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Technikärgernis Tastenbedienung: Achtmal drücken, einmal kochen (Spiegel Online, 2.12.2008)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Technikärgernis Tastenbedienung

Achtmal drücken, einmal kochen

Herd, Mikrowelle, Radiowecker, Kamera – wo früher gedreht wurde, muss man heute oft tippen. Ein Rückschritt! Drehknöpfe sind schneller und intuitiver zu bedienen – aber etwas teurer.

Spiegel Online, 2.12.2008

Die Küche meines alten Büros sah aus wie wohl jede, die sich Grafiker und Redakteure teilen: Im Kühlschrank verschimmelte vergessener Joghurt, der nicht verschimmelte verschwand immer wieder zum Ärger der Besitzer, und natürlich war die Bedienungsanleitung der Mikrowelle verschollen. Und so blieb wenigstens die sauber, da ungenutzt: Es war unmöglich, ohne eine Anleitung die Garzeit einzustellen.


Der schicke silberne Heizriese hatte als einzige Bedienelemente eine Menge kleiner schwarzer Tasten an der Front – wie man damit Zeit und Temperatur einstellt, bleibt ohne Anleitung schleierhaft.

Dabei gibt es doch seit den ersten Röhrenradios ein geniales, intuitiv erfassbares Bedienkonzept, um Werte wie Lautstärke, Temperatur, Frequenz oder Zeitintervall einzustellen: Drehknöpfe. Man erkennt sofort, in welche Richtung sie zu drehen sind und kann das auch mal sehr schnell und dann wieder ganz langsam und genau.

Ein Hoch auf den Drehknopf!

Der Medieninformatiker Andreas Butz, an dessen Lehrstuhl an der Universität München auch die Bedienbarkeit von IT-Geräten erforscht wird, lobt die Vorteile von Drehknöpfen: "Sie sind schneller zu bedienen, geben direktes haptisches und visuelles Feedback und unterstützen existierende konzeptuelle Modelle aus mechanischen Zeiten."

Butz ist selbst schon an der Tastenbedienung einer Mikrowelle
gescheitert. Der Usability-Experte hatte ein Gerät mit sechs Tasten,
Display und Menüsystem gekauft. Er erzählt: "Nachdem ich abends zweimal
aus Versehen die Uhr auf Null gestellt hatte und neu stellen musste,
habe ich sie am nächsten Morgen zurückgetragen und ein Modell mit zwei
Drehknöpfen gekauft: einer für die Leistung und einer für die Zeit."
Wie einfach dieses Gerät zu bedienen ist, merkt man daran, dass dieser
eine Satz genügt, um das Bedienprinzip zu verstehen.

Informatiker scheitert am Glaskeramik-Herd

Aufziehen und zugucken, wie die Uhr zurückläuft, bis es Ping macht –
so einfach kann das sein. Trotzdem verschwinden inzwischen sogar am
Elektroherd die Drehknöpfe. Einige Glaskeramik-Kochfelder zum Beispiel
lassen sich über berührungsempfindliche Tasten steuern. Das hat einen
Vorteil: Man muss nicht mehr die Drehschalter den Platten zuordnen –
neben jedem Kochfeld liegen die entsprechenden Schalter.

Den gravierenden Nachteil dieses Bedienkonzepts spürte ich, als mir auf
so einem Herd in einer Ferienwohnung das Nudelwasser überkochte, die
Tasten nur mit leichter Verzögerung reagierten und die Temperatur nur
langsam, Stufe für Stufe, Tastendruck für Tastendruck senkten, während
mir das kochende Wasser auf die Finger spritzte.

Diese Herd-Tasten waren zwar lahm, aber immerhin verständlich.
Microsoft-Programmierer Tom Hollander klagt,
dass der Tasten-Herd in seiner neuen Wohnung sich beim ersten Versuch
als unbedienbar erwies – "ich konnte ich nicht einmal einschalten oder
eines der Symbole auf den Tasten entziffern ohne das Handbuch zu
lesen."

Tasten kosten etwas weniger

Das schreibt ein Programmierer, der regelmäßig Vorträge über sein
komplexes Fachgebiet hält. Hollanders erklärt die Bedienprobleme so:
"Dies ist einer der Herde mit einer völlig glatten Oberfläche ohne
Drehschalter. Er hat eine Reihe flacher Tasten, mit Symbolen, die mich
an nichts erinnern."

Das abschließende Urteil des Informatikers über seinen Herd: "Er
kocht ganz ordentlich, aber wenn man acht Tastenberührungen braucht, um
die Platte rechts unten auf mittlere Hitze zu stellen, stimmt etwas
nicht."

Dieselben Klagen hört und liest man über viele Geräte, bei denen Tasten die Drehknöpfe abgelöst haben:

  • Radiowecker, bei denen man gefühlt drei Hände braucht, um Weckzeit und Radiofrequenz einzustellen und dann zu speichern.
  • Monitore, bei denen sich Helligkeit und Kontrast früher mit eigenen Drehschaltern einstellen ließen.
  • Anspruchsvollere digitale Kompaktkameras, bei denen man Blendenzahl
    und Belichtungszeit manuell einstellen kann – mit Bedienelementen wie
    Mini-Joysticks an der Kamerarückseite geht das spürbar langsamer als
    mit einem simplen Drehrad.

Tasten oder Knopf? Die Frage wird im Web von Nutzern bei jedem Gerät
aufs Neue erbittert diskutiert. Medieninformatiker Butz schlägt als
Kompromiss vor: "Tasten und Schalter zur Auswahl, Knöpfe zum Einstellen
von Werten."

Was spricht eigentlich gegen Knöpfe?

Butz: "Sie sind etwas teurer." Und bei der Feinabstimmung sind
präzise Tasten manchem kleinen Drehknopf überlegen. Und vor allem
stehen Drehknöpfe nun einmal etwas ab. Bei kleinen Geräten ist das ein
echtes Problem, erläutert Torsten Kiefer von der
Usability-Beratungsfirma Sirvaluse: "Tasten lassen sich auf diesen
Geräten, wie zum Beispiel MP3-Playern und Handys wesentlich leichter
integrieren."

Als Zwischenlösung verpassen Hersteller Technik-Zwergen mittlerweile
Zwischenlösungen wie das Clickwheel oder Wipptasten. Merkwürdig, dass
man die inzwischen auf MP3-Playern, aber nicht an Mikrowellen und
Elektroherden findet.

Informatiker Butz hat es nie bereut, sich ein Austauschgerät mit den zwei
simplen Drehknöpfen besorgt zu haben – "damit bin ich glücklich."


Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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