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Umsatz, Besucher, Bewertung: So verdienen die Web-Riesen im Netz (Spiegel Online, 16.2.2011)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
4 minuten gelesen

Umsatz, Besucher, Bewertung

So verdienen die Web-Riesen im Netz

Fast 20 Dollar Umsatz schafft Google im Jahr pro Benutzer, bei Facebook sind es nur drei – in der Summe werden trotzdem Milliarden daraus. Von AOL bis Xing: eine Analyse der Geschäftszahlen zeigt, welche Web-Firma ihre Reichweite am geschicktesten zu Geld macht.

Spiegel Online, 16.2.2011

{jumi [*3]}

Eigentlich gibt es gar keine neuen Geschäftsmodelle im Internet: Die einen verkaufen Werbeflächen (GoogleFacebook), die anderen verkaufen etwas, das einigen Menschen Geld wert ist (Zuckerwattebäume in Zyngas Online-Spiel Farmville). Nicht viel Neues scheinbar. Solange man sich nicht die Zahlen etwas genauer anschaut.

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Zum Beispiel den Umsatz, den ein Unternehmen im Jahr durchschnittlich pro Nutzer erwirtschaftet. Dieser Wert gibt einen Eindruck davon, wie gut das Geschäftsmodell eines Unternehmens funktioniert, wie viel Erlös das Publikum einbringt. Gut 19 Dollar pro Nutzer verdiente Google im Jahr 2010 den Berechnungen von SPIEGEL ONLINE zufolge, Facebook hat im selben Jahr schätzungsweise nur gut drei Dollar je Nutzer eingenommen (siehe Infografik unten). Das ist ein erstaunlicher Unterschied – schließlich verkaufen doch beide Unternehmen Werbung im Umfeld eines beliebten, kostenfreien Dienstes.

Irgendetwas macht Google da im Moment besser als Facebook: Google nahm 2010 je Nutzer etwa sechsmal so viel ein wie das Soziale Netzwerk. Entweder bieten die Anzeigenkunden bei Google höhere Preise pro Klick. Oder: Ein höherer Anteil der Nutzer klickt auf Seiten mit Suchergebnissen auf passende Anzeigen zu den spezifischen Suchanfragen als auf die Banner im halb-privaten Umfeld eines sozialen Netzwerks, wo man sich eher gemütlich aufhält statt gezielt zu suchen.

infografik_webriesen

Einige weitere Erkenntnisse aus den Daten:

  • Die “New York Times ” nimmt mit ihrem Online-Angebot mehr Geld je Nutzer ein als die Huffington Post, AOL oder Facebook. Allerdings haben AOL und erst recht Facebook ein viel größeres Online-Publikum.
  • Twitter fehlt derzeit ein Geschäftsmodell, aus der enormen Aufmerksamkeit (etwa 160 Millionen Nutzer) im gleichen Maß Einnahmen zu erzielen wie andere Web-Unternehmen: Facebook macht ungefähr dreimal so viel Umsatz pro Nutzer wie Twitter.
  • Dennoch bewerten Twitter-Investoren das Unternehmen hoch – 23 Dollar ist ihnen ein Twitter-Nutzer wert – die Bewertung ist ähnlich hoch wie beim Spieleanbieter Zynga, obgleich diese Firma etwa dreimal so viel Umsatz je Nutzer erwirtschaftet.
  • 19 Milliarden Dollar hat Google 2010 allein mit Werbung auf den eigenen Web-Seiten umgesetzt. 19 Milliarden – Facebook, Twitter, AOL und alle anderen Unternehmen in unserem Vergleich kamen 2010 zusammen nur auf gut ein Fünftel dieser Summe. Zum Vergleich: Im Jahr 2004 machte Google 3,1 Milliarden US-Dollar Umsatz.
  • Xing verdient mit einem ähnlichen Geschäftmodell wie Zynga: Die Minderheit der Nutzer zahlt (acht Prozent bei Xing, etwa drei Prozent bei Zynga). Xings Abo-Modell (oder vielleicht auch der von zahlenden Nutzern empfundene Wert des Angebots) bringt aber einen doppelt so hohen Umsatz je Nutzer ein wie bei dem Spielanbieter. Zynga ist nur aufgrund des großen Publikums (276 Millionen Nutzer Anfang 2011) so lukrativ (schätzungsweise 47 Prozent Umsatzrendite).

Grundlage der Berechnungen sind Umsätze, Besucherzahlen, Gewinne und Firmenbewertungen von acht großen Online-Unternehmen im Jahr 2010, zum Teil beziehen sich die Zahlen auch auf das Jahr 2009 oder 2011, da andere Angaben nicht öffentlich sind. Die Angaben sind alle mit Vorbehalt zu interpretieren, sie skizzieren eher Verhältnisse als dass sie exakte Angaben zum Tagesgeschäft der Unternehmen liefern. Einige Zahlen stammen aus Interview-Äußerungen von Firmengründern oder Managern, einige von anonymen Insidern oder aus Prognosen. Um diese Unterschiede transparent zu machen, dokumentiert eine kommentierte Linksliste auf der Folgeseite alle Quellen. Wir haben zudem das Zahlenmaterial in einer Tabelle angehängt.

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Quellen Nutzerzahlen:

Quellen Jahresumsätze und -gewinne:

Quellen Firmenwert

  • Google: Börsenwert am 14.2.2011 laut Google Finance
  • FacebookFacebook-Mitteilung Januar 2010
  • Zynga: Schätzungen vom Februar 2011 laut ” Wall Street Journal
  • AOL: Börsenwert am 14.2.2011 laut Google Finance
  • Twitter: Firmenwert in einer Finanzierungsrunde im Dezember 2010 laut “Informationweek
  • New York Times Digital: Börsenwert der New York Times Corporation am 14.2.2011 laut Google Finance. Der Börsenwert der New York Times Gruppe ist nur begrenzt mit dem von Google oder AOL vergleichbar, da der Digitalbereich der New-York-Times-Gruppe im vierten Quartal 2010 nur 26 Prozent des Gesamtumsatzes der Firma erwirtschaftete.
  • Huffington Post: laut AOL bezahlter Kaufbetrag
  • Xing: Marktkapitalisierung am 14.2.2011, in US-Dollar umgerechnet zum Tageskurs, Quelle: Börse Frankfurt

Die Rohdaten in tabellarischer Übersicht

Web-Riesen: Umsatz, Besucher, Bewertung
Firma Nutzer (Mio.) Umsatz 2010 (Mio. Dollar) Umsatz je Nutzer (Dollar, ge-
schätzt)
Firmenwert (Mio. Dollar) Firmenwert je Nutzer (Dollar) Jahresgewinn / -Verlust 2010 (Mio. US-Dollar) Gewinn-/ Verlust
marge
Google 1.000 19.444 19,4 199.700 199,7 8.500 44
New York Times Digital 33 212 6,4 1.530 46,4 67 32
AOL 245 2.400
Anzeigen: 1.300
9,8
Anzeigen: 5,3
2.260 9,2 -783 0
Facebook 500 1.600 3,2 50.000 100,0 473 30
Zynga 276 850 3,1 7.000 25,4 400 47
Huffington Post 25 30 1,2 315 12,6
Twitter 160 140 0,9 3.700 23,1
Xing (2009) 9 61 7,0 280 32,1 -2 -3

Die Tabelle zum Download als: XLS– / CSV-Dokument.

 

 

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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