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Verschont uns! (Süddeutsche Zeitung, 22.2.2001)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
2 minuten gelesen

Verschont uns!

Napster zeigt: Das Internet ist auch nicht, was es mal war

Süddeutsche Zeitung, 22.2.2001

Eine Milliarde Dollar kostet der Beweis, dass auch das neue Medium Internet alten Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie und Judikative folgt. Soviel bietet nun die Internet-Tauschbörse Napster der Musikindustrie, um eine gerichtliche Schließung zu verhindern.

Das jetzt veröffentlichte Angebot zielt auf eine außergerichtliche Einigung. Akzeptieren Musikverlage das Angebot, entfällt ihr Klagegrund, da sie keinen materiellen Schaden mehr erleiden. Konkret bietet Napster für die nächsten fünf Jahre EMI, Sony, Universal und Warner jährlich 150 Millionen Dollar. Die genaue Aufteilung soll sich nach der Anzahl des bei Napster tatsächlich getauschten Materials richten. Weitere 50 Millionen Dollar Lizenzgebühren sollen jährlich an kleinere Firmen gezahlt werden. Die hofierten Unternehmen reagieren verhalten. „Eine Milliarde ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass Einnahmen von 35 bis 40 Milliarden Dollar im Jahr durch Napster gefährdet sind“, sagte Richard D. Parsons von AOL Time Warner.

Auch wenn es derzeit anders aussieht, spricht wenig gegen eine Einigung zwischen Napster und der Musikindustrie – denn Napster gehört schlicht zur Musikindustrie. Nicht so sehr, weil Bertelsmann im Oktober 2000 Partner wurde und 200 Millionen Dollar Kredit gewährte. Viel eher, weil Napster/Bertelsmann dasselbe Ziel wie alle Medienunternehmen hat: Gewinn. Warner und Konsorten wollen Geld von Napster, Napster will Geld von seinen Nutzern. Ab Sommer sollen die derzeit 64 Millionen Kunden Gebühren zahlen. Bis zu 9,95 Dollar im Monat wird das unbegrenzte Tauschen von Dateien kosten. 2005 will Napster mit 14 Millionen Kunden 832 Millionen Dollar Einnahmen erzielen.

Der heutige Konflikt funktioniert nach bekannten wirtschaftlichen Prinzipien und Handlungsmustern. Es ist nicht der antikapitalistische Freiheitskampf, zu dem er gern stilisiert wird. Napster verfolgt letztlich das leicht modifizierte Geschäftsprinzip jedes Radiosenders oder Fernsehkanals: Man verkauft Informationen, die sonst niemand hat. Bei Napster werden Daten zwar dezentral bei den Nutzern gelagert, doch die Information, wo etwas zu finden ist, liegt allein auf den Zentralrechnern des Unternehmens.

Damit sind die einstigen Versprechen des Internet-Zeitalters ad absurdum geführt. „Information will frei sein“, war so eines. Tatsächlich will Information gar nichts. Hier rächt sich, dass Netzutopisten schlicht ignorierten, dass sie auf der Erde leben. Jede Technologie wird stärker von sozialen, ökonomischen, politischen Strukturen geformt, als dass sie diese verändert. So hat im Vorjahr ein französisches Gericht Inhalte auf einem amerikanischen Server gesperrt. So erzwingt die US-Regierungen den Einsatz von Zensur-Technologie bei öffentlichen Netzzugängen in Bibliotheken. Und so arbeitet Napster an einer Verschlüsselungstechnik, welche die Nutzung der Inhalte kontrollierbar macht. Informationsmonopole sind halt ein hervorragendes Geschäftskonzept. Wäre Brechts Radiotheorie von jedermann als gleichwertigem Sender und Empfänger Wirklichkeit geworden – es gäbe kein Napster, keine Gewinnprognosen und wohl auch kein Internet. 

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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