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Die Mission Impossible der Polaroid-Jünger

Konrad Lischka
Konrad Lischka
6 minuten gelesen
Die Mission Impossible der Polaroid-Jünger

2008 machte Polaroid seine letzte Filmfabrik in den Niederlanden dicht, Filme gibt es seitdem nur aus Restbeständen. Doch ein Start-up macht sich ans Revival des Sofortbildkults. Der Gründer will die Analogtechnik als Design-Objekt vermarkten – und in der Nische bald wieder Geld verdienen.

Spiegel Online, 1.7.2009

34 Jahre lang konnte sich Henk Minnen in dieser Fabrikhalle nur schreiend verständigen. Heute hört man in dem gelblich ausgeleuchteten Raum von der Fläche eines Fußballplatzes aus vielen Metern Entfernung, wie der Ingenieur einen der zwei Kugelschreiber aus der Brusttasche seines karierten Kurzarmhemds zieht und auf die Arbeitsplatte vor sich klopft.

Unbenannt

Der 57-Jährige schreibt Inventarlisten. Er lehnt sich an die Integralfilmmaschine Nummer 43, groß wie fünf Elefanten. Minnen erzählt mit ruhiger Stimme, warum es im Gebäude Nord seit einem Jahr so still ist: Polaroid hat hier am Standort Enschede am 14. Juni 2008 den letzten Sofortbildfilm produziert. Die Produktion sank von 30 Millionen Einheiten jährlich auf null. Statt einer Lautstärke von 80 Dezibel (so viel wie ein Laubbläser) herrscht jetzt Stille.

Im ersten halben Jahr ist wenig auf dem verlassenen Fabrikareal passiert: Der größte Indoor-Flohmarkt der Region Overissel hat in einem alten Lager eröffnet. In einem Verwaltungsbau treffen sich die Mitglieder der Senioren-Initiative 55 plus. Auf der Fassade markiert ein Schmutzrand die Stellen, wo früher in Leuchtbuchstaben Polaroid stand. Dort klebt nun ein Schild: “te huur” – zu vermieten.

In der Maschinenhalle hinter Flohmarkt und Seniorentreff zählt Ingenieur Minnen jetzt die noch brauchbaren Folienrollen, mit denen man Sofortbildfilme beschichtet. Er arbeitet für eine kleine Firma mit dem schönen Namen Impossible B.V, die im nächsten Jahr einen komplett neu entwickelten Sofortbildfilm auf den Markt bringen will. Zehn Ex-Angestellte der Polaroid-Fabrik sind hier tätig. Das Ziel: eine Million Filme im ersten Jahr verkaufen.

Der Mann mit dem Plan sitzt vor einem Macbook Air in einem Büro neben der Maschinenhalle und liest seine E-Mails: Florian Kaps, 39. Er hat mal eine Doktorarbeit über Spinnenaugen geschrieben, dann die russische Analog-Kamera LC-A für die Lomografische Gesellschaft vermarktet, vor einem Jahr Polaroid-Inventar in Enschede gekauft, erfahrene Mitarbeiter übernommen, eine Fabrikhalle gemietet, ein W-Lan-Netzwerk eingerichtet und einen Businessplan geschrieben. In dem steht, Ikonen der Analog-Medien seien unsterblich und hätten ein erstaunliches Verkaufspotential in Nischenmärkten.

Unbenannt

Die kaufkräftigen Kunden in diesen Nischenmärkten werden wohl ein wenig aussehen wie Kaps: Er trägt ein verwaschenes Polaroid-Polohemd (“habe ich hier im Schrank gefunden”), Sneaker, ein iPhone in der Jeans und einen Zopf. Natürlich ist er begeistert von Sofortbildfilmen als Material: “Jedes Bild ist ein Unikat. Es gibt keine Negative. Wie die Farben werden, hängt auch von Umwelteinflüssen ab wie der Temperatur, dem Licht nach dem Auslösen.”

Aber Kaps sieht nicht nur den Kult, sondern auch das Produkt mit Absatzchancen: “Einige Leute würden gerne die Legende schreiben, dass ich das gemeinnützig mache, um den Sofortbildfilm wieder aufstehen zu lassen; dass die alten Polaroid-Mitarbeiter hier umsonst arbeiten, weil sie das Projekt unterstützten. Das ist nicht so. Meine Mitarbeiter verdienen Geld und natürlich will ich mit dem neuen Film auch Geld verdienen.”

Analog-Filme funktionieren als Nischenprodukt

Der Plan ist gar nicht so absurd, wie er zunächst klingen mag: Polaroid entschied sich 2004, Tochterfirmen, die Chemikalien für die Filmfertigung zulieferten, zu schließen. Der Plan sah vor, noch zehn Jahre lang Sofortbildfilme mit Restrohstoffen herzustellen und die Produktion langsam der sinkenden Nachfrage anzupassen. Die Nachfrage aber war nicht null – und sie sank auch nicht so schnell wie gedacht. Kaps erklärt das Problem, das zum abrupten Aus führte: “Die Sofortbildfilme haben sich besser verkauft, als Polaroid prognostiziert hatte. Es wurden mehr Filme hergestellt, mehr verkauft und daher gingen die Vorräte an Rohstoffen für die Filmproduktion schneller zur Neige als gedacht – nach vier statt nach zehn Jahren.”

Es ist nämlich nicht so, dass sich niemand mehr für analoge Fotografie interessiert. Im Gegenteil: Eine sehr aktive, kaufkräftige und junge Gemeinde knipst mit Analog-Kameras wie Holga und LC-A (die Lomo-Firma hat gerade eine sechsgeschossige Galerie in Shanghai eröffnet) – und eben auch mit Polaroid-Kameras, weil Analog-Fotos einen ganz eigenen Retro-Charme haben. Für Konzerne, wie Polaroid es einst war, sind diese Nischenmärkte allerdings wenig interessant. Die Umsätze sind klein, da können die Gewinnmargen noch so verlockend sein.

Von 1200 Mitarbeitern auf 12

Wie groß Polaroid einmal gewesen ist, sieht man noch überall in den alten Fabrikhallen: Im Zimmer des Betriebsarztes, wo Kapp manchmal übernachtet, liegt das Polaroid-Telefonbuch von 1996: 182 Seiten ist es dick. Allein in Enschede hat die Firma von 1975 bis zum Ende gut 1,6 Milliarden Integralfilme hergestellt – 1200 Mitarbeiter waren es noch 1994.

Florian Kaps hat heute zwölf Mitarbeiter und etwa drei Millionen Euro Risikokapital, das Geschäftsleute, Regisseure, Kamerahändler, Freunde und Angehörige investiert haben. Das Kalkül hinter der Idee: Einige gute alte Technologien aus der analogen Zeit können sich heute vom Massen- zum Kultprodukt entwickeln. Nur weil große Unternehmen entscheiden, dass man mit Filmen, Vinyl und vielleicht einmal Papier im großen Stil kein Geld mehr verdienen kann, heißt das nicht, dass es gar nicht geht. “Welcher klassische Manager überlegt sich schon gerne, wie man ein Geschäftsmodell intelligent downscalen kann? Da geht es immer nur um mehr Umsatz, mehr Gewinn – Wachstum”, sagt Kaps.

Und genau darin liegt derzeit seine wichtigste Aufgabe: intelligent schrumpfen.

 

  • Seine Mitarbeiter entwickeln einen neuen Sofortbildfilm, der sich in kleineren Stückzahlen profitabel herstellen lässt. Eine Million Einheiten will Kaps 2010 verkaufen. Polaroid konnte es sich erlauben, für die gut 20 Einzelteile eines Integralfilms zum Teil teure oder gar exklusiv von Zulieferern gefertigte Komponenten zu nutzen. Impossible B.V. wird günstigere Standardbauteile verwenden.
  • Kaps hat auf dem riesigen Polaroid-Areal die kleinste Halle gemietet und alle brauchbaren Maschinen und Ersatzteile für die Filmentwicklung und -herstellung hierher gebracht. Für die 14.200 Quadratmeter (drei Etagen) zahlt er knapp 190.000 Euro Miete im ersten Jahr.
  • Die Vertriebsstruktur für den neuen Sofortbildfilm wird schlank sein: Direktverkauf online und Galerien, Museumsshops, Fotogeschäfte und coole Läden wie Urban Outfitters in den Vereinigten Staaten. In Europa erledigt Kaps den Vertrieb, in den Vereinigten Staaten eine Tochterfirma mit drei Angestellten, in Südkorea, Japan, Hongkong und Shanghai verhandelt er mit möglichen Partnern.

Als erstes Produkt wird Anfang 2010 ein Monochrom-Sofortbildfilm mit acht oder zehn Bildern auf den Markt kommen, der 18 bis 20 Euro kosten soll. Dass dieser Film in den Handel geht, ist zu “99,5 Prozent” sicher, kündigt Kaps an. Einen Namen für den Film hat er noch nicht – Polapremium ist einer der aussichtsreichsten Kandidaten. Ein Farbfilm soll im Jahresverlauf folgen und später dann eine neue Sofortbildkamera mit ordentlicher Linse und manuellen Einstellmöglichkeiten. “Die Filme haben Priorität – schließlich gibt es wohl knapp eine Milliarde funktionierender Polaroid-Kameras weltweit”, sagt Kaps.

Apple-Fans fotografieren analog

Die Käufer der neuen Sofortbildfilme beschreibt Kaps Businessplan so: “24 bis 47 Jahre alt, 55 Prozent männlich, hohes Bildungsniveau, kreativ, hohes verfügbares Einkommen, mehr als 52 Prozent Apple-Anwender.” Die Kreativen-Zielgruppe bedient Kaps heute schon ganz erfolgreich mit seinem Online-Shop Polapremium, wo er Kameras, Zubehör und Filme verkauft. Er hat 500.000 Sofortbildfilme aus der letzten Polaroid-Produktion erworben. Die ersten 100.000 hat er binnen fünf Monaten verkauft. Preis pro Film: 20 Euro.

Neben der Herausforderung, Vertrieb und Vermarktung komplett umzustellen, gibt es bei der Neuerfindung des Sofortbildfilms auch noch ein paar technische Probleme. Eines davon löst Ingenieur Henk Minnen gerade: Eine Charge der Folie, mit der Polaroids beschichtet wurden, taugt nichts. Minnen: “Da hatte der Polaroid-Lieferant ein Problem, die Rollen waren bei einer der letzten Lieferungen zu eng gewickelt, deshalb kleben sie aneinander, was beim Aufwickeln die Folie schädigt.” Minnen zählt durch, wie viele brauchbare Rollen noch vorhanden sind und wie schnell Ersatzmaterial von neuen Lieferanten gefunden werden muss.

Bei den Maschinen ist der Vorrat an Ersatzteilen noch groß. Minnen: “Die können noch lang laufen. Wir haben nicht nur viel Ersatzmaterial, sondern auch zwölf Maschinen insgesamt. Für die Produktion brauchen wir am Anfang nur eine.” Personal mit Fachwissen ist da fast wichtiger: Ohne erfahrene Leute wie Henk Minnen könnte die Produktion kaum anlaufen.

Da die Maschinen lichtempfindlichen Film herstellen, muss es im Inneren vollkommen dunkel sein. Wenn die Produktion irgendwo hakt, geht der Maschinenführer durch eine Lichtschleuse hinein und ertastet die Fehlfunktion. Minnen: “Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um die Maschine in der Dunkelheit bedienen zu können. Ein Kollege ist mit mir jeden Tag da rein, hat meine Hände genommen und sie zu den entsprechenden Maschinenteilen geführt, mir erklärt, was das ist.”

Wenn der Plan funktioniert, spuckt Maschine 43 im nächsten Jahr die ersten neuen Integralfilme aus. 3000 Stück in der Stunde. Und dann wird es wieder etwas lauter in Gebäude Nord.

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
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