Zum Inhalt springen

Technikärgernis Klebeschild: Wenn Etiketten zu gut kleben (Spiegel Online, 22.7.2008)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
6 minuten gelesen

Technikärgernis Klebeschild

Wenn Etiketten zu gut kleben

Kratzen, Knibbeln, Ärgern: Penetrante Preisschilder haften auf Büchern, DVDs und sogar Pastatellern. Die Klebeetiketten liest man einmal, wird sie nur ganz schwer wieder los – mit Hausmitteln wie Butter, Zitronensaft oder Reinigungsbenzin.

Spiegel Online, 22.7.2008

{jumi [/images/jumisk/sharethis.php]}

Ein Buch, zwei Aufkleber: Auf das Cover seines immerhin 40 Euro
teuren Ratgebers zur Digitalkamera "Nikon D 60" hat der Verlag gleich
zwei Werbe-Bapperl gepappt. Wer sich das Buch kauft, will nicht
unbedingt die hässlich gesetzten Reklamesprüche "100 %" und "Buchtipp"
für immer darauf sehen. Da beginnt der Ärger: Der kleinere Aufkleber
lässt sich leicht abziehen, der größere (Steckdosen-Durchmesser!) nur
mühsam – Papierfetzen für Papierfetzen (siehe Fotostrecke unten). Nach
viel Knibbeln und Kratzen bleibt ein klebriger Schmierfilm auf dem Buch.

{flickrbadge?id=63153351@N00&set=72157606351753786}

Ein Aufkleber geht ab, der andere hinterlässt auf derselben
Oberfläche eklige Klebereste und Papierfetzen. Mit solchen
Überbleibseln ärgern sich nicht nur Buchkäufer herum. Eine Google-Suche
nach dem Hilferuf "Etiketten entfernen" zeigt, wo Hersteller überall
hartnäckige Aufkleber unterbringen: auf Pastatellern,
Weingläsern,
Spiegeln und Waschbecken.

{jumi [/images/jumisk/google420.php]}

Theoretisch könnten all diese Bapperl in ein paar Sekunden ohne
Rubbeln, ohne Reißen, ohne Klebereste abzuziehen sein. Klemens
Ehrlitzer, Chefredakteur des Fachmagazins "Etiketten-Labels" und
Geschäftsführer des Verbands der deutschen Hersteller selbstklebender
Etiketten (VskE) urteilt: "Es gibt für fast alle Oberflächen
Kombinationen von Klebstoff und Etikettmaterial, die sich leicht und
völlig rückstandslos entfernen lassen."

Wie fest ein Etikett klebt und wie viel Knibbelei zum Entfernen nötig ist, hängt von drei Faktoren ab:

  • Oberfläche: Mit glatten Oberflächen wie Glas oder Metall kann
    sich Haftkleber sehr gut vernetzen, wie Klebeprofis das nennen – besser
    als mit rauen wie etwa unbehandeltem Holz. Sprich: Je glatter die
    Oberfläche, desto fester klebt das Etikett.
  • Etikettenmaterial: Papier reißt beim Abziehen eher als
    Kunststoff, dünnes Papier eher als dickeres. Und natürlich reagieren
    Klebstoffe ganz unterschiedlich mit verschiedenem Etikettenmaterial. 70
    Standardsorten hat zum Beispiel allein der Etikettenhersteller Herma im
    Angebot.
  • Klebstoff: Etiketten können mit Schmelzklebstoffen (haften bei
    Raumtemperatur gut und immer weniger, je heißer sie werden), aber auch
    mit lösemittelbasierten oder anderen Klebern befestigt werden – je nach
    Zusammensetzung dringt der Klebstoff in das Material ein und zerstört
    die Oberfläche, um permanent kleben zu bleiben oder eben nicht. Die
    Vielfalt bei Klebstoffen ist etwas geringer als beim Etikettenmaterial:
    30 Sorten hat der Etikettenhersteller Herma im Standardsortiment.

Super-Kleber aus Versehen

Wie fest ein Etikett klebt, folgt daraus, wie Kleber und die beiden
aneinander gepappten Stoffe miteinander reagieren. Wird einer der
Stoffe gegen etwas anderes ausgetauscht, kann es durchaus sein, dass
ein Etikett plötzlich stärker klebt als geplant.

Wie es zu solchen Missgeschicken kommen kann, beschreibt Claudia
Gross, Marketing-Chefin beim Bochumer Etikettenhersteller Bizerba so:
"Der Kunde wechselt die Folie, mit der sein Produkt verpackt ist. Ist
die neue Folie poröser, dringt der Klebstoff plötzlich ein und haftet
aggressiver als zuvor. Oder die Druckerei ändert ihren Lieferanten und
testet die neue Etikettenmaterialien nicht auf dem Verpackungsmaterial."

Klammer-Etiketten als Siegel

Solche Fälle aus Versehen viel zu gut klebender Etiketten kommen
vor, sind aber sicher nicht die Regel. Wenn Etiketten verdammt gut
kleben, ist das oft beabsichtigt. Früher, als auf Produkten noch
Preisetiketten klebten.

Die hafteten besonders gut, hatten zudem einen gewellten Rand und
zwei eingestanzte Sollrissstellen – ein Sicherheitsmerkmal gegen den
Umetikettierer, die teuren Waren Preisschilder günstigerer Produkte
aufpappen. Heute kleben solche Etiketten mit Klammerkleber als eine Art
Siegel auf DVDs, Software-Paketen oder Medikamenten, um zu
signalisieren, ob die Verpackung geöffnet wurde.

Knibbel-Kleber ist billig

Abgesehen von ungeplanten chemischen Reaktionen und beabsichtigtem
Schutz durch superhaftende Etiketten ist der wohl am häufigsten
geltende Grund für Knibbel-Etiketten schlicht Geiz. Marketing-Chefin
Claudia Gross vom Etikettierer Bizerba erklärt: "Etiketten, die sich
rückstandslos entfernen lassen, sind um einiges teurer als die
permanent haftenden – das liegt am verwendeten Klebstoff, der einfach
für den permanenten Einsatz günstiger ist."

Die Folge, laut Klemens Ehrlitzer vom Etikettierer-Verband VskE: "Am
Ende entscheidet der Hersteller oder Abfüller eines Produkts über die
Verpackung. Und die entscheiden sich oft für die günstigeren
Etiketten." Dass die dann schlechter abzulösen sind, werde "in Kauf
genommen". Diese Einsparungen an der Verpackung sieht Ehrlitzer als
"Hauptgrund dafür, dass es immer noch Etiketten gibt, die man mühsam
abknibbeln muss".

Seife, Fön, Orangenöl

Welche Methode hilft zuverlässig, wenn man Nerv-Etiketten abknibbeln
muss, weil der Hersteller am Kleber gespart hat? Das lässt sich so
einfach nicht beantworten – denn einem Etikett sieht ein Laie kaum an,
ob es nun mit Schmelz-, Dispersions- oder sonst einem Klebstoff
befestigt ist.

Also erst mal die milden Methoden ausprobieren, rät Klemens
Ehrlitzer, Geschäftsführer des Etikettier-Verbandes: "Beim Ablösen
helfen in den meisten Fällen die beiden Methoden Wasser und Seife oder
Erwärmen. In den Fällen, wo das nicht hilft, muss man die diversen
Tricks durchprobieren."

Als Hausmittelchen gegen Knibbel-Kleber empfehlen in Internet-Foren (es gibt in
vielen
Web-Foren
Debatten über die beste Methode zum Etikettentfernen) Experten aus
eigener Erfahrung Reinigungsbenzin, Zitronensaft, Orangenöl, aber auch
exotischere Helfer wie diese: 

  • Butter ("über Nacht einweichen lassen, am nächsten Tag kann man alles abreiben"),
  • Dispersionsentferner ("hat mir ein erfahrener Malermeister empfohlen")
  • Nagellackentferner ("geht immer und den hast du auch zu Hause")
  • und Tesafilm ("gut festreiben und dann mit einem raschen Ruck abziehen").

Was davon hilft, können auch die Etikettenhersteller nicht pauschal
sagen. Ihr Rat: vorsichtig rumprobieren (siehe Kasten unten).

ETIKETTEN-HERSTELLER: EXPERTEN-TIPPS GEGEN KNIBBEL-KLEBER

Claudia Gross, Marketing-Managerin beim Etiketten-Hersteller Bizerba"
Was hilft, hängt sehr vom Klebstoff ab. Generell kann man sagen:
Entweder Klebstoffentferner verwenden oder aber das Etikett erwärmen,
das macht den Klebstoff dünnflüssiger und flexibler."

Sven Schneller, Geschäftsführer Etiketten-Hersteller Herma
"Die meisten Hausmittelchen haben leider den einen oder anderen
unerwünschten Nebeneffekt. Dort ist Vorsicht geboten.
Nagellackentferner greift zum Beispiel oftmals aggressiv Oberflächen
an. Wir haben deshalb einen Etikettenentferner entwickelt. Er basiert
auf speziellen Ölen, die den Haftkleber unterwandern und ihn damit
schonend lösen. Wer unbedingt auf Hausmittel schwört, sollte noch am
ehesten zu Reinigungsbenzin oder Orangenöl greifen. Dabei ist nach
unserer Einschätzung das Risiko von Nebenwirkungen am geringsten, wenn
auch nicht ganz auszuschließen. Wichtig ist dabei: Diese Empfehlungen
gelten ausschließlich für Papieretiketten. Folienetiketten wie sie zum
Beispiel als Typenschilder Verwendung finden, sind damit in vielen
Fällen nicht zu lösen. Hier sollte man auch nicht mit Gewalt versuchen,
das Etikett zu entfernen."

Stefan Schulz, Marketing-Manager beim Etiketten-Hersteller Brady
"Bei den meisten Preisauszeichnungsetiketten hilft aber Erwärmen,
beispielsweise mit einem Föhn, oder längeres Einweichen in Wasser. Das
hängt immer davon ab, was für eine Klebstoffart verwendet wurde. Von
der Verwendung von acetonhaltigen Nagellackentfernern oder anderen
gesundheitsgefährdenden Stoffen raten wir ab, obwohl damit das
gewünschte Ergebnis eintreten kann. Wir empfehlen Etikettenlösersprays,
die beispielsweise in Baumärkten erhältlich sind. Bei den
Schmelzklebern ist aber der Wärmetrick und bei den
Dispersionsklebestoffen das Einweichen in Wasser, neben den
Etikettenlösersprays, hilfreich. Hier muss man einfach ausprobieren,
mit welcher Variante sich das Etikett am leichtesten ablösen lässt.
Falls es sich nicht um ein Papieretikett handelt, sollte man den Rand
etwas lockern, damit das Lösungsmittel besser zum Klebstoff gelangen
kann"

Als Alternative zum nachträglichen Knibbeln schlägt ein
SPIEGEL-ONLINE-Leser diese Methode vor: "Ich lasse mir Etiketten, die
direkt auf den Artikeln und nicht auf Umverpackungen kleben, im Laden
entfernen. Lehnt man das ab, verlasse ich den Laden, beschädigt man die
Ware, bekomme ich Ersatz."

Versteckte Einschaltknöpfe, verwirrende Anleitungen, verrückte
Automaten – in der Reihe "Fehlfunktion" stellen wir in loser Folge
Technikärgernisse vor, die Millionen nerven. Schicken Sie uns Ihre
Anregungen mit einer kurzen Begründung. Am besten per

E-Mail.

{jumi [/images/jumisk/google720.php]}
 


 

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
Immer gut: Newsletter abonnieren


auch interessant

Wer investiert in die Zukunft, wenn alle sparen?

Der common senf aktueller Debatten um Staatsausgaben, Tarifverhandlungen und Zinspolitik scheint mir gerade ein gefährlicher: Alle sollen sparen. Der Staat soll weniger ausgeben und damit der Gesamtwirtschaft Geld entziehen. Arbeitnehmer sollen Reallohnverluste akzeptieren, sparen und damit der Gesamtwirtschaft Geld entziehen. Und Unternehmen sollen sparen, bloß keine Kredite aufnehmen für Investitionen

Wer investiert in die Zukunft, wenn alle sparen?

Paradox der Gegenwart

Einerseits sehen so viele Menschen ihre individuellen (Konsum)Bedürfnisse als das wichtigste Gut, als absolut schützenswert. Überspitzte Maxime: Was ich will, ist heilig – alles geht vom Individuum aus. Andererseits erscheint genauso viele Menschen das Individuum ganz klein, wenn es darum geht, etwas zu verändern in der Welt. Überspitzte Maxime: Ich

Paradox der Gegenwart

Wie Schmecken funktioniert

Gelernt: Geschmack und Aroma sind zwei ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Für jede ist ein anderer Teil im Gehirn verantwortlich. Und jede basiert auf unterschiedlichen Daten: Für den Geschmack kommen Eindrücke von der Zunge, fürs Aroma von Rezeptoren in der Nase. Beides vermischt das Gehirn zum Gesamteindruck Schmecken. Sehr lesenswerter Aufsatz darüber

Wie Schmecken funktioniert