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Visionen und Gaga-Prognosen: Wie schlecht das Gates-Orakel wirklich ist (Spiegel Online, 26.6.2008)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
7 minuten gelesen

Visionen und Gaga-Prognosen

Wie schlecht das Gates-Orakel wirklich ist

Geldbörsen-Computer, Internet-Lautsprecher und Zuschauer, die sich in Hollywood-Filme beamen: Microsoft-Gründer Gates hat sich in seiner Karriere mit einigen Peinlichprognosen blamiert. Wie richtig er mit manchen Vorhersagen lag, wird bei aller Häme vergessen – SPIEGEL ONLINE zieht Bilanz.

Spiegel Online, 26.6.2008

Was hat Microsoft-Gründer Bill Gates nicht schon alles prophezeit. Vor fünf Jahren zum Beispiel den Siegeszug der
vernetzten Allzeit-Online-Armband-Uhr (mehr…).
Gates, der sich Ende dieses Monats endgültig aus dem Microsoft-Geschäft
zurückzieht, orakelte im Jahr 2000, die Armbanduhr werde sich vom
"Zeitmesser" zur "Informationsquelle" entwickeln. Das sei eine
"grundlegende Veränderung".

Für diese Vision hat Gates seitdem viel Häme kassiert – denn
gemessen an angeblich geplanten fünf Milliarden Dollar
Entwicklungskosten für das zugrundeliegende Spot-Konzept ("Smart
Personal Object Technology") ist die Zauberuhr ein Totalflop.

Gates hat immer schon gern orakelt – und damit kräftig
Öffentlichkeitsarbeit für Microsoft-Produkte gemacht. Sein 1995
veröffentlichtes Buch "The Road Ahead" ("Der Weg nach vorn") ist eine
elaborierte Vorhersagensammlung.

Eine von Gates’ Prognosen
aus dem Band ist mit Sicherheit eingetreten: "Was ich korrekt
vorhergesagt habe, wird als offensichtlich erachtet werden, die
Fehlprognosen werden amüsant sein", zitiert das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" aus der englischen Ausgabe.

In der Tat: Über die Microsoft-Armbanduhr lachen Nerds noch immer.
Aber mit ein paar Prognosen lag das Gates-Orakel ziemlich richtig.

Musikvertrieb, Digitalgeld, E-Mail-Nutzung – SPIEGEL ONLINE analysiert die Trefferquote des großen Gates:

Die CD stirbt – Treffer

 

Als Bill Gates an dem 1995 erschienen Buch "Der Weg nach vorn"
arbeitete, waren "Ace Of Base" und "East 17" in den Charts und Shawn
Fanning, der Jahre später die Software für die erste populäre
Musiktauschbörse Napster programmierte, feierte seinen 14. Geburtstag.
Es gab damals noch keine MP3-Player, denn der erste kam erst 1998 auf den Markt (mehr…, siehe auch Fotostrecke unten), und Apple siechte dahin. Der erste iPod erschien erst Ende 2001.

In diesem Musikmittelalter formulierte Bill Gates eine Prognose, die heute banal klingt – weil sie eingetreten ist:

 

"Musik-Labels und sogar
einzelne Künstler könnten sich entscheiden, Musik auf einem neuen Weg
zu vertreiben. Sie, der Kunde, werden keine CD, Kassetten oder andere
physische Datenträger mehr brauchen. Die Musik wird digital auf Servern
gespeichert sein. Einen Song oder ein Album zu "kaufen", wird bedeuten,
das Recht zu erwerben, die entsprechenden digitalen Daten abzurufen."

Gates hat lange vor Napster und iPod vorausgesagt, dass die
Digitalisierung CDs verdrängt, das Album als Vertriebspaket in Frage
stellt, den Musiklabels die Macht nimmt – und sie den Künstlern gibt.

 

Digitalmusik kommt als Stream – daneben

 

In einem entscheidenden Punkt irrte Gates aber bei seiner Vision von
der digitalen Musikwelt: Er dachte 1995 nicht an Download-, sondern an
Streaming-Angebote.

Er beschrieb eine Welt, in der man Musik "zu Hause, im Büro, im
Urlaub" hören könne, ohne "eine große Sammlung von Titeln mit sich
herumzuschleppen". Denn überall würden "Lautsprecher mit Anschluss an
die Datenautobahn" stehen, über die man nach einer Identifizierung
seine Musik abrufen könne.

Kleiner Denkfehler dabei: Wie kommen die Streams zu Joggern,
Autofahrern oder Menschen, die am Badesee liegen? Und das auch noch
kostenlos, denn wer bezahlt schon für die Übertragung seiner gekauften
Musik?

Das große Bild hat Gates 1995 erstaunlich zutreffend erfasst – dass
er das Detail mit den Musik-Downloads übersah, könnte ein Grund dafür
sein, dass Apple den Markt für Digitalmusik 2001 mit dem iPod und der
iTunes-Software aufmischte. Solange das Netz nicht bei geringen Kosten
allgegenwärtig ist, gibt es einen Markt für Musikabspieler mit eigenem
Speichermedium.

Diesen Download- und Unterwegsabspielmarkt bedient nun Apple, nicht
Microsoft mit seinem iPod-Nachzügler Zune (siehe Fotostrecke oben).


Vom Winde verweht mit Zuschauerstimmen – daneben

 

Diese Fehlprognose ist nicht bloß amüsant, sie war schon 1995
komplett lächerlich: Gates (oder einer seiner Co-Autoren) phantasierte
in der Orakel-Sprüchesammlung "Der Weg nach vorn" eine Welt herbei, in
der Zuschauer sich einen Filmklassiker wie "Vom Winde verweht" mit
"ihren eigenen Gesichtern und Stimmen anstelle derer von Vivien Leigh
und Clark Gable" ansehen können.

Das geht auch anderthalb Jahrzehnte nach der Prophezeiung nicht –
vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil diese Vorstellung nur recht
wenige Menschen begeistert.

Für die "Vom Winde verweht"-Mitmachversion muss sich Bill Gates
seither belächeln lassen. Als das US-Magazin "Time" ihn im Jahr 2000 zu
einem der 100 wichtigsten Menschen des 20. Jahrhunderts erklärte, zitierte es in seiner Gates-Würdigung
aus "Der Weg nach vorn" ausschließlich die " Vom Winde verweht"-Passage
– mit dem süffisanten Kommentar: "Offensichtlich ist es genau das,
wofür Menschen sterben würden." Bitter für Gates.

E-Mail wird Mainstream – Treffer

 

1997 prophezeite Bill Gates auf einem
Microsoft-Kongress
den Siegeszug der E-Mail. Seine Vorhersage damals: "In zehn Jahren wird
die Mehrheit der Erwachsenen E-Mails nutzen." Stimmt: 2007 nutzen 70
Prozent der US-Bürger das Internet, 90 Prozent davon mailen regelmäßig,
68 Prozent der Deutschen sind online.

Dass E-Mail zum Alltags- und Allerweltsmedium wird, war 1997 keine
ausgemachte Sache, auch wenn die Annahme heute selbstverständlich
erscheint. Gates hat nicht nur die Mainstream-Prognose aufgestellt – er
hat auch die Zeit recht genau eingeschätzt, die bis zu diesem Zeitpunkt
vergehen würde. Respekt!


Digitale Fahr- und Eintrittskarten – daneben

 

Da hat das Gates-Orakel wenig Phantasie bewiesen: Der
Microsoft-Gründer malte 1994 in einem Interview mit der US-Ausgabe des
"Playboy" eine papierlose Zukunft aus, in der ein tragbarer Mini-PC
Einritts- und Fahrkarten ersetzen soll. Gates’ anschauliches Schlagwort
für die Technologie damals: "Wallet PC", der Geldbörsen-Computer.

Der Microsoft-Gründer umschrieb dieses Gerät damals so: "Anstelle
von Eintrittskarten fürs Theater wird Ihr Wallet PC digital beweisen,
dass Sie bezahlt haben. Unsere Vision ist, dass dieser kleine, tragbare
PC in etwa fünf Jahren kommt." Auch Flugtickets sollte dieser
geldbörsengroße Computer ersetzen.

Heute trägt jeder solch einen Mini-Computer mit sich herum – als
Mobiltelefon. Aber kaum jemand nutzt Unterwegstelefone als Träger für
digitale Eintrittskarten. Im Flugverkehr werden heute gut 90 Prozent
der Tickets elektronisch ausgestellt. Den umständlichen Umweg über das
Handy sparen sich die Gesellschaften: Die Kunden identifizieren sich am
Flughafen per Ausweis, EC- oder Kreditkarte und erhalten die Bordkarte
für ihre Buchung.

Leider muss man im deutschen öffentlichen Personennahverkehr weiter Papiertickets stempeln – was in vielen Städten Besucher
komplett verwirrt und unabsichtlich schwarzfahren lässt (mehr… ).

In der Londoner U-Bahn hat sich ein anderes System bewährt: Dort
können Kunden seit drei Jahren Fahrkarten mit im Voraus bezahlten
Oyster-Karten (mit RFID-Chip), sogenannten Smart Cards ziehen.
Inzwischen werden nur noch fünf Prozent der Fahrkarten mit Münzen
bezahlt.

Digitale Geldbörse – daneben

 

Mit dem "Wallet PC" hatte Microsoft-Gründer Gates viel vor: Nicht
nur Eintritts- und Fahrkarten sollte der Geldbörsenkleinrechner
speichern, sondern sogar digitales Bargeld.

O-Ton Gates: "Wenn Ihr Sohn Geld braucht, können sie fünf Dollar von
Ihrem Wallet PC auf seinen übertragen." Diese Versager-Vision zitiert das US-Magazin "Forbes" heute noch genüsslich.

Allerdings war Gates Mitte der neunziger Jahre nicht der einzige,
der die Zukunftsaussichten digitaler Bargeldkonkurrenz so krass
überoptimistisch einschätzte. Als 1996 in Deutschland die Geldkarte
eingeführt wurde, waren die Hoffnungen ähnlich groß. Heute kann man mit
diesem Chip auf der Bankkarte Fahrkarten und Zigaretten kaufen, sich
damit an den neuen Zigarettenautomaten sogar als Erwachsener ausweisen.
Trotzdem: "Die Geldkarte ist ein Flop", sagte der Zahlungsverkehrsexperte Hugo Godschalk im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE (mehr…). "Die Transaktionszahl liegt heute nach zehn Jahren bei der schlimmsten Annahme, die man 1996 für das Jahr 1999 getroffen hat."

Und selbst wenn das Digitalgeld sich an Automaten durchsetzt, ist
Bargeld auf einem Gebiet noch immer praktischer, urteilt Godschalk: "Im
Bereich der Kleingeldzahlungen, wo man Menschen Geld gibt, ist Bares
oft effizienter, schneller, einfacher."

Wie war das mit den fünf Dollar Taschengeld?


Wie das Netz unser Leben verändert – Treffer

 

1997 beschrieb Bill Gates in einer
Rede
das Internet, wie wir es heute kennen. Gates sprach von einem
"Netz-Lebensstil", konkret: Wenn Menschen "eine Reise planen, einen
größeren Einkauf machen, Dinge mit ihren Freunden abstimmen, werden sie
das Internet als Teil dieses Prozesses verwenden."

 

Gates hat sehr früh die Bedeutung von dem heute so oft beschworenen
"User generated Content" erkannt. 1995, als er in "Der Weg nach vorn"
darüber schrieb, erwähnte er als konkrete Anwendung Produkttests: "Wenn
Sie einen Kühlschrank kaufen wollen, werden Sie zuvor die Foren mit
Anwender- und Testberichten durchstöbern."


Das E-Book – unentschieden

 

Das E-Book ist ein Lieblingsthema von Microsoft-Gründer Gates: 1995
schon prophezeite er in seinem Buch "Der Weg nach vorn", dass uns
letzten Endes der Fortschritt in der Display- und Prozessortechnik ein
"leichtes, universelles elektronisches Buch" bescheren werde. Und im
Jahr 2000 orakelte Bill Gates wagemutig auf der Computer-Show CES in
Las Vegas: "Wir haben eine Vereinbarung getroffen, die den Markt für
E-Books explodieren lassen wird."

Damals richtete der US-Buchhandelsriese Barnes and Noble auf seiner
Internet-Seite einen Download-Bereich für digitale Bücher ein und warb
aggressiv in seinen gut 1000 US-Filialen für diesen neuen "eBookstore".
Erfolglos. Die Realität klingt auf der Web-Seite von Barnes and Noble
heute so: "B&N.com verkauft und unterstützt eBook nicht länger. Wir
entschuldigen uns für alle Unannehmlichkeiten, die das verursachen mag."

Allerdings versucht seit Ende 2007 der E-Commerce-Riese Amazon sein Glück auf diesem Markt
mit einem eigenen Bücher-iPod, dem "Kindle" (mehr…). Ausgang offen.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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