Zum Inhalt springen

Ätz-Blog Uncov: "So nützlich wie ein Tumor" (Spiegel Online, 18.10.2008)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
3 minuten gelesen

Ätz-Blog Uncov

"So nützlich wie ein Tumor"

Die Krise ist da und das Basher-Blog Uncov kehrt zurück, verspottet die verwöhnten Internet-Startups, verhöhnt die dämlichsten IT-Neugründungen und überschüttet gehypte Firmen mit Häme und fiesen Fotos. Motto: "Eine harte Wahrheit für das Silicon Valley."

Spiegel Online, 18.10.2008

{jumi [/images/jumisk/sharethis.php]}

Ted Dziuba fehlt der Respekt. Vor Startup-Gründern wie
Kevin Rose
zum Beispiel, der mit einem Dateitauschdienst namens Pownce das Web
revolutionieren will. Dziuba kommentiert die Idee in seinem Ätz-Blog "
Uncov": "Man darf nur Dateien hochladen, die kleiner als zehn Megabyte sind. Das ist so nützlich wie ein Tumor."

{jumi [/images/jumisk/google420.php]}

Und überhaupt seien
Dateitauschdienste
im Web unnütz, solange es sich dabei nicht um "A. urheberrechtlich
geschütztes Material, B. Pornografie oder C. beides" handelt. So fies
Blogger Dziuba schreibt, so sehr trifft seine Analyse auch. Pownce ist
auch in dem Jahr, das seit Dzibas Analyse vergangen ist, nicht
wesentlich erfolgreicher geworden.

"Katastrophales Versagen"

Genauso wie Wikia, die anfangs so gehypte Suchmaschine von
Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales.
Gegen dieses Projekt ätzte Dziuba in seinem Blog, als noch viele
jubelten: "Jeder kann im Internet Anleitungen finden, wie man versagt.
Aber für ein katastrophales Versagen braucht man angereichertes
Misslingen, ein Team von Wissenschaftlern und Maschinen und solches
Zeug."

Warum aus Wikia nichts werden kann, wusste Dziuba schon Anfang
dieses Jahres und analysierte es pointiert: "Also, jemand baut eine
Open-Source-Suchmachine, benutzt Software mit allgemein verfügbaren
Ranking-Algorithmen und lässt dann noch anonyme Nutzer die
Ergebnisseiten bearbeiten. Was könnte da wohl schiefgehen?"

Dziuba hat es schon immer gewusst oder zumindest vollmundig
beschrieben: Die meisten Ideen der mit Investment-Millionen
ausgestatten Startups im Silicon Valley taugen nichts. Das schrieb er
vom April 2007 bis Anfang 2008 wieder und wieder auf, dann nahm er ein
paar Monate Auszeit, um sich selbst als IT-Gründer (einer
Blogsuchmaschine) zu versuchen. Die Firma ist nicht besonders
erfolgreich und Dziuba macht endlich wieder, was er offensichtlich am
besten kann: Bissig und amüsant über die Dummheit anderer herziehen.

Lieblingsgegner: Die Konzeptkopierer

Rechtzeitig zur Wirtschaftskrise ist der ätzende Ton der
"Uncov"-Kommentare wieder da. Vor einer Woche, als die Kurse mal wieder
zusammenbrachen, bloggte Dziuba seine "
Harte Wahrheit für das Silicon Valley".
Man sei hier ja "etwas isoliert von der Rezession, weil niemand hier
schlechte Nachrichten wahrnimmt." Aber: "So angenehm das ist, manchmal
müssen auch wir uns mit Leuten abgeben, die in der Realität leben, sie
heißen Investoren."

Das Konzept, ein "soziales Netzwerk für die Eichhörnchen im eigenen
Garten zu programmieren" sei bei Risikokapitalgebern inzwischen nur
noch "die halbe Miete." Die wollten nun auch ein anderes
Geschäftsmodell sehen als "eine Menge Traffic einsammeln und von Google
gekauft werden".

Solche Konzeptkopien machen Dziuba wütend, da schreibt er schon mal
Sätze wie: "Diese Krise ist eine willkommene Reinigung des Internets."
Und: "Selbst wenn mein Projekt mit dem ganzen Rest untergeht, wird mich
entschädigen, dass ich zugucken kann, wie der ganze Mist im Web
untergeht."

 "Uncov" an Blogger: "Es genügt, wenn ihr herumgreint"

"Uncov" nimmt alle auseinander. Die Panikmacher kanzelt ein Beitrag
mit dem schönen, aber nicht angemessen zu übersetzenden Titel "
A Blogger’s Guide to Armchair Economics"
ab. Bloggern rät Dziuba, man könnte zwei Grundtypen von Beiträgen über
die Krise schreiben: "Oh verdammt, wir werden alle sterben" oder
"Leute, die immer mehr Geld hatten als ich, haben immer noch mehr."
Fieses Fazit des Ätz-Bloggers über andere Weblog-Autoren: "Die
Journalisten der Mainstream-Medien werden all die Fakten recherchieren,
es genügt, wenn ihr herumgreint."

Gegen die Optimisten teilt ein andere "Uncov"-Beitrag aus.
Ätz-Blogger Dziuba nimmt einen Artikel des Programmierers und
IT-Gründers Paul Graham auseinander, der für Zuversicht warb,
schließlich seien doch Apple und Microsoft auch zu Krisenzeiten
gegründet worden. Der "Uncov"-Kommentar: "Paul Graham hält es für eine
gute Idee, in einer Rezession eine Firma zu gründen. Wie üblich braucht
Graham sehr viel Text, um sehr wenige Ideen auszudrücken."

Deshalb bietet "Uncov" eine eigene
43-Wort-Fassung
des kritisierten Beitrags an. Die letzten Sätze: "Macht euch keine
Sorgen, Kapital aufzutreiben. Denn es wird einfach etwas Magisches
passieren. Schließlich ist das hier das Silicon Valley."

Solcher Sarkasmus kommt im Silicon Valley in Krisenzeiten offenbar an. Das Klatsch-Blog "
Valleywag" jubelt: "Der Abschwung hat seine Höhepunkte. ‘Uncov’ ist wiederauferstanden."

Drei der ehemals fünf "
Valleywag"-Blogger sind vor ein paar Tagen entlassen worden.

{jumi [/images/jumisk/google720.php]}

Konrad Lischka

Projektmanagement, Kommunikations- und Politikberatung für gemeinnützige Organisationen und öffentliche Verwaltung. Privat: Bloggen über Software und Gesellschaft. Studien, Vorträge + Ehrenamt.
Immer gut: Newsletter abonnieren


auch interessant

Wer investiert in die Zukunft, wenn alle sparen?

Der common senf aktueller Debatten um Staatsausgaben, Tarifverhandlungen und Zinspolitik scheint mir gerade ein gefährlicher: Alle sollen sparen. Der Staat soll weniger ausgeben und damit der Gesamtwirtschaft Geld entziehen. Arbeitnehmer sollen Reallohnverluste akzeptieren, sparen und damit der Gesamtwirtschaft Geld entziehen. Und Unternehmen sollen sparen, bloß keine Kredite aufnehmen für Investitionen

Wer investiert in die Zukunft, wenn alle sparen?

Paradox der Gegenwart

Einerseits sehen so viele Menschen ihre individuellen (Konsum)Bedürfnisse als das wichtigste Gut, als absolut schützenswert. Überspitzte Maxime: Was ich will, ist heilig – alles geht vom Individuum aus. Andererseits erscheint genauso viele Menschen das Individuum ganz klein, wenn es darum geht, etwas zu verändern in der Welt. Überspitzte Maxime: Ich

Paradox der Gegenwart

Wie Schmecken funktioniert

Gelernt: Geschmack und Aroma sind zwei ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Für jede ist ein anderer Teil im Gehirn verantwortlich. Und jede basiert auf unterschiedlichen Daten: Für den Geschmack kommen Eindrücke von der Zunge, fürs Aroma von Rezeptoren in der Nase. Beides vermischt das Gehirn zum Gesamteindruck Schmecken. Sehr lesenswerter Aufsatz darüber

Wie Schmecken funktioniert