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Technik zu klein: Starjournalist wirft MacBook aus Versehen weg (Spiegel Online, 17.3.2008)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Technik zu klein

Starjournalist wirft MacBook aus Versehen weg

Wie klein ist zu klein? Der legendäre IT-Reporter Steven Levy wirft das dünnste MacBook der Welt mit dem Altpapier weg und klagt: Es war einfach zu schlank! Er ist nicht allein: iPods, Handys, Anrufbeantworter – die Schrumpf-Technik von heute kommt einem schon mal abhanden.

Spiegel Online, 17.3.2008

Steven Levy ist ein Veteran des Technik-Journalismus: Der 57-Jährige hat 1984 eines der ersten Bücher über Hacker veröffentlicht, hat für alle großen US-Magazine vom "New Yorker" bis "Wired" geschrieben. Heute testet er beim Nachrichtenmagazin "Newsweek" Technik-Spielzeug. Sein Testgerät von Apples MacBook Air – das beinahe dünnste Notebook der Welt – hat er mit dem Papiermüll weggeworfen. "Wie peinlich für mich", schreibt Levy in seinem Blog: "Es war einfach weg." Seine Theorie zum Verschwinden führt Levy breit in der aktuellen "Newsweek"-Ausgabe aus: Am Sonntag lag das Notebook noch auf dem Wohnzimmertisch, am Mittwoch suchte Levy es dort, fand aber nur das Ladegerät. "Am Sonntag sammeln sich auf dem Tisch, wo das Air lag, alte Magazine und Zeitungen an." Levys Frau nervt das Durcheinander. "Manchmal nimmt sie den ganzen Stapel und wirft ihn in den Altpapier-Container", klagt Levy.

Und so muss wohl das Apple-Testgerät verschwunden sein: "Kann es sein, dass irgendwo in dem Papierstapel ein Macintosh-Rechner versteckt war, der so klein ist, dass der Hersteller ihn in einem Hauspostumschlag unterbringt? Ich glaube das." Die 1800 Dollar Schadensersatz zahlt Levy Arbeitgeber "Newsweek". Der Journalist sieht sich schuldlos: "Kann man jemanden die Schuld geben, weil er etwas verliert, das ‘Luft’ heißt?"

Levy muss viel Spott einstecken. Einige Leserkommentare aus dem Technik-Blog Gizmodo:

  • "Moment! Jemand verliert ein 2000-Dollar-Gerät und gibt dem Gerät die Schuld dafür?"
  • "Vielleicht sollte ‘Newsweek’ den IQ ihrer Tester testen?"
  • "Ich habe einen iPod und ein Mobiltelefon, die sind beide viel kleiner als ein MacBook Air. Und ich habe sie seit Jahren nicht verloren! Vollidiot."

Aber es gibt auch Verständnis für Levy. Ein Leser schreibt: "Ich habe mein Handy so verloren. Und meinen MP3-Player." IT-Blogger Luke Anderson stimmt – ein wenig ironisch – in Levys Klage über die winzigen Geräte ein: "Ich verliere kleine Dinge, Schlüssel, USB-Sticks und so weiter. Leider erschwert mir das mein Leben als Technik-Geek, weil alles immer kleiner wird."

Er ist nicht der einzige.

Dämlich, wehleidig oder einfach zu groß? Technik-Fans klagen ihr Leid mit zu kleinem Spielzeug.

Ein iPod in der Waschmaschine, einer im Nirgendwo

Ina Fried schreibt beim US-Fachdienst News.com über Gadgets, vor allem über Apple-Produkte. Als Reaktion auf Levys MacBook-Beichte berichtet sie von ihrem verschlampten iPod Touch. Im vorigen Dezember war es: "Ich hatte ihn in der Nacht davor noch, und am nächsten Tag war er weg. Wochenlang dachte ich, der iPod würde irgendwo in meinem Haus oder in dem Haus des Freundes auftauchen, den ich besucht hatte."

Natürlich blieb Frieds für 400 Dollar gekaufter iPod Touch verschwunden. Fried: "Ich gebe nicht Apple die Schuld. Ich bin vergesslicher als die meisten Menschen." Aber einige Geräte seien eben so dünn, dass man sie verlieren könne, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wo das passiert sein könnte.

Vor einigen Jahren hat Fried schon versehentlich einen iPod Nano in Schrott verwandelt: "Ich hatte ihn in der Hosentasche einer Jeans vergessen und gewaschen." Ergebnis: "Es war der sauberste, kaputte Nano, das man je gesehen hat."

Dieses Handy ist zu klein zum Telefonieren

Kurzmitteilungen kann man auf dem Panasonic GD 55 kaum tippen. Adressen eingeben? Termine verwalten? Fotografieren? Musik hören? Unmöglich oder zu unpraktisch, denn das GD 55 ist kleiner als zwei Streichholzschachteln, wiegt 60 Gramm und passt in eine noch so kleine Sakkotasche, ohne sie auszubeulen. Dafür kann man mit diesem Zwerg-Telefon wirklich nur telefonieren.

Der Autor dieser Zeilen hat nicht einmal das geschafft: Nach ein paar schönen Wochen mit dem Handy-Zwerg klemmte ich mir das Gerät bei einem Gespräch zwischen Ohr und Schulter, um eine Nummer mitzuschreiben. Das winzige Handy rutschte, fiel, prallte auf dem Betonboden auf, verlor die Heckklappe. Seitdem hält die Batterieabdeckung nur noch mit einem Gummiband – aber immerhin, das Handy funktioniert noch. Trotzdem habe ich ein neues Mobiltelefon – es ist zweieinhalb mal so groß und doppelt so schwer wie der Panasonic-Zwerg. Aber man kann damit freihändig telefonieren, ohne peinliche Ohrstöpsel.

Der Anrufbeantworter im Altpapier

SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Matthias Kremp vermisst seinen wunderbaren kleinen, flachen, leichten, schicken Anrufbeantworter noch immer: Der Uher Digital MCF verschwand am 22. Dezember 2004, beim Umzug. Kremp: "Ich hab ihn zuletzt beim Altpapier gesehen."

Das war in der alten Wohnung – in der neuen kam der Uher nicht an. Kremp: "Ich habe ihn wohl mit den Zeitungen weggeworfen, meine Familie lacht noch heute über mich." Übrig blieb nur das Netzteil. Und die Fernbedienung für die Fernabfrage: "Die war auch sehr schick und klein. Irgendwo müsste die noch liegen. Nur wo?"

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Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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