrößert sehen würde. Nach einiger Zeit liegt ein Haufen Zeug vorm Fernseher, den bislang kaum jemand interessant fand.

Erste Ergebnisse der Expedition in den Wohnzimmer-Mikrokosmos:

  • Die Welt ist gepunktet (Eier, Zeitschriften, Taschen, Werbeflyer – alles, was bedruckt wird)
  • Jeans sind tolle Kraterlandschaften
  • Ein Salzhaufen sieht vergrößert viel ordentlicher aus

So etwas fasziniert Kinder eine Zeit lang – aber man merkt bald, dass der Mikrokosmos aus ein paar immer wiederkehrenden Mustern besteht. Für etwas Abwechslung liefert das Eyeclops noch ein paar Extras mit: In einem Plastiktrichter kann man Insekten einfangen (und beobachten), in einer Plastikpetrischale lassen sich Flüssigkeiten vergrößern.

Vorteile, Nachteile, Fazit

Vorteile:

  • einfache Bedienung
  • macht allein, aber auch mit vielen Mitspielern Spaß
  • bringt Kinder und Erwachsene zusammen
  • lässt sich als Werkzeug in viele Spiele integrieren, weil es keine Regeln vorgibt

Nachteile:

  • an den Fernseher gebunden
  • muss von einem Erwachsenen aufgebaut werden
  • kann schnell langweilig werden – wie fast jedes Spielzeug

Sind 60 Euro als Preis angemessen? Das ist deutlich mehr als man für einen normalen Mikroskopkoffer bezahlt, aber weniger, als manches Elektrospielzeug kostet.

Das Risiko ist wie bei jedem Spielzeug, dass die Kinder schnell das Interesse verlieren. Toll ist, dass das Eyeclops ein sehr soziales Spielzeug ist – alle können zuschauen und mitreden.

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Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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